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Kultur Archäologisches Tanzen: Leipziger euro-scene legt Schwerpunkt auf Rekonstruktionen
Nachrichten Kultur Archäologisches Tanzen: Leipziger euro-scene legt Schwerpunkt auf Rekonstruktionen
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00:21 30.09.2017
Stellten die kommende euro-scene vor: Festival-Direktorin Ann-Elisabeth Wolff (l.) und Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke. Quelle: Foto: Christian Modla
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Leipzig

Ein Etat von 591 000 Euro ermöglicht zwölf Gastspiele aus sieben Ländern in 25 Vorstellungen. Die Kennzahlen der 27. euro-scene Leipzig, die vom 7. bis 12. November stattfindet, ähneln den Vorjahren und verraten äußerlich Kontinuität. Spannend wird es mit Blick auf das Programm des „Festivals zeitgenössischen europäischen Theaters und Tanzes“, wie die euro-scene sich mit vollem Name nennt. Da zeigt sich: Dem Leipziger Traditionsfestival gelingt es immer besser, Themenschwerpunkte zu setzen. Was im vergangenen Jahr erstmals in einer Werkschau gipfelte und den österreichischen Puppenspieler und Regisseur Nikolaus Habjan in den Mittelpunkt stellte. In diesem Jahr richtet sich der Fokus auf den Tanz, genauer, auf Tanzgeschichte in Form von Rekonstruktionen und dem daraus resultierenden Erbe, das in moderne Produktionen Eingang gefunden hat. „Ausgrabungen“ lautet entsprechend das Festival-Motto. Ein Archäologie-Festival erwarte angesichts des Titels hoffentlich niemand, sagte euro-scene-Direktorin Ann-Elisabeth Wolff bei der Programm-Pressekonferenz am Mittwoch.

Zum Auftakt gräbt die tanztheatrale Archäologie im Leipziger Schauspielhaus fast 100 Jahre tief und legt Oskar Schlemmers „Triadisches Ballett“ von 1922 frei. Der Bauhaus-Künstler zeigte mit 18 Kostümen Puppenwelten und künstliche Menschen, er verschmolz klassisches Ballett und mystische Maskentänze. Ein Welterfolg, Wolff wagt den Vergleich mit Strawinskys „Le sacre du printemps“, was sich weniger auf den Bekanntheitsgrad, als auf die Inspirationskraft für folgende Künstlergenerationen bezieht. Erhalten waren von der Stuttgarter Uraufführung nur die Kostüme, der Rest wurde 1977 vom Choreografen Gerhard Bohner und dem Komponisten Hans-Joachim Hespos rekonstruiert. Nach Leipzig kommt „Das Triadische Ballett“ mit dem Bayerischen Juniorballett München.

„Zwei Giraffen tanzen Tango“

Rekonstruktionen historischer Tanzstücke, alle zum deutschen Ausdruckstanz zählend, von Mary Wigman, Gret Palucca und Marianne Vogelsang, sind gebündelt im Theater der Jungen Welt zu erleben. Von Palucca, Gründerin der Dresdner Palucca-Schule, ist nur das selbst getanzte Solo „Serenata“ erhalten und wird von drei Tänzerinnen der Palucca Hochschule gezeigt. Vor den Rekonstruktionen bietet das Festival eine Einführung an.

Neben Rekonstruktionen stehen Stücke, die historische Produktionen weiterentwickeln. „Zwei Giraffen tanzen Tango – Bremer Schritte“ etwa, eine Produktion des Bremer steptext dance projects von Helge Letonja, die mit der Originalchoreografie von Gerhard Bohner von 1980 in Dialog tritt.

Dass der Tanz im Zentrum steht, deutet schon die Präsenz von Christian Watty bei der Pressekonferenz an. Er ist Teil des fünfköpfigen künstlerischen Beirats der euro-scene. Watty, Fachberater der internationalen Tanzmesse NRW in Düsseldorf, hat sich unter anderem für das Stück „Bombyx mori“ („Seidenspinner“) von Ola Maciejewska stark gemacht. Die Choreografie entwickelt Loïe Fullers sogenannten Serpentine-Dance weiter, jenen dem Schmetterling nachempfundenen Schleiertanz, den sie Ende des 19. Jahrhunderts patentieren ließ. Fuller, schwärmt Watty, habe mit Licht experimentiert und phosphorisierende Stoff auf ihre Kostüme aufgetragen. „Sie war eine Wegbereiterin des modernen Tanzes.“

Sprechtheater bekommt wenig Raum in diesem Jahr. Pippo Delbone, einziger Künstler in diesem Jahr, der bereits bei der euro-scene gastierte, zeigt „Vangelo“ („Evangelium“). Ein Requiem über die Liebe zu seiner verstorbenen Mutter – und „voller Pathos“, sagt Wolff. Ein Stück, das, wie sie erwartet, polarisieren wird.

Den Festival-Abschluss setzt der durch zeithistorische Aufarbeitungen bekannt gewordene Theatermacher Milo Rau mit „Five easy pieces“ („Fünf einfache Übungen“). Ein Stück, das etliche Preise einheimste und durch 30 Länder touren wird. Gespielt von Kindern geht es um den Kindermörder Dutroux, ohne konkret die Situation zu spielen. Rau, ab kommendem Jahr Intendant des Nationaltheaters Gent, hat das Stück bereits in Gent produziert. Auch das traditionelle Kinderstück – „Pakman“ („Postmann“) – kommt aus Flandern. „Man könnte Festivals jahrelang nur mit Künstlern aus Flandern bestücken“, schwärmt Wolff.

Aus allen Kontinenten außer Australien

Was zu Alain Platel führt, in diesem Jahr nicht dabei, aber als Initiator des alle zwei Jahre stattfindenden Wettbewerbs „Das beste deutsche Tanzsolo“ indirekt präsent. René Reinhardt, künstlerischer Leiter des Wettbewerbs, kündigt Teilnehmer aus allen Kontinenten außer Australien an. Nichts, was man angestrebt habe. Aber das Renommee des Preises in der inzwischen 13. Ausgabe lässt es doch erahnen. Das Finale findet in der Abschlussnacht im Schauspiel statt.

Reinhardt, Vorstand der Leipziger Schaubühne, verweist außerdem auf die Koproduktion seines Hauses mit Irina Pauls. Im Rahmen der euro-scene kommt die Uraufführung des Tanztheaters „It’s Schiller! – Die Maltheser. Tragödie.“ auf die Bühne. Reinhardt: „Hier ist es andersherum, es kommt in Leipzig zur Premiere und geht dann nach Europa.“

Europa, Welt gar, das sind Stichworte, die mehrfach fallen bei der Pressekonferenz. Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke (Linke) würdigt die euro-scene auch als Festival, das „Gäste von außen und andere Kunstformen“ in die Stadt bringe. Eine Möglichkeit, um das Fremde kennenzulernen und „einen Geist zu atmen, der großzügiger denkt, als es am Wochenende manche getan haben.“

euro-scene Leipzig, 7. bis 12. November, alle Termine unter www.euro-scene.de. Vorverkauf ab Samstag, Tel: 0341 9800284

Von Dimo Rieß

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