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Kultur Auch eine Lesart des Ungreifbaren: Ein Hamlet aus Chemnitz
Nachrichten Kultur Auch eine Lesart des Ungreifbaren: Ein Hamlet aus Chemnitz
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18:22 05.05.2014
Charismatischer Hamlet: Stefan Migge. Quelle: Theater Chemnitz

Und was vielleicht für alle Dramen Shakespeares gilt, gilt in jedem Fall für "Hamlet": Das Paradox, dass jede, selbst die gelungenste Inszenierung dieses Textes, immer auch ein Scheitern an ihm darstellt. Und dass, in der Umkehrung, selbst die lausigste Aufführung, gar nicht so lausig sein kann, diesen Text ernsthaft zu beschädigen.

"Hamlet" ist ungreif- und unangreifbar. "Transzendiert" seien Figur und Stück, sagt der Shakespeare-Forscher Harold Bloom. Und hat Recht. Womit jede Inszenierung die spannende (und auch amüsante) Frage aufwirft, welcher Kniffe sich ihr Regisseur bedient, um etwas derart Ungreifbares in den Griff zu bekommen.

Koca geht's so an: Er setzt einfach an den Anfang, was im Text erst im dritten Akt geschieht: Hamlets berühmte Rede an die Schauspieler, die er nach Helsingör lud, um mit ihnen ein Stück aufzuführen, das zeigen soll, was alles faul ist im Staate Dänemark. Auf dass die Macht (König Claudius) ihre Maske fallen lasse, oder wenigstens zur verräterischen Grimasse provoziert werde. Wie Hamlet diesbezüglich seine Vorstellungen entäußert, ist natürlich von brillanter Ironie. Das Medium Theater reflektiert sich selbst und seine Grenzen. Schöner Anfang für ein Theaterfestival und ein Postulat für diese Inszenierung: Alles was jetzt folgt, ist Spiel, oder auch nur Spiel-Versuch.

Nur, dass das, was erst einmal als pfiffiger Regie-Hakenschlag anmutet, sich alsbald zumindest als zweischneidig entpuppt, wenn bald der Geist von Hamlets Vater bewusst komödiantisch, als Spiel im Spiel eben, seinen Part gibt. Als jemand, der auch "nur spielen" will, nicht beißt und quält als Stachel des Irrationalen und Absurden.

Bezeichnend. Nicht nur, aber gerade auch für diese Inszenierung, die fast frohgemut zeigt, dass die Möglichkeit des Unmöglichen auf unseren Bühnen nicht mehr möglich scheint. Das Ungreifbare in den Griff zu bekommen, rattert somit als jene Gegenwartstheatermechanik, die allemal das Große ironisierend aufs verträgliche Maß unserer Gegenwart zu schrumpeln bemüht ist.

Weshalb dann etwa auch Ophelia ein Girlie ist (erst kokett, später eher hysterisch als verzweifelt: Magda Decker), für das Sex mit Hamlet (nicht nur charismatischer, sondern auch recht viriler Prinz: Stefan Migge) nur insofern ein Problem darstellt, als dass ihr trotz aller Lust und auch schon halbnackt, gerade noch rechtzeitig einfällt, dass ja Papa Polonius und Claudius als heimliche Beobachter zugegen sind. Womit sie Hamlet von sich stößt, um wiederum so seinen fatalen Zynismus ihr gegenüber als Schmollerei nach verweigertem Sex zu motivieren.

Nun ja, auch eine Lesart. Eine, die den "Hamlet", wie man so sagt, schön "runterbricht" aufs Heutige. Man könnte hier jetzt gut weitere diesbezügliche Beispiele aufzählen - allerdings täte dies allein der Inszenierung Unrecht. Hat die doch durchaus ihre Qualitäten. Und nicht nur, weil hier mal erfreulich wenig gebrüllt wird (was daran liegen könnte, dass Koca Pole ist).

Dass manche Textpassagen rigide, auch rabiat zusammengestrichen wurden, mag man bedauern. Aber wie sich diese Kürzungen abfedern, in Szenen, die oft weniger chronologisch, als vielmehr in Parallelmontagen inszeniert sind, das hat seinen Reiz. Dazu kommen dramaturgisch geschickte Kleinigkeiten. Bestes Beispiel: Den Monolog Gertruds, der vom Tode Ophelias kündet, an späterer Stelle von Hamlet sprechen zu lassen. Emotional eine sehr wirkungsvolle Variante.

Und auch, dass Hamlets letzte Worte nicht die berühmten von Shakespeare sind, sondern von Koca geschriebene, hat nicht nur Chuzpe, sondern auch Sinn: Mit dem Tod Hamlets wird "der Stern namens Hamlet geboren" heißt es da. Zugegeben: Man sah diesen Stern schon heller und schöner leuchten auf Theaterbühnen. Aber, wie gesagt: Ganz verglimmen, kann er ja gar nicht.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.05.2014

Steffen Georgi

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