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"Angst vor dem Verfall"

"Angst vor dem Verfall"

"Denke ich an einen neuen Roman, denke ich immer an Auschwitz", erklärte Imre Kertész. Der Holocaust-Überlebende, der mit seinem Buch "Mensch ohne Schicksal" Weltruhm erzielte, zehrt in seiner Literatur stets von Erfahrenem.

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Schriftsteller Imre Kertész.

Quelle: dpa

Seine Werke sind zu 90 Prozent autobiografisch gespeist. Das gilt auch für den Text, der ihn seit 2003 beschäftigte. "Die letzte Einkehr" sollte er heißen und von so intimer Natur sein, dass nur eine postume Publikation in Frage käme.

Zur Vollendung gelangte seine Erzählung jedoch nicht, denn der Autor litt an der Parkinsonschen Krankheit. Parallel zu dem Prosamanuskript investierte er viel Zeit in ein Journal, das im Januar 2001 mit Tönen von bescheidenem Optimismus anhob, um acht Jahre später mit tragischem Akzent zu enden: "Ich muss der grauenhaften Tatsache ins Auge sehen, dass meine Existenz von meiner Angst vor dem Verfall beherrscht wird. Ich habe Angst zu schreiben und schreibe deshalb lieber nicht. Ich tue so, als sammelte ich meine Aufzeichnungen zusammen, in Wahrheit aber starre ich mit angewidertem Blick auf meine Papiere." Jetzt sind diese Tagebücher der Jahre 2001 bis 2009 erschienen.

Generell machte sich in den Notizen des 1929 in Budapest geborenen Kertész ein wachsendes Gefühl der psychischen sowie körperlichen Lähmung und Zerstörung breit: "Die kalte Berührung des Todes. Zuerst des geistigen Todes: Verkümmern von Beziehungen, Reizmangel, Verflachung. Dann das Physische: Die Hässlichkeit des Alters. Dann das Alter selbst. Nutzlosigkeit gähnt dich von allen Seiten an." Offenherziger und erschütternder ist bislang nur selten über die Trostlosigkeit des Greisenalters berichtet worden.

Unumwunden schildert Kertész, wie er in einen Zustand des Verdämmerns und Erlöschens gerät, der seinen Alltag so stark erfasst, dass sich kein Ausweg öffnet. Schritt für Schritt vollzieht sich in ihm ein schleichender Prozess der Zerrüttung: "Ich weiß nicht, ob ich existiere, ich weiß nicht, wozu ich existiere, ich quäle mich mit der Arbeit und weiß nicht, ob sie nicht überflüssig ist." Ähnlich verstörend muten seine Aufzeichnungen von 2001 an: "Nichts hatte irgendeinen Sinn; nichts habe ich zustande zu bringen vermocht; das einzige Resultat meines Lebens ist, dass ich die Fremdheit kennenlernen durfte, die mich vom Leben trennt. Ich war schon zu Lebzeiten tot."

Hier offenbart sich die ganze Dramatik von Kertész' Vita: Der Autor wähnte sich mit 71 am Abgrund: "Man muss nicht unbedingt einen Revolver kaufen, und man muss auch kein Morphium besorgen. Man kann auch aus dem Fenster springen. Das ist noch am billigsten." Kurz darauf bekam er den Nobelpreis. Über den Sturm, der danach über ihn hereinbrach, klagt er: "Seit zwei Tagen gebe ich nur noch Interviews; ich benehme mich, als ob ich das schon immer getan hätte. Doch irgendwie stehe ich dem Ganzen fern und weit außerhalb. Große Müdigkeit." Auch diese Ehrung riss den Sohn ungarischer Juden, der seit 2000 in Berlin wohnte, nicht aus seiner Lethargie, denn extrem schnell brachen die alten Gräben wieder auf: "Noch nie habe ich in meinem Leben soviel Niedertracht erfahren, wie seit der Verkündung meines Nobelpreises. Als wäre der Preis nur dazu da, die Fenster zu den bodenlosen Tiefen der Gemeinheit aufzustoßen. Judenhetze von Nazis; Judenhetze von Juden; das Gewürm, das aus der Vergangenheit kriecht und die Luft mit seinem Leichengift verpestet."

Selten genießt Kertész Momente der Ruhe und der inneren Befriedung. Am ehesten gewähren ihm noch Schauspiele der Natur eine gewisse Harmonie, so zum Beispiel an einem Dezemberabend auf Madeira: "Nachts überstrahlt der Mond das Wasser, und der sich am Meer entlangziehende, breiter werdende Lichtstreifen mit dem Schatten der Palmen wirkt wie ein Gemälde von Gauguin." Als sich dann gesundheitliche Probleme bei seiner Frau melden, kippt die Stimmung sofort wieder um. Solche Belastungen tragen dazu bei, dass Kertész einen ebenso finalen wie tragischen Satz formuliert: "Obwohl ich jeden Tag noch immer gern aufstehe, betrübt mich der Gedanke an den nahenden Tod nicht: Ich bin bereit." Klarer und nüchterner lässt sich das Credo eines bitter-traurigen Lebenslaufs nicht formulieren. Kein Leser dürfte davon unbeeindruckt bleiben.

Imre Kertész: Letzte Einkehr. Tagebücher 2001-2009. Aus dem Ungarischen von Kristin Schwamm. Rowohlt Verlag;464 S.,24,95 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.09.2013

Ulf Heise

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