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Armin Petras inszeniert Euripides' "Ion" in der Leipziger Centraltheater-Arena

Armin Petras inszeniert Euripides' "Ion" in der Leipziger Centraltheater-Arena

Wenn nun schon im Centraltheater statt der Guckkastenbühne die Arena steht, gehört in die einfach auch mal noch ein alter Grieche rein. Dran glauben musste Euripides.

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Manolo Bertling als Ion, Cordelia Wege als seine Mutter Kreusa.

Quelle: Rolf Arnold/ct

Leipzig. Dessen "Ion" nahm sich Regisseur Armin Petras zur Brust. Am Donnerstagabend war bejubelte Premiere vor ausverkauftem Haus.

Der Erste, der dem König beim Verlassen des Tempels begegnet, ist sein Sohn. So erfährt es König Xuthos - und das in besagtem Tempel und aus dem Mund des Gottes Apollon höchstselbst. Dass Xuthos dann ein wenig ins Hadern gerät mit dem Orakelspruch aus höchster Instanz ist verständlich: Läuft er doch noch im Tempel diesem Ion über den Weg, der hier seinen Dienst tut mit Wischeimer und debilem Greinen. Der mehr grunzt als spricht und zudem ziemlich muffelt. Nicht gerade der Wunschkandidat zur Erweckung zärtlich-väterlicher Gefühle.

Ingolf Müller-Beck ist König Xhutos der Überrumpelte. Manolo Bertling Ion der Waise, der plötzlich als Prinz dasteht. Und was Beide aus dieser Szene machen, zwischen Schreck und Freude, zwischen Fatalismus, Zerknirschung und Überschwang, das ist ein grandioses schauspielerisches Kabinettstück. Eins, zwischen Nonsens und Slapstick.

Und eins, das auf ein Dilemma verweist: Denn es ist ein Trauerspiel mit den antiken Tragödien in heutigen, hiesigen Theatern. Nein, weiß Gott nicht nur in Leipzig. Aber bei diesem "Ion" grad auch hier wieder mal.

Man hüpft und man strampelt, man rast und man tobt, reckt und verrenkt sich und greift natürlich ausführlich auf jenen sehr deutschen Bühnenkniff zurück, dessen man einfach nicht überdrüssig zu werden scheint: Gesteigerte Emotion heißt gesteigerte Lautstärke.

Ob das einem obskuren inszenatorischem Konsens oder einfach nur landesüblicher Mentalität entspringt - in jedem Fall, wird auch hier wieder mal gern so gebrüllt, als gelte es Sportpaläste zu euphorisieren und nicht über das Schicksal, die Götter, das Leben zu klagen.

Die antike Tragödie ist zu groß geworden für uns, verrät das. Oder anders herum: Wir sind lange schon zu klein dafür. Reichen in unseren Wissen und Gefühlen, Erfahrungen und Weltwahrnehmungen, einfach nicht mehr so weit hinauf.

Also holen wir sie zu uns hinunter. Besser, als ganz drauf zu verzichten. Es ist der inszenatorische Mechanismus einer Schrumpfung, hin zum emotionalen wie intellektuellen Level eines gespielten Witzes in Theaterabendlänge, den Petras in "Ion" mit Bravour exerziert.

Und zugegeben - der Plot dieses Stückes bietet sich dafür durchaus an: Ein Ehepaar, Xuthos nebst Gattin Kreusa (toll im Spiel zwischen hysterisch und fatalistisch: Cordelia Wege), das keine Kinder bekommt, das Orakel befragt, warum dem so ist und mit der Antwort harten Bewährungsproben ausgesetzt wird. Nicht nur, weil Ion dann so ist, wie er ist, sondern weil er sich - da liegt der perfide Kniff - tatsächlich bald als jenes Kind entpuppt, das Apollon einst mit der jungen Kreusa zeugte und das die heimlich aussetzte.

Doch, das ist durchaus eine Pointe jener Art, wie sie das Schicksal liebt. Möglich, dass auch Petras sich darüber ausschüttete. Allein, wie der diesen Xhutos auftreten lässt, mit Vokuhila- Frisur und in der Pose eines Emporkömmlings, der sich per Heirat auf den Königsthron verirrte.

Und seine Gattin erst. Blondes Biest, zumindest auf den ersten Blick. Verführerisch und affektiert im perfekten Erscheinungsbild einer Jetset-Tussi (Bühne und Kostüm: Valerie von Stillfried). Und wie sie aussehen, benehmen sie sich auch: Immer ein bisschen billig und gern großspurig. Ganz heutig also. Wohlstands-Klein-Bürger, wenn man so will.

Warum die sich dann, im Angesicht der verkündeten (Halb-)Wahrheiten und implodierenden Lebenslügen, in einen Seelenqual-Terz inklusive Mord und Totschlag hineinsteigern, obwohl sie doch tendenziell eher dazu neigen würden, sich vor der Glotze zu betrinken oder sich ausgiebig beim Shoppen wieder ins mentale Gleichgewicht zu bringen, das bleibt dann auch das Geheimnis dieser Inszenierung.

Allerdings trifft die Euripides in einem Punkt: Der jüngste der drei großen griechischen Tragödiendichter ist auch deren Götterfernster. Seine Olympier sind nicht nur wie im konkreten Fall Lügner, sondern oft fast schon deprimierend konventionelle Typen. Insofern passt Petras Inszenierung dann wieder perfekt.

Vorstellungen: Sonnabend (19 Uhr) und Sonntag (20 Uhr), mit etwas Glück gibt's noch Restkarten unter Tel. 0341 1268168 oder an der Abendkasse

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.05.2013

Steffen Georgi

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