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Alte Leipziger Lichtspielhäuser – Folge 1: Kino der Jugend im Osten der Stadt

Serie Alte Leipziger Lichtspielhäuser – Folge 1: Kino der Jugend im Osten der Stadt

Dort, wo in Leipzig die Bilder das Laufen lernten, werden heute Klamotten verkauft oder auch Autos geparkt. In einer Serie begeben wir uns auf die Spur dieser früheren Lichtspielhäuser. In der ersten Folge geht es um das Kino der Jugend im Leipziger Osten.

Seit 1987 steht das einstige Kino der Jugend in der Eisenbahnstraße leer.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Als die heutige Adresse Eisenbahnstraße 162 noch vor den Toren der Stadt lag, wurde dort eine Gasanstalt betrieben, die durch das Verbraten von Tierknochen kein besonders angenehmes Odeur verströmte. Als die umliegenden Straßenzüge gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach und nach mit Wohnhäusern umstellt wurden, war das mit dem Geruch nicht mehr tragbar und auch nicht mehr zeitgemäß. Man stellte auf Kohlevergasung um. Stillgelegt wurde die Gasproduktion an diesem Ort trotzdem um 1925. Ein Privatmann kaufte das leerstehende Gebäude.

Von Willy Kögler, einem Leipziger Architekten, wurde es dann in ein Kino umgebaut und erhielt die heute noch erhaltene Art-Déco-Schaufront, zur heutigen Eisenbahnstraße hin. Die Straße war zu diesem Zeitpunkt eine Kultur- und Vergnügungsmeile, erzählt Jörg Werner vom Verein „Fortuna, Kino der Jugend“. Gerade das hintere Ende der Straße, heute nahe der Haltestelle Geißler Straße, sei richtig angesagt gewesen. Es gab Kneipen, Freisitze, Vergnügungslokale – aber ein schickes Kino fehlte einstweilen noch.

Als der Umbau der Gasanstalt abgeschlossen war, hatte man ein Kino mit 989 Sitzplätzen in Saal und Rang. Durch Umbauten in den 60er und 80er Jahren wurde die vor der Leinwand liegende Bühne verbreitert und die Zahl der Sitzreihen reduziert, so dass sich das Kino fortan auch als Raum für Konzerte anbot. Die wenigsten Leipziger werden sich heute noch an die Eröffnung des Kinos im Jahr 1928 und an die ersten dort gezeigten Filme erinnern. Aber sehr vielen Menschen aus dem gesamten Stadtgebiet ist das Kino der Jugend noch durch seine Sonderveranstaltungen, Konzerte und Lesungen in Erinnerung.

Obschon die Heizung viel zu alt war, um das Kino jemals auf eine erträgliche Temperatur zu erwärmen, waren diese Sonderveranstaltungen stets extrem gut besucht. Gabriele Sergel, die letzte Leiterin des Kinos vor seiner Schließung 1987, sagt dazu, nicht ohne Schmunzeln: „Dieses ganze Heizsystem war kaputt, es funktionierte einfach nicht, die Anlage war zu alt, da konnte der Heizer sich noch so sehr Mühe geben, es wurde einfach nicht warm. Das war auch der Grund, dass wir Großveranstaltungen machten: einfach, damit viele Leute kommen und sich gegenseitig wärmen!“

„Die Lehrer erledigten inzwischen ihre Einkäufe.“

Während auf Fotos aus dem Vorführraum Anfang der 30er Jahre noch ein Grammophon und ein Projektor zu sehen sind, arbeitete das Kino in seiner letzten Dekade mit tschechischen Maschinen aus den 70ern. Das heißt, bei den ersten Filmvorführungen in den Fortuna-Lichtspielen liefen die Filme und ihre Töne noch voneinander getrennt auf zwei Geräten. Der Filmvorführer musste ganz aufmerksam den Film verfolgen, um den Ton exakt daran anzupassen – denn manchmal lief der Ton etwas zeitversetzt, dann musste man ihn angleichen; anschieben oder abbremsen. Doch bald schon kamen die Filme inklusive Ton.

