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Atelierbesuch bei LVZ-Kunstpreisträger Jochen Plogsties

Atelierbesuch bei LVZ-Kunstpreisträger Jochen Plogsties

LVZ-Kunstpreisträger Jochen Plogsties zitiert in seiner Arbeit die Bilder Alter Meister. Anfang Dezember eröffnet im Museum der bildenden Künste eine Ausstellung seiner Werke.

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Jochen Plogsties in seinem Atelier.

Quelle: Regina Katzer

Zuvor sahen wir uns in seinem Atelier auf dem Spinnereigelände um. Nach dem verschlungenen Weg durch dunkle Kammern öffnet sich ein hoher, heller Raum. Vereinzelt hängen Stuckarbeiten an den Wänden, die an die Lehrlinge erinnern, die früher diese Etage auf dem Spinnereigelände nutzten. Zwei Vögel flattern frei herum und geben dem Atelier von Jochen Plogsties einen Hauch von Paradies. Manchmal durchdringen ihre gellenden Pfiffe das Gespräch.

Der in Cochem/ Rheinland-Pfalz geborene Maler studierte an der Akademie der bildenden Künste in Mainz, bevor er 2003 an die HGB kam. Die Galerie ASPN, die sich im gleichen Gebäude befindet, vertritt ihn seit 2006. Der Schüler von Friedemann Hahn und Arno Rink sowie Meisterschüler von Neo Rauch war bereits in Deutschland und in den USA in Ausstellungen vertreten, bevor ihn die Jury für den 9. Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung vorschlug. Er habe erst einen Tag vor der Jurysitzung von seiner Nominierung erfahren, erzählt der 37-Jährige. „Das war für mich recht überraschend.“ Er versöhne die Konzepte von Abstraktion und figurativem Malen, befand die Jury.

In der Ausstellung, die im Anschluss an die Preisübergabe am 2. Dezember im  Museum der bildenden Künste Leipzig eröffnet wird, möchte Plogsties auf einige bestehende Arbeiten zurückgreifen und neue Bilder zeigen. Seit etwa zwei Jahren setzt sich Plogsties intensiv mit Details aus Fremdwerken auseinander - eine Arbeit, die ihn fasziniert, weil sie „Konzept und pure Malerei“ vereine. Er findet Details der Gemälde Alter Meister im Internet, in Katalogen und Büchern, mitunter sogar nur in Schwarz-Weiß - und kopiert sie. Dabei kommt oft selbst der Rand der Vorlage mit aufs Bild. „Wenn man etwas kopiert, dann guckt man sich das Stunde um Stunde an, und das finde ich ganz interessant als Prozess.

Mich interessiert es, die Vorlage zu ergründen und die Realität von so einer seltsamen Reproduktion.“  Einen Ausschnitt aus der „Allegorie der Erlösung“ von Lukas Cranach dem Älteren hat er zweimal in Öl gemalt, dann eine Lithografie gefertigt. Zur Zeit entsteht es noch einmal in Groß, wobei die Leinwand gerade verkehrt herum an der Wand hängt, der Kopf der Hauptfigur zeigt nach unten. Als Zwischenstufe freilich nur, aus malpraktischen Gründen, obwohl man beim Baselitz-Prinzip die Formen klarer und frischer sehen kann. Plogsties malt parallel an mehreren Bildern. Die ersten Schritte bestehen darin, das Bild anzulegen mit hellen und dunklen Passagen, die Figuren zu platzieren. Dann kommen dickere Farbaufträge, die interessante Oberflächenstrukturen schaffen. „Solange einen Dinge massiv stören, malt man weiter“, meint er und bezeichnet die Leinwand erst als Bild, wenn er meint, dass es so bleiben kann.

Die Frage nach der Wiederholung und der Zusammenstellung von gefundenen Motiven überwiegt die Frage nach dem Umsetzen eigener Motive. Dass er selbst nicht mehr aktiv bildgeberisch arbeitet, liegt am Bewusstsein der begrenzten Möglichkeit, etwas wirklich Neues zu schaffen. „Eigentlich wiederholt sich ständig alles. Dennoch ist der Moment jetzt und hier einzigartig, der ist mit Sicherheit neu. Das Paradox mag ich gern.“ In der künstlerischen Interpretation geschieht eine Übersetzung und Deutung des „Originals“, wobei nicht nur Formen analysiert werden, sondern auch der Subtext mitschwingt. „Ich interpretiere permanent, und es ist ganz spannend zu merken, dass man gar nicht anders kann“, meint Plogsties dazu. Über den Vergleich mit der Vorlage lerne er etwas über sich selbst, darüber „was passiert, wenn ich mich mit einem Motiv, das es schon gibt, auf meine Art beschäftige.“

Mit der Maltechnik beschäftigt er sich dabei weniger als mit der Motivik, die über die Jahrhunderte hinweg Verbindung zum Betrachter hält. „Was ist an so einem Motiv dran, was macht es heute noch interessant“, fragt sich Plogsties zum Beispiel angesichts der Gesten auf einem Delacroix-Bild von 1855, auf dem ein Araber mit zum Himmel erhobenen Armen sein Pferd sattelt. „Was kommt davon 2011 an, was setzt es in Bewegung?“ Ob er sich beim Kopieren dem Stil anpasst? „Wenn ich einen Rembrandt oder Cranach male, merke ich, dass mir Rembrandt vom Naturell näher ist.“ Als Picasso Cranach kopierte, stieß er vermutlich auf ähnliche Fragen: „Wie weit muss ich mich selbst einzwängen - und muss ich das wirklich? Wie frei kann ich sein, wenn ich etwas nur nachmache?“ Picassos „Venus und Amor“ sind sehr picasso-typisch ausgefallen. Der Duktus von Plogsties ist zurückhaltender. „Ich merke, dass mich die Virtuosität, die ich von anderen geliefert bekomme, in weiten Strecken langweilt. Ich mag gern, wenn man der Arbeit ansieht, dass sie einen Bezug zu etwas hat. Nicht nur zum Künstler selbst, sondern zu etwas außerhalb.“

Bei seiner langsamen Annäherung „wächst auf der Leinwand eine Menge Masse und Material, das gibt eine eigene neue Form, und plötzlich eine neue Realität.“ Die Frage nach der Urheberschaft ergibt auf diesem Weg eine interessante Reibung. „Ich glaube, es ist ein schlechter Schritt, wenn man aus Angst, etwas nachzumachen oder aus dem unbedingten Drang, etwas Neues zu machen, vergisst nachzusehen, was es schon gibt.“

Mögliche Kritikpunkte von „Das ist aber ganz schön schwierig“ bis zu „Fällt ihm selbst nichts ein?“ sind Plogsties bewusst. „Ich finde es schön, wenn diese Problematik angesprochen wird durch die Bilder.“ Seine Kunstwerke reißen die Rezeptionsgeschichte an, das Transponieren eines Werkes durch verschiedene Medien und Jahrhunderte. Sie thematisieren die in Zeiten einfachster Reproduzierbarkeit nicht nachlassende Frage nach der Autorenschaft, nach dem künstlerischen Eigenwert der Interpretation. Bei dieser sich durch das Bild hindurch eröffnenden Komplexität klingt es bescheiden, wenn Jochen Plogsties sagt: „Bildfindung ist ein fantastischer Prozess, selbst wenn man nur Kopien macht.“

Anna Kaleri

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