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Kultur Angewandte Ratlosigkeit: Kein Sieger beim Leipziger Werner-Bräunig-Literaturpreis
Nachrichten Kultur Angewandte Ratlosigkeit: Kein Sieger beim Leipziger Werner-Bräunig-Literaturpreis
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22:08 11.03.2012
Publikumsliebling Gitta Mikati las am Freitagabend (9.3.2012) im Horns Erben in Leipzig aus einem Krimi-Manuskript. Quelle: Wolfgang Zeyen
Leipzig

Lächelnd spricht sie von „sehr unterschiedlichen Texten“, deren „starke Gleichrangigkeit“ ebenfalls zu bemerken sei, die ein „weites thematisches Spektrum aufspannen“. Freundlich erwähnt sie „episodische Details“, Zeiten, die es zu besuchen, und Dinge, die es zu erfahren gab. Gespannt sei sie, wie nun Texte und Plots sich entwickelten, Stimmen herausgearbeitet würden. Und dann fällt der Satz wie ein Beil: Keiner der sechs Finalisten bekommt den Preis.

Stille. Nicht mal ein Raunen. Enttäuschung überdeckt noch letzte Sätze der Ermutigung. Der Hauptpreis wäre mit 5000 Euro dotiert, die sich als Vorschuss verstehen für eine Veröffentlichung im Aufbau Verlag. Diesmal gibt es 500 Euro für jeden und keinen Vertrag. Nur Gitta Mikati kann sich etwas mehr freuen, sie bekommt den (ebenfalls mit 500 Euro dotierten) Publikumspreis für ihren Krimi „Asyl“, der bereits fertig vorliegt und für den sie einen Verlag sucht.

André Hille nennt die Entscheidung „konsequent“, die Enttäuschung ist ihm anzumerken. Der Gründer und Inhaber der Leipziger Autorenschule Textmanufaktur ist Initiator dieses Wettbewerbs. „Das war ein schräger Abend“, sagt er und sucht Gründe für die Jury-Entscheidung auch in den Anforderungen an die Autoren, im engen Raster: Literarisch und unterhaltsam schreiben sollen sie etwas, das sich möglichst gut verkaufen lässt, und gleichzeitig in der Tradition Werner Bräunigs (1934–1976) stehen, dessen Opus Magnum „Rummelplatz“ 2007 postum im Aufbau Verlag erschienen ist. Gitta Mikatis Kriminalroman passt schon mal nicht in diese Tradition.

„Da hatten wir in den vergangenen Jahren einfach Glück“, erinnert Hille an  den ersten Gewinner, Johannes Lindhorst, dessen Buch im kommenden Jahr bei Aufbau herauskommen soll. Auch saßen die ersten beiden Male mit Angela Drescher oder Gunnar Cynybulk Lektoren in der Jury, die ebenso wie am Ergebnis am Entstehungsprozess eines Buches interessiert sind. So vermutet Hille diesmal eine klare „Verleger-Perspektive“. Für den zum Berlin Verlag bei Bloomsbury wechselnden Lektor Andreas Paschedag ist Aufbau-Geschäftsführer René Strien eingesprungen. Literaturkritiker Hubert Winkels komplettierte die Jury.

Gesagt werden muss aber auch, dass keines der gelesenen Manuskripte das im Vergleich zu den Vorjahren überschaubare Publikum in Euphorie versetzt. Die Themen liegen nah beieinander: „Alles Erfahrungen von Menschen, die aus dem Westen sich den Osten aneignen. Via Berlin“, bringt es Winkels auf den Punkt.

Kerstin Campbell entwirft für „Kellerbeats und Kohlenstaub“ wie am Reißbrett eine Jugend im Jahr 1990 in Berlin. Nicola Nürnberger nimmt die „Westschrippe“ zum Anlass, auf Back-Kultur und deutsch-deutsche Klischees zu schauen. Gitta Makati verlegt einen Teil ihrer Krimi-Handlung ins geteilte Berlin der späten 70er Jahre. Claas Cordes gelingt die psychologisch genaue Charakterstudie eines Ostberliner Biologen.

Sprachlich vor allem überzeugen Susanne Becker und Jan Himmelfarb mit Familiengeschichten, in denen Tragödien lauern. „Die Meilensteine meiner Mutter splittern nicht“, liest Himmelfarb. Und Becker: „Das Leben ist nicht dazu da, dir deine Träume zu erzählen“. Auch nicht dazu, sie zu erfüllen, wie dieser Abend zeigt.    Janina Fleischer

André Hille (Hrsg.): Das Meer vielleicht. Jahresanthologie der Textmanufaktur; 150 Seiten, 9,90 Euro; www.text-manufaktur.de

Janina Fleischer

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