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Alte Hasen und Fräulein-Plunder: 37. Leipziger Jazztage gehen zu Ende

Alte Hasen und Fräulein-Plunder: 37. Leipziger Jazztage gehen zu Ende

Wenn Jazz vor allem bedeutet, das unerwartet Überraschende zu wollen, könnte Samuel Rohrers Trio Noreia als einer der Top-Acts der 37. Leipziger Jazztage gelten.

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Grandios: Carla Bley mit ihrem Trio in der Leipziger Oper.

Quelle: André Kempner

Leipzig. In ungewöhnlicher Instrumentierung mit Schlagzeug, Baritonbass und Klarinetten wurden abweichende Klangbilder gezaubert, die weit über einen eindimensionalen Jazzbegriff hinaus wiesen und über den Tellerrand blickten. Aus der Stille ließen die beiden in Berlin lebenden Schweizer Rohrer und Claudio Puntin vor der dunklen Saitenmagie des Isländers Skuli Sverrisson ihren schwelgerisch aufgerauten cineastischen Sound wachsen mit tausendundeiner Macht.

Die Dänin Nanne Emelie dann war mitnichten eine der annoncierten neuen großen Stimmen aus Skandinavien. Vielmehr ließ sie den Konzertreigen mit ihrem netten Liederreigen ins Beliebige kippen. Die Band ist fit hinter diesem Girl Talk, mehr nicht. Die Themen sind von der Stange. Trauriger Montagmorgen, blaue Stunde und kleine Liebesgeschichten: Fräuleinplunder.

Dennoch wurde die zweite Opernhausrunde der 37. Jazztage vielleicht auch deswegen zum besten Abend, weil nichts vom Gebotenen mit dem aufgepfropften Generalthema zu tun hatte. Die Musik durfte so sein, wie sie aus sich heraus funktioniert. Keine Bezüge zu Richard Wagner und Frank Zappa waren zu vernehmen, nichts wurde zurechtgebogen auf ein Motto hin. Dies wurde zur Crux des dritten Abends. Für sich genommen wären die Auftritte Mike Svobodas und seiner Mannen und des Atom String Quartets mit dem Pianisten Vladyslav Sendecki sehr bemerkenswert gewesen. Im Kontext von Jazztagen aber wirkten sie wie disparate Fremdkörper, die das Programm zerfasern ließen. Hier fünf von 14 kopfkabarettistischen Versuchen, Wagner lieben zu lernen, dort kammermusikalische Verortungsversuche der polnischen Seele. Mal Tristanakkord mit Mundharmonika, Akkordeon und zweimal Melodika, intellektueller Klamauk mit Nietzsche-, Satie und Marinetti-Deklamationen, mal beseeltes Sentiment in wundervollen Streicherstimmen.

Wie zu erwarten, aber auf dieser Höhe dann doch nicht vorhersehbar bildeten zwei Weltstars des Jazz die unbestrittenen Höhepunkte der Abende: Joshua Redman und Carla Bley. Redman zelebrierte feurig furiose Anverwandlungen seiner großen schwarzen Geschichte. Viele Eigenkompositionen, Wayne Shorter, Andrew Hill, und welches Feuer er Charlie Parkers "Bloomdido" einblies, war allein den Eintritt wert. Standing Ovations. Redmans Ton ist ebenso geschmeidig wie eruptiv und illustriert aufs Schönste, dass das Tenorsaxofon das Königsinstrument des modernen Jazz ist. Das Quartett entwickelt einen atemberaubenden Druck: Hier geht es nicht mehr um das Was, sondern um das Wie. Sind die Themen erst einmal hingebreitet, beginnen die powervollen Interaktionen zwischen den Musikern. Der Spirit des Jazz ist wie mit Händen zu greifen und die Maßstäbe sind wieder gerade gerückt.

Ganz anders, doch ebenso faszinierend bei Carla Bley, der 75-jährigen Grande Dame des Jazz, und ihrem wie traumwandlerisch eingespielten Trio mit ihrem Mann Steve Swallow und dem britischen Sopran- und Tenorsaxofonisten Andy Sheppard. Verzahnt wie in einem einzigen Organismus breiten sie in höchster Spielkultur Bley-Kompositionen als den Stoff eines Lebens hin. Mit ganz und gar eigener Stimme zupft Swallow den Bass kompakt und federnd wie eine tiefer gestimmte Gitarre, Sheppard lässt sein Instrument sehnsuchtsvoll, unvorhersehbar und innig singen, dazu Carla Bleys kontrolliert nuanciertes Klavierspiel - was dieses schlagzeuglose Trio produziert, überträgt sich ohne Umwege direkt auf die Zuhörer: Herzenswärme pur. Hinterher in der langen Schlange beim CD-Signieren kann man das den Gesichtern ablesen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.10.2013

Ulrich Steinmetzger

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