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Andrew Manze dirigiert Haydn und Elgar

Großes Concert im Gewandhaus Andrew Manze dirigiert Haydn und Elgar

Zwei der populärsten Sinfonien Joseph Haydns und zwei Exoten aus der Feder Edward Elgars stehen in den Großen Concerten dieser Woche auf dem Programm der Großen Concerte des Gewandhausorchesters. Am Pult steht Andrew Manze, und als Solisten-Ensemble ist das Gewandhaus-Quartett von der Partie

Andrew Manze am Pult vor Gewandhaus-Quartett und Gewandhausorchester.

Quelle: Gert Mothes

Leipzig. Im Grunde hat das kapellmeisterlose Interregnum des Gewandhausorchesters längst begonnen: Riccardo Chailly schaut nur noch einmal zum Lebwohlsagen im Juni vorbei, sein Nachfolger Andris Nelsons lässt bis 2017 auf sich warten. Nicht schön, aber auch kein Drama: Vor ziemlich genau 20 Jahren fiel das Gewandhausorchester zwischen Masur und Blomstedt in ein ähnliches Loch, und die Zeit danach hat bewiesen, dass dies dem Klangkörper nicht geschadet hat. Das wird diesmal wieder so sein. Denn das älteste bürgerliche Orchester der Welt ist derzeit so gut in Form wie sehr lange schon nicht mehr. Weit besser jedenfalls als vor zwei Jahrzehnten.

Kaum ein anderes Programm könnte diesen Befund besser untermauern als das der Großen Concerte dieser Woche. Es wird gerahmt von zwei der populärsten Sinfonien Joseph Haydns: die 93. in D-Dur steht am Anfang, die in Mozarts Sterbejahr 1791 entstandene erste der zwölf großen Londoner; die unmittelbar danach komponierte 94., die „Sinfonie mit dem Paukenschlag“, markiert das Ende.

Acht Sätze voller Charme und Esprit, voller Schalk und Seele. Acht Sätze, in denen sich nichts verstecken lässt, alle Beteiligten gleichermaßen gefordert sind. Denn Haydn, den Masur und Chailly konsequent mieden, ist der denkbar beste Indikator für klangliche und technische Hygiene eines Orchesters. Und bei diesem gibt es diesbezüglich derzeit nichts, aber auch gar nichts zu beanstanden.

Die ersten Töne der langsamen Einleitung von Hoboken I:93 spannen lustvoll die Feder vor, ein sinfonischer Doppelpunkt aus Gedankensplittern, die danach die quirlende Kunstfertigkeit des Allegro assai speisen. Und bis zum Schlussakkord von Hoboken I:94 lässt die Spannung in keinem Takt nach. Was immer der wunderbare Andrew Manze mit seinem ein wenig kauzigen Schlag fordert: Die wunderbar delikat geführten Streicher um Konzertmeister Sebastian Breuninger, das blitzsauber und doch warm tönende, immer wieder für einen Scherz zu habende Holz, das so pointierte wie disziplinierte Blech liefern in Echtzeit.

Ergebnis ist eine detailverliebte und kontrastscharfe Ereignisdichte, die die Möglichkeiten dieser herrlichen Musik bis zum Anschlag ausschöpft, weil Manze und das Gewandhausorchester sicheres Stilempfinden und gewitzte Spontaneität, Könnerschaft und die Neugier eines jeden Augenblicks zusammenfließen lassen in eine Musizieren, das so lebendig und vielschichtig ist, dass im Andante der G-Dur-Sinfonie sogar die doch sattsam bekannten Paukenschläge noch für Überraschungen im gut gefüllten großen Saal sorgen. Wer hätte es zu Beginn des letzten Interregnums für möglich gehalten, dass das Gewandhausorchester auf seinen modernen Instrumenten nur zwei Jahrzehnte später auch mit Haydn die Grenzen des Machbaren ausloten würde?

Zwischen die beiden Sinfonien klemmt Manze zwei Elgars vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Das passt dramaturgisch ausgezeichnet. Denn sowohl die traumversunkene Miniatur der „Sospiri“, der Seufzer vom Vorabend des Ersten Weltkriegs, als auch die kontrapunktisch bis zum Bersten aufgeladene Introduktion samt Allegro Opus 47 von 1905, dem London Symphony Orchestra als Gründungsgeschenk in die Wiege gelegt, stehen für den englischen Sonderweg: Während hierzulande der Weg von Beethoven über Wagner und Bruckner in immer dichtere Weihrauchschwaden führte, verlängerte man in England, wo es ja auch so genug Nebel gibt, die Achse Händel – Haydn – Mendelssohn in eine sanft verschattete Klassizität hinein, die eher in Melancholie seufzt, als dass sie der dramatischen Wucht der Zeitläufte auch noch musikalische hinterherschickte. Fünf Minuten nur dauern die „Sospiri“ für Streicher, Harfe und Harmonium. Ein Albumblatt, eine Petitesse, aber so zärtlich empfunden, so innig und wahrhaftig gespielt findet die ganze Seele darin Platz.

Etwas komplexer fällt der Befund im Falle des Opus 47 für die hochinteressante Besetzung Streichquartett und Streichorchester aus. In der Introduktion ist noch alles eitel Sonnenschein: Das Gewandhaus-Quartett (Frank Michael Erben, Conrad Suske, Anton Jivaev und Jürnjakob Timm) graviert schöne Linien in den Saal, das in Ehrfurcht gebietender 14er-Besetzung angerückte Streichorchester sekundiert mit innerlich bewegten Flächen, Reflexen, Akzentuierungen. Schön ist das, sehr schön sogar. Im Allegro allerdings verdichtet sich der Satz zusehends, und hier bleibt im Zuge der allgemeinen kontrapunktischen Spielwut das Solisten-Ensemble ein ums andere Mal auf der Strecke. Das liegt natürlich in der Natur der Sache, wenn vier Streicher gleichberechtigt mit vier Dutzend Kollegen musizieren sollen. Aber mit ein wenig dynamischer Feinarbeit wäre gewiss noch mehr herauszuholen gewesen.

Aus der Zugabe des Gewandhaus-Quartetts sowieso: Astor Piazzollas „Four For Tango“ kündigt Erben an, aber zu hören ist nur eine erotikfreie Paraphrase, zu der besser der Titel „Almost Two For Tango“ passen würde.

Das indes tut der außergewöhnlichen Qualität dieses außergewöhnlich großen Großen Concerts keinen Abbruch. Was offenkundig auch das Publikum so sieht: Nach jedem Werk gibt es mindestens ein Bravo, und gehustet wird beinahe aus schließlich zwischen den Sätzen.

Von Peter Korfmacher

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