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Als die Welt noch voll Liebe war: Mit Caught in the Act im Haus Leipzig zurück in die 90er

Mittvierziger-Boyband Als die Welt noch voll Liebe war: Mit Caught in the Act im Haus Leipzig zurück in die 90er

Eine Zeitreise in die 90er Jahre mit verteilten Rollen: Die frühere Boyband Caught in the Act ist am Sonntagabend vor 800 Fans im Haus Leipzig aufgetreten. Und für anderthalb Stunden war fast alles wie damals.

Nur Smartphones gab es in den Original-90ern noch nicht: Lee Baxter, Bastiaan Ragas und Eloy de Jong (von links) im Haus Leipzig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Die Bewegungen sitzen noch. Oder wieder. Synchron ziehen die drei Typen in ihren silbern glitzernden Jacken die rechten Arme von links nach rechts, dann schieben sie ihre Handflächen im Rhythmus der Musik nach oben, ganz konzentriert. Einen Hüftschwung später grinsen Bastiaan Ragas, 45, Eloy de Jong, 43, und Lee Baxter, 46, so spitzbübisch ins Publikum, als wären sie immer noch die süßen Jungs, die sie fraglos einst waren. Als wären keine 18 Jahre seit dem Magdeburger Abschiedskonzert von Caught in the Act vergangen.

Die Reflexe funktionieren noch. Oder wieder. Kaum ist das Saallicht erloschen, kreischen die Fans in den ersten Reihen, als wären sie nach wie vor die Teenager-Mädchen, verliebt bis über beide Ohren, die sie mal waren. Endlich, endlich sind ihre Traumprinzen von den Kinderzimmer-Postern herabgestiegen und hüpfen in greifbarer Nähe umher, leibhaftig. Hat mich Bas eben angelächelt?!

Ein surreales Erlebnis, dieser Auftritt der niederländisch-britischen einstigen Boyband am Sonntagabend vor immerhin 800 Zuschauern im Haus Leipzig. Eine Zeitreise in die 90er Jahre, konsequent bis hin zur Anfangszeit: 18 Uhr – als wären die Anhängerinnen noch immer so jung, dass man sie zu späterer Stunde schwerlich allein auf die Straße lassen darf. 53 Euro hat ein Ticket an der Abendkasse gekostet. Einerseits eine Frechheit: Musik und sogar Teile des Chorgesangs kommen aus der Konserve, das Bühnenbild beschränkt sich auf ein großes Plakat mit dem Bandnamen. Andererseits kann man für einen Trip in die eigene Jugend vermutlich gar nicht zu viel bezahlen. Und anders als damals lässt sich jeder kostbare Moment heute sogar mit dem Smartphone festhalten.

Jede Aktion wird bejubelt

Schon im Einstiegslied „Back For Love“, einem – man höre und staune – neuen Song, zeigt Ragas so oft mit dem Zeigefinger Richtung Publikum, dass sich fast jeder Fan gemeint fühlen darf. Jede Aktion wird lauthals bejubelt. Die drei umarmen sich – yippie! Sie winken – unglaublich! Sie klatschen sich ab – es ist ein Wahnsinn. „My arms keep missing you-hu“, dröhnt aus den Lautsprechern, „since you went awahahay“, antwortet der Zuschauerinnen-Chor. „It’s party time!“, stellt Ragas völlig zurecht fest. „Wer von euch hat damals ein Konzert von uns gesehen?“ Kreisch! „Und wer hat 20 Jahre darauf gewartet?“ Kreeeiiisch!

„Do It For Love“, „Let This Love Begin“, „Bring Back the Love“ – schon angesichts der Songtitel erklärt sich, warum Ragas bald erklärt, dass er den Eindruck habe, in den goldenen 90ern sei mehr Liebe und weniger Hass in der Welt als heutzutage gewesen. Daraufhin darf de Jong sein „Babe“ anschmachten. Damals sang ja Benjamin Boyce dieses Styx-Cover, aber er fehlt bei der Reunion. Er wolle sich auf die Solokarriere konzentrieren, sagen seine drei einstigen Kollegen; er sei lediglich momentan anderweitig verpflichtet, widerspricht er. Dann steht da noch der Vorwurf im Raum, Boyce habe seine Freundin vermöbelt, nachdem er 2015 aus dem Dschungelcamp herausgewählt worden war. „Babe!“

Anzüge mit Rentieren und Weihnachtsmännern

Freilich kann der Soundtrack einer solchen Zeitreise nicht lediglich aus Caught in the Act bestehen. Also trällern die drei zum Playback auch Hits von früher konkurrierenden Girl- und Boybands: „Quit Playing Games With My Heart“ (Backstreet Boys), „Tearin’ Up My Heart“ (N’Sync), „Spice Up Your Life“ (Spice Girls), „It’s Alright“ (East 17). Verrückt, wie natürlich die Lieder zu einem verschmelzen. Ein Päuschen gönnen sich Stars und Publikum mit drei zurückgelehnten Solo-Nummern, die Ragas tatsächlich live (!) am Klavier begleitet. Baxter sucht sich „Only You“ von Yazoo heraus, de Jong als alter ESC-Hase Roman Lobs „Standing Still“, Ragas singt John Legends „All Of Me“.

Da funkt plötzlich Hoffnung auf: Die Anzüge mit Weihnachtsmann-Muster und Rentieren, in denen das Trio ausgerechnet „Last Christmas“ von Wham nachsingt, kann man einfach nur mit Augenzwinkern tragen, oder? Selbst als Mittvierziger-Boyband. Für ein weiteres Party-Medley programmieren sie ihre Zeitmaschine noch weiter in die Vergangenheit: Jackson Five, Boney M., Bee Gees, „Could It be Magic“ von Barry Manilow (okay, damit waren auch Take That sehr erfolgreich). Mit „The Bad Touch“ der Bloodhound Gang wildern Caught in the Act zwar zeitlich wieder in ihrem Jahrzehnt, jedoch stilistisch in fremdem Revier.

Und endlich, es ist schließlich schon nach halb acht, der eigene Überhit von damals, „Love Is Every­where“. Er hallt bis in die Zugabe nach: „Back For Love“ vom Beginn. Blöd nur, dass man die Fans eigentlich nicht allein singen lassen darf. Obwohl die drei Hauptdarsteller ihre Lippen geschlossen und die Mikros ins Publikum halten, tönt aus den Boxen noch immer Gesang. Ein letztes Mal wechseln sie auf der Bühne die Positionen durch, so dass jeder Fan schnell noch den persönlichen Liebling vor sich weiß, dann landet die Zeitmaschine viertel vor acht im Jahr 2016. Draußen warten anders als damals nicht die Eltern, sehr wohl aber harren ein paar Männer um die 40 in der Kälte aus. Jetzt aber schnell nach Hause, der Babysitter will am Abend noch ausgehen.

Von Mathias Wöbking

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