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Kultur André Herrmann stellt neuen Roman vor
Nachrichten Kultur André Herrmann stellt neuen Roman vor
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15:19 26.10.2018
Autor und Comedian André Herrmann. Quelle: Verlag/dpa
Leipzig

„Einfach Tür zu, nie wiederkommen und hoffen, dass die GEZ keine Suchkommandos besitzt“, so lautet der vorläufige Plan des 28-jährigen André, genannt „Antreh“. Er vermietet seine heruntergekommene Leipziger Wohnung an einen Berliner Kreativen, der alles „GEIL“ findet, und macht sich auf in seine Heimat nach Sachsen-Anhalt. Herrmann wurde in Wittenberg geboren und ist in Dessau aufgewachsen. Auch wenn er sich auf den Spuren des Herrn Lehmann erst einmal über den Nachwuchs der Cousine ärgert, weil er sich eigentlich gewünscht hätte, die Familie würde langsam aussterben – dort wird er immerhin gebraucht, zum Beispiel von seinem Großvater: „Hier Antreh, kannst ma’gucken, wie viel Guthaben noch droff is’?“ „97 Euro“ „Kann ich bald mal wieder offladen, hä?“ „Weiß ’ich, wie viel telefonierst du denn?“ „Ich telefonier nich’“

Dialoge geben „Platzwechsel“ Stärke und Witz

Dialoge dieser Art ziehen sich durch das Buch des Leipziger Autors und Comedians André Herrmann und sind seine große Stärke. Sie machen erlebbar, wie sehr Andrés Familie zwar ein „Paradebeispiel misslungener Kommunikation“ ist, aber doch gleichzeitig liebenswert – und vor allem ehrlich beschrieben. Der Protagonist weiß, dass er es nicht lange bei Eltern und Großeltern aushalten wird und lässt sich von seinem alten Kumpel Maik Arbeit vermitteln: In Langenstedt, einem anthroposophischen Bauernhof für „Menschen mit besonderem Hilfebedarf“, kann er arbeiten und wohnen.

André Herrmann: Platzwechsel.Roman.Voland & Quist;304 Seiten,20 Euro Quelle: Verlag

Dort ist auch der Witz zuhause. Menschen mit größeren und kleineren Besonderheiten halten den Laden auf Zack. Amüsant und doch nie entwürdigend beschreibt Herrmann den kleptomanischen Ulf-Udo, die nymphomanische Bettina und die beiden Trisomie-Jungs Danilo und Marcel, die sich gegenseitig zu den ketzerischsten Streichen anstiften. Zum Beispiel: dem Stier des Hofes an die Hoden zu gehen.

Marihuana-Plantage in der Scheune

Das Leben auf dem Hof bietet weitere komödiantische Einlagen, die teilweise im Klischee und Erwartbaren münden. Es ist relativ absehbar, dass der Leiter der Einrichtung in seiner Scheune heimlich Hanf anbaut und auch, dass André schließlich mit der einzigen Frau anbandelt, die vom Autor nicht auf genervt-belustigte Weise beschrieben, sondern lediglich mit dem Attribut „blond“ belegt wird. Sie bleibt fortan die ruhige, verständnisvolle Kraft in einer Welt voller absurder Situationen.

Die gibt es auch außerhalb des Hofprojektes reichlich und auf allen Ebenen: Mit den Eltern wird zu Weihnachten ein Joint geraucht, woraufhin die abdrehen wie in einem Teeniefilm, und Kumpel Maik bestellt bei Amazon einen vier Meter hohen Dinosaurier und Einhornfleisch aus lauter Freude darüber, dass er sich mit Andrés Hilfe den Domain-Namen sex.ch gesichert hat. André reagiert auf all die seltsamen bis lächerlichen Situationen immer gleich: Er sagt irgendwas und grinst. Das tut er – in exakt derselben Satzkonstellation – oft mehrmals in einem Kapitel. Und das nervt.

Die zärtliche Seite

Maik hat eigentlich das Potenzial zum Lieblingsprotagonisten. Er ist in der Heimat geblieben, arbeitet in einem Kindergarten und legt zu Silvester Packstationen mit Böllern lahm. Immer wieder läuft er durch seine Aktionen Gefahr, zur Witzfigur zu werden. Und doch schafft Herrmann es, Maik eine Sprache in den Mund zu legen, die durch ihre Ehrlichkeit besticht: „S’macht’n dein Opa? Der mit’m Heim?“ fragt Maik an einer Stelle seinen Freund und erinnert an die andere, die ernstere Geschichte: Es gibt nämlich noch den anderen Opa, väterlicherseits.

Der ist an Demenz erkrankt und lebt nun im Pflegeheim. Ihm ist die zarte Seite dieses Buches zu verdanken. Denn Andrés Beschluss, vorläufig in der Nähe seiner Familie zu bleiben, hat ganz offensichtlich auch mit der Liebe zu seinem Großvater zu tun. Mit ihm verbringt André viel Zeit. Seine Art, nichts richtig ernst zu nehmen, bekommt erst mit Blick auf die Krankheit des Großvaters eine literarische Dimension. Über ihn und seine Krankheit selbst spricht Herrmann mit überraschender Einfühlsamkeit: „Mein Opa schien durch ein riesiges Nebelfeld zu laufen“, schreibt er, „in dem ihm immer, wenn ihm etwas doch mal bekannt vorkam, genau dieses Ding sofort wieder weggenommen wurde.“ Und so steckt er seinem Opa immer wieder neue Portemonnaies und Armbanduhren zu, die dieser nach und nach zerschneidet, und spricht mit ihm über alte Zeiten.

Die Sehnsucht des Großvaters nach den Orten seiner Kindheit rührt an, und André nimmt ihn schließlich mit zu einem Frühlingsfest auf dem Bauernhof. Er macht ihn damit glücklich. Kurz bevor die nächste Katastrophe heranrollt: Der Opa öffnet die Scheune und stürzt. Die Marihuana-Plantage ist entdeckt und der Opa im Krankenwagen. Es ist, als würde André immer wieder neu heraufbeschwören, was ihm während eines Arbeitsunfalls auf dem Hof durch den Kopf geht: „Naja, dachte ich, immerhin kriegst du nicht auch noch so ein Zaunteil in den Rücken, dann bekam ich so ein Zaunteil in den Rücken“

Die Buchpremiere mit André Herrmann im Rahmen der Lachmesse ist ausverkauft. Eine Zusatzlesung gibt es am 1.11., 20 Uhr, im Kupfersaal; Karten gibt es unter der Telefonnummer 0341 141414 oder hier.

Von Anna Flora Schade

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