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Kultur Anke Geißlers Solo: Effekt geht vor Inhalt
Nachrichten Kultur Anke Geißlers Solo: Effekt geht vor Inhalt
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16:16 18.04.2016
Ratlos: Anke Geißler als Nichtstuerin Sunny, die sich ihr Leben von den Eltern finanzieren lässt. Quelle: Foto: Wolfgang Zeyen
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Leipzig

Jeannette Schoßböck ist eine Lehrerin von altem Schrot und Korn. Resolut, autoritär, gut strukturiert. Logisch, dass sie die Mieterversammlung organisiert hat und das Wort führt; mysteriöse Baumaßnahmen im Dachgeschoss gehören besprochen. Soweit der Rahmen von Anke Geißlers neuer Soloproduktion „Vorsicht, freilaufender Nachbar“, deren Premiere am Sonntag bei den Academixern stieg.

Eine Hausgemeinschaft als perfekte Folie für das, was die Kabarettistin am besten kann: das fliegend wechselnde Figurenspiel, schon im Bühnenbild durch die Klamotten an der Wäscheleine deutlich. Hausmeister Malte, Nichtstuerin Sunny, Workaholic Kathleen, Nichtstuer Raimar, Lehrerin Jeannette und die aus anderen Programmen bekannte Kultfigur Oma Lammezahn rätseln, was hinter dem Gehämmer stecken könnte.

Novum im siebten Alleingang der Künstlerin: Bis auf eine Nummer stammt alles aus ihrer Feder, inszeniert von Stammregisseur Holger Böhme, für die Musik sorgt Enrico Wirth am Piano. Die Stunde bis zur Pause gleicht einer Vorstellungsrunde. Zu Beginn Malte. Seine Pflanzenschutz-Akribie, die Affinität zur absichernden Beschilderung und sein Argwohn vor Nestlingen stehen für Skepsis des Stockkonservativen gegenüber allem Fremden. Ein Gleichnis natürlich. Der Rest des Panoptikums spricht oder kotzt sich aus über Vereinsamung, die Macken des Partners, verzogene Schüler oder Pegida. Dass bei diesem Thema Frederike von Lammezahn eine Begründung ihrer Abneigung oder gar eine Art Analyse des Phänomens schuldig bleibt, steht symptomatisch für ein Konzept, das auf Effekt statt auf Inhalte zielt.

Gestisch, mimisch, sprechmelodisch und in der Körpersprache zieht die Verwandlungsmeisterin klare Konturen. Doch außer Lammezahn wirkt die Nachbarschaft mehrheitlich blass. Sie berühren uns nicht, diese Mieter, denn sie haben nicht wirklich etwas zu sagen. Geißler schlüpft in stereotype Hüllen, ohne Charaktere zu erspüren. Die Erkenntnisse, Bonmots, Reime im Stil von Büttenreden oder Gags hat man alle schon gehört. „Ich bin verheiratet, nämlich mit meinem Mann“ (Jeanette) oder die (umgetextete) Kamelle „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“ haben ebenso wenig Originalität wie der Kalauer über feuchte Wände im Haus: „Schimmel-Allergie? Ich mag Pferde!“.

So staunenswert das Tempo der Rollenwechsel ist: Es sind zu viele, die sich – nach der Pause ohne Staffage – auf dem Treffpunkt der Allgemeinplätze tummeln; Sunny und Raimar beispielsweise heben sich als schmarotzende Faulenzer gegenseitig auf. Auch psychologisch haut nicht alles hin: Im Wettbewerb der Wortmeldungen spielt ausgerechnet die Lehrerin kaum eine Rolle, was dem Präsenzbewusstsein von Alphatieren widerspricht.

Das Treffen endet in Enttarnungen: Heimlich wird ein Hund gehalten, auf dem Dachboden geraucht und Ehebruch vollzogen. Der Gute ist letztlich der Vermieter, der das oberste Geschoss zum Gemeinschaftsraum ausbauen lässt.

Zweifelsfrei liebt das Publikum seine Anke Geißler als begnadete Komödiantin, überschüttet es am Ende mit Applaus. Dennoch lässt einen das Stück ratlos zurück – und wirft erneut die Frage nach Dehnungsfreiheit des Kabarettbegriffs auf. Volkstheater ist eigentlich ein eigenes Genre.

Nächste Vorstellungen am 25. und 26. Mai, jeweils 20 Uhr, Karten unter www.academixer.com und Telefon 0341 21787878.

Von Mark Daniel

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