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Als aus Volk Folk wurde: "Volkstanzen!" in der Schaubühne Lindenfels

Als aus Volk Folk wurde: "Volkstanzen!" in der Schaubühne Lindenfels

Ende der 70er Jahre entstand eine eigenartige Welle im alternativen Jugenduntergrund der DDR: Junge Leute, in Gestus und Habitus deutlich unangepasst, die Haare meist lang und wirr, begannen deutsche und internationale Folklore zu hören.

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Gassentanz beim "Tanz in der Halle" - 1985 in der Kongresshalle am Zoo.

Quelle: TanzschulArchiv

Aus Volksmusik wurde Folk. Man ging auf musikalische Suche in entfernten Weltengegenden, vor allem aber in der Geschichte der eigenen Region. Die Staatsmacht war höchst misstrauisch: Diese Folker hörten andere Signale als jene, die die FDJ aussandte. Vor allem, wenn sie die aufmüpfigen Lieder aus der Zeit der 1848er Revolution sangen und das dort sehr oft benutzte Wort "Freiheit" dabei so eigenartig betonten. Doch was konnte man schon dagegen haben?

Kurze Zeit später brachte sich die neue Jugendbewegung das Tanzen bei. Es hatte ja kaum einer gelernt: Die klassischen Gesellschaftstänze waren out und zum Viervierteldiscobeat reichten einfachste, immer gleiche Schritte. Die Folkies aber wollten's wissen. Es musste plötzlich Polka, Mazurka, Vogelsteller oder Sniderdanz sein, Schottisch, Polka, Rheinländer, Quadrille. Das Ganze war ein wenig von der ungarischen Táncház-(Tanzhaus-)Bewegung inspiriert, wo es im Zuge einer Besinnung auf die nationalen Wurzeln aufgekommen war.

In der DDR, besonders südlich des Curry-Wurst-Äquators und dort wieder besonders in Leipzig, schossen die Bands wie Pilze aus dem Boden Die "Folkländer" waren die Pioniere, später wurden als reine Spaßband "Folkländers Bierfiedler" draus. Dazu kamen die Tanz- & Springband, Wimmerschinken, Lumich, Swedenquell, Zerrwanst. Die beiden letzteren spielen bis heute regelmäßig zum Volkstanz.

Extra wurden noch Vortanzgruppen gegründet, denn irgendwer musste den Leuten ja zeigen, wie sie die Schritte setzen sollten. Die erste und bekannteste dieser Truppen hieß Kreuz & Square. Tanzmeisterinnen erklärten vor jedem Song die Titel und Schritte genau. Dann wurde kurz vorgeführt, und anschließend stürzten sich die Tanzwütigen ins fröhliche Mitmachchaos. Verletzte gab es selten. Zu Spitzenzeiten der Bewegung fanden sich bei den legendären "Tanzhausfesten" in der Kongresshalle am Zoo regelmäßig mehr als 1000 Gäste zu den ausgelassenen Volkstanznächten ein, die Bands waren in der ganzen Republik unterwegs.

Bei den eher einfachen Polka und Galopp brach das Eis schnell, das konnte jeder und sehr rasch, es gab aber auch sehr viel kompliziertere Schrittfolgen und auch Gruppentänze mit Partnerwechseln. Es wurden immer mehr, die das vorher mal üben wollten. Die 120 Enthusiasten, die im Leipziger Folk-Club vereinigt waren, gründeten 1983 die "Volkstanzschule". Die war tatsächlich einzigartig in der DDR und funktionierte bis zu deren Ende prächtig. Danach ließ der Boom etwas nach, es mussten jetzt eben Salsa oder Tango sein.

Die Volksstanzschule gibt es bis heute, insbesondere die Kurse für Kinder unter dem schönen Titel "Polkatoffel", werden fortgesetzt. Es müssen um die 2000 Leipziger sein, die die Kurse durchliefen. Vor allem an sie wendet sich die große Party zum 30. Geburtstag der Schule. Szene-Urgestein Manfred "Manne" Wagenbreth hat eine Bigband mit den besten Musikern der großen Zeit zusammengestellt, die erfahrenste Lehrerin Sigrid "Sigi" Doberenz gibt die Tanzmeisterin und wird prüfen, ob die Eleven etwas verlernt haben. Vielleicht bei der Polka nicht mehr ganz so derb aufstampfen, denn heute hat man ja "Rücken". Aber der schiere Spaß von damals, der ist nicht totzukriegen!

"Volkstanzen!", morgen, 16 Uhr: Kindertanz mit der Band Wimmerschinken und Sigi Doberenz; 20 Uhr: Volkstanzabend mit der Leipziger Folkstanz Jubel Band und den Tanzmeisterinnen Sigi Doberenz, Sigi Römer und Christine Uhlmann, Schaubühne Lindenfels (Karl-Heine-Straße 50), Eintritt Kindertanz 5 Euro, abends 15/12 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 16.05.2014

Lars Schmidt

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