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00:32 06.04.2018
Beate Müller und Vorstand Stefan Kausch vor dem Pöge-Haus. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

„Die erste große Welle ist schon wieder vorüber“, sagt Stefan Kausch über den vermehrten Zuzug in das Viertel um die Eisenbahnstraße der vergangenen Jahre. Ihn hat diese Welle 2014 von der Südvorstadt in den Leipziger Osten getragen. Seitdem wohnt der 42-Jährige mit seiner Familie im Pöge-Haus, seit 2017 ist er Vorstand des gleichnamigen Vereins.

Am Eckhaus an der Hedwigstraße 20 lässt sich der Wandel des gesamten Viertels Neustadt-Neuschönefeld exemplarisch gut nachvollziehen. Waren die meisten Wände vor sechs Jahren noch grau, viele der Wohnungen leer und kaum soziokulturelle Einrichtungen zu finden, ist er nun ein aufstrebender lebendiger Stadtteil, der aber noch längst nicht am Ende seiner Entwicklung ist. Genauso verhält es sich mit dem Pöge-Haus.

Kulturelle Aktivitäten zu sozialen Preisen

Zusammen mit Beate Müller, die sich um die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins kümmert, sitzt Stefan Kausch an diesem Donnerstagvormittag in dem hellen Saal am Tisch. Zwei Seiten des Raums sind mit großen Fensterfronten versehen, das Licht dringt ein, der Blick nach draußen fällt auf den Neustädter Markt. Hier, drei Querstraßen von der unruhigen Eisenbahnstraße entfernt, wirkt alles sehr idyllisch. Ringsum sanierte Wohnhäuser, gegenüber die Heilig-Kreuz-Kirche, dahinter die Wilhelm-Wander-Grundschule und ein Spielplatz. Doch diese Idylle birgt auch das Potenzial, dass sie Investoren weckt, die hier Häuser aufkaufen, sanieren und teurer vermieten. Gentrifizierung droht.

Das Pöge-Haus wird davon nicht betroffen sein. Es gehört der Kultur- und Wohnprojektgesellschaft GmbH Leipzig-Neustadt. Die Gesellschafter sind Privatleute, aber auch der Verein. Die GmbH hat sich Ende 2011 gegründet, um den ausgemergelten Altbau wiederzubeleben, zu sanieren und zu „sozialen Preisen kulturelle Aktivitäten“ im Haus stattfinden zu lassen, wie Kausch sagt.

Ort der Identifikation

Das Pöge-Haus zum Fest „Kunst am Markt " 2009. Quelle: André Kempner

Nachdem die Druckerei Pöge 1994 aus- und nach Mölkau zog, stand das über 100 Jahre alte Gebäude für viele Jahre leer. Aus einem Kunstfest, das seit 2002 – initiiert vom Bürgerverein Neustädter Markt – leerstehende Häuser entlang der Hedwigstraße bis zum Neustädter Markt als Ausstellungs- und Aktionsfläche nutzt, ist der Verein Pöge-Haus und die Wohngruppe überhaupt erst entstanden. So kamen auch Kausch, der „Kulturen des Kuratorischen“ an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studierte, und Beate Müller, die selbstständige Lektorin und Künstlerin, zum Projekt.

Um die Immobilie zu bekommen, musste sich die Gruppe mit einem Konzept beim Eigentümer, der Stadt, bewerben. Der Entwurf sah öffentliche Galerie- und Seminarräume im Erdgeschoss, Ateliers und Arbeitsräume in der ersten Etage vor, darüber Wohnungen. Nach dem Zuschlag und mehrjähriger Umbauphase richteten sich vor gut vier Jahren zehn Mietparteien und eine Reihe Künstler ein. Zur Eröffnung sagte der damalige Vereinsvorsitzende Torsten Hinz über das Haus: Es solle zu einem Wachstumskern werden und mithelfen, den Stadtteil von seinem Ruf als sozialem Brennpunkt und Drogenhandelsplatz zu befreien. „Ziel ist es, einen neuen Ort der Identifikation im Stadtteil zu schaffen, den die Bewohner mitgestalten.“

„Hier ist nicht der Reichtum ausgebrochen“

Dieses Ziel verfolgen auch der aktuelle Vorsitzende und die 25 Mitglieder. Und sie sind dem Ziel ein ganzes Stück näher gekommen. Die Veranstaltungen der vergangenen Jahre seien gut angenommen worden, sagt Kausch. Zur Ausstellung „Hafen der Stadt“, die Klischees hinterfragte und genauer auf das Viertel schaute, seien beispielsweise etwa 2000 Besucher gekommen, zu den verschiedenen Foren bis zu 120. Mit dem eigenen Erfahrungsschatz hilft das Pöge-Haus seit vergangenem Jahr aufkommenden Projekten bei Konzept, Förderanträgen und Umsetzung. Dafür gibt es einmal monatlich die Ideenkneipe. Der Verein bietet zudem eine offene Holzschnitt- und Grafikwerkstatt der freien Künstlerin Ulrike Siebe und der Holzbildhauerin und Kunstpädagogin Kerstin Köppen an, die seit 2012 ihr Atelier im Eckhaus hat.

Dem Punkt, dass auch das Pöge-Haus ein Teil der Gentrifizierung sein könnte, widerspricht Stefan Kausch entschieden. Dem Verein gehe es in erster Linie darum, genau solche Themen zu problematisieren und dagegen vorzugehen. „Hier ist nicht der Reichtum ausgebrochen“, sagt Kausch, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter für einen SPD-Landtagsabgeordneten arbeitet. 6,50 Euro warm kostet der Quadratmeter aktuell für die Bewohner, damit tilgen sie die Kredite über die kommenden zehn Jahre, erklärt der Vorstand. Die Preise für die Veranstaltungsräume im Erdgeschoss würden zudem der Zahlkraft des jeweiligen Mieters angepasst und lägen selbst bei Vollbezahlung unter dem Durchschnitt des üblichen Marktpreises. Das Pöge-Haus soll eben ein Ort für möglichst viele Menschen sein.

Übrigens: Nach der Schließung des Café Neustadt wird es ab 21. April wieder ein Lokal im Pöge-Haus geben – eine Mischung aus Café und Bar werden, erzählt Betreiber Thomas Sandner. Für den 35 Jahre alten gebürtigen Leipziger ist es die erste eigene Kneipe. Bisher hat er in einem Lokal am Lene-Voigt-Park gearbeitet. „Ich wollte schon immer meine eigene Bar haben“, erzählt er. Sie soll den Namen „Analog“ tragen.

Alle Projekte des Vereins gibt’s unter www.pöge-haus.de

Von Mathias Schönknecht

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