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Anleitung zur Widerspenstigkeit: Kulturabend gegen Freihandelsabkommen im UT Connewitz

Anleitung zur Widerspenstigkeit: Kulturabend gegen Freihandelsabkommen im UT Connewitz

Auf einmal ist es der Dresdner Gitarrist Reentko, der ausspricht, was an diesem Abend so besonders ist. Manchmal werde er gefragt, berichtet er zwischen zwei Liedern, wie das überhaupt funktioniere als freischaffender Musiker, warum er das tue.

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Arnulf Rating im UT.

Quelle: André Kempner

Leipzig. "Die Antwort: Genau für so etwas wie heute Abend habe ich Musik studiert." Warmer Applaus.

Dabei durfte Reentko die 350 Menschen im UT Connewitz am Dienstag lediglich für eine Viertelstunde bewegen. Mit hohem Tempo reiht das Attac-Netzwerk auf seiner derzeitigen "Kultour" nicht nur Städte aneinander, um über ein weitgehend unbekanntes Wesen namens TTIP zu informieren. Auch die Leipziger Regionalgruppe nimmt sich im UT keine Verschnaufpause.

Die politische Großwetterlage soll die Party nicht versauen. Will heißen: Traurige Wahrheiten liegen am Infotisch aus, die Künstler lassen das böse TTIP-Thema dagegen allenfalls zwischen den Zeilen durchschimmern: das Leipziger Kammerorchester Amusement etwa, als die Bögen zunächst ideenreich zu Radio­heads "2+2=5" über die Saiten streichen ("die Logik der Lobbyisten") und gleich darauf zu "Uprising" von Muse ("was wir wollen", so Pianist Julian Bindewald). Oder mehr als zwei Stunden später die Allgäuer Band Rainer von Vielen, die nicht nur Kehlkopfgesang mit Jodeln und kraftvollem Alternative-Rock verbindet, sondern auch eine selbstironische Anleitung zur Widerspenstigkeit gibt: Als das Publikum versucht, Rainer Hartmanns "Oh-oh-oh" und "Ah-ah-ah" nach üblicher Rockkonzert-Manier originalgetreu nachzusingen, schimpft er: "Wollt ihr nur Vorgegebenes nachbeten? Macht euch euren eigenen Kopf!"

Der Promi des Abends, Kabarettist Arnulf Rating, macht sich zwar wunderbar verästelte Gedanken über aktuelles Zeitgeschehen von Schuldenkrise bis Ukraine. Über TTIP sagt er jedoch nur, dass er darüber "kein Wort in den Zeitungen" finde. Also erklärt wenigstens Moderator Uwe Brückner, der an fast allen anderen Dienstagen des Jahres im Neuen Schauspiel durch eine Late-Night-Show führt, was das Problem am Transatlantischen Freihandels- und Investitionsschutzabkommen TTIP sei, über das Europäische Union und USA verhandeln. Was die Süddeutsche Zeitung kürzlich als "Sieg über das Gesetz" geißelte, veranschaulicht Brückner anhand giftiger Pilze. In einer TTIP-Welt dürfe deren Verkauf - nach US-Prinzip - erst nachträglich verboten werden, "und dann kann der Pilzhändler vom Steuerzahler Schadensersatz fordern". In der Tat soll das TTIP Konzernen das Recht geben, vor Schiedsstellen Geld zu erklagen, wenn neue Bestimmungen die Gewinnerwartung gefährden - es wäre das Ende demokratischer Gesetzgebung.

Mögen die zwei hinreißenden Riesaer Musik-Kasparettisten Zärtlichkeiten mit Freunden auch etwas Wasser in den Wein schütten, weil es ja "wahnsinnig mutig" sei, "im geschützten Raum, unter seinesgleichen" Kritik zu üben. Und mag ihr Fazit, "da bewegt man was", purer Sarkasmus sein. So bewegt sich doch zumindest das Publikum bald beeindruckend - spätestens ab der so genannten Pause, in der im atemlosen Ablaufplan die Leipziger Brassbanditen dran sind. Die Energie ihrer Blasmusik steckt einfach nur an: Nicht allein Reentko will Teil dieser Bewegung sein. Ein besonderer Abend.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 15.05.2014

Mathias Wöbking

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