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Auf Leben und Tod: Videoinstallation zeigt das Drama der Flucht als Roulettespiel

Kunstkraftwerk Leipzig Auf Leben und Tod: Videoinstallation zeigt das Drama der Flucht als Roulettespiel

Sie sind jung. Sie sind schön. Sie spielen Roulette. Einsätze werden platziert, die Kugel rollt. Die Darsteller in der Videoinstallation „Stateless“ des New Yorker Künstlers Shimon Attie sind Geflüchtete aus Syrien. Bis zum 13. August ist die schaurig-schöne Inszenierung im Leipziger Kunstkraftwerk zu sehen. Es ist ein metaphorisches Spiel um Leben und Tod.

Metapher für die Flucht: Sieben junge Syrer spielen in Shimon Atties Videoinstallation „Stateless“ Roulette. Zu sehen ist sie bis 13. August im Leipziger Kunstkraftwerk.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig. Sie sind jung. Sie sind schön. Sie spielen Roulette. Vier Männer und drei Frauen. Einsätze werden platziert, die Kugel rollt. Die Darsteller sind Geflüchtete aus Syrien, sie stammen aus Homs, Aleppo oder Damaskus. Bis zum 13. August ist die schaurig-schöne Videoinstallation „Stateless“ des New Yorker Künstlers Shimon Attie im Leipziger Kunstkraftwerk zu sehen. Attie hat das Drama ihrer Flucht in eine achtminütige Erzählung am grünen Tisch übertragen. Die lebensgefährliche Reise nach Europa wird zum metaphorischen Spiel um Leben und Tod. Nach und nach verschwinden die Mitspieler, nur einer bleibt übrig.

Die Syrer im Alter zwischen etwa 17 und 30 Jahren – keiner von ihnen hatte Vorerfahrungen in Schauspielerei – hat der 1957 geborene Künstler 2015 in Luxemburg kennengelernt. „Es dauerte einige Zeit, bis ich ihr Vertrauen gewinnen konnte.“ Nachdem er ihnen seine Idee vorgestellt hatte, mit ihnen in einem ehemaligen Casino zu drehen, das Drama ihrer Flucht, das so viele nicht überlebten, auf diese Weise zu inszenieren, hätten sie zunächst ziemlich lange geschwiegen. „Dann lachten sie und sagten, dass sie das sehr gut fänden.“

Die Logik des Spiels, die Logik der Schlepper

Im Video bewegen sie sich roboterhaft, langsam, mechanisch. Immer wieder halten sie inne, für Sekunden entsteht eine surreal-altmeisterliche Ruhe. Dann dreht sich das Roulette-Rad, und das Schicksal sondert einen nach dem anderen aus. Ein