„Der Kreisfilmstellenleiter in Leipzig legte viel Wert auf ein 80/20-Verhältnis“, erzählt Sergel. Das heißt, es sollten zu 80 Prozent RGW-Filme gezeigt werden, und 20 Prozent durften auch von außerhalb kommen. Sergel erinnert sich an „blöde Gangsterfilme aus Rumänien“, die von der DEFA in sehr hoher Qualität synchronisiert worden seien – „aber die Filme an sich waren schlecht“. Stets galt die Vorgabe, dass der Saal nur bespielt wird, wenn mindestens zwei Zuschauer darin saßen. „Und das haben wir oft nicht erfüllt. Doch an einem durchschnittlichen Tag kamen 10 bis 20 Besucher“, so Sergel.

„Es gab so unglaublich schöne RGW-Kinderfilme“, erinnert sie sich, „und Sonntagnachmittag lief immer die Kindervorstellung“. 50 bis 60 Kinder aus dem Stadtgebiet seien da jeden Sonntag aufgekreuzt. Bei 25 bis 50 Pfennig durften sie sich wünschen, was sie sehen wollten. Es gab auch Schulfilmstunden mit anschließendem Filmgespräch. „Da zeigten wir beispielsweise ,Moritz in der Litfaßsäule’ von Rolf Losansky. Na ja, und die Lehrer erledigten inzwischen ihre Einkäufe.“

„Geiles Kino!“, schrieben Silly ins Gästebuch

Werner vom Fortuna-Verein, ein Kind der 70er, wohnte direkt vis-à-vis und lief oft in seinen Filzhausschuhen rüber in das ziegelsichtige, unverputzte Kinogebäude, das er vom Kinderzimmer aus sah. Alle Olsenbande-Filme sah er sich an in dem Saal mit den grünen Wänden, den grünen Sitzen und dem grünen Leinwandvorhang. Sergel fand das viele dunkle Grün „ziemlich unattraktiv“ und strich mit ihren „sechs festen, offiziellen Hausgeistern“, den Mitarbeitern, die Eingangshalle rot an. Die „hässlichen braunen Sessel“ im Foyer versuchten sie auch mit neuen Stoffen zu überziehen, „aber das war gar nicht mal so einfach und es gab ja noch so viel mehr zu organisieren“. Zum Beispiel die Sonderveranstaltungen, bei denen nach einem Umbau 1985 jeder der 551 übrig gebliebenen Plätze besetzt gewesen wäre, „darum haben wir das dann gelassen“.

Solche Sonderveranstaltungen waren beispielsweise Konzerte von Kerth, Renft, City, Standhaft, Silly. Neben das Autogramm auf dem Tourposter schrieben Letztere: „geiles Kino!“. So ein Abend mit drei Bands „kostete fünf Mark null fünf“, erinnert sich Andreas Bernatschek vom Fortuna-Verein und ergänzt: „Der Kulturfünfer, der war früher immer mit dabei.“ Montag und Dienstag war dann offiziell geschlossen: Das waren die Tage, an denen geprobt wurde, denn „wir haben Bands reingelassen, die keinen Proberaum hatten.“ So war also immer ganz schön was los im Kino der Jugend.

Und heute? Heute versucht die IG Fortuna, das alte Kino als „multifunktionalen Kultursaal“ wiederzubeleben. „Das Haus ist erstmal gerettet. Das Dach ist dicht. Der Schutt ist beräumt. Nun folgen weitere Schritte. Wir bereiten uns auf das Vergabeverfahren vor und entwickeln ein Nutzungskonzept. Dafür brauchen wir eine breite Unterstützung und Mithilfe von den Bewohnern. Und auch Fördermitgliedschaften sind ein Weg, uns zu unterstützen.“

Nächster Runder Tisch der IG Fortuna am 27. Juli, 19.30 Uhr, Pöge-Haus (Hedwigstraße 20); nächste Möglichkeit zur öffentlichen Besichtigung am 12. August (während der Tage der Industriekultur); ig-fortuna.de

Von Kristin Vardi

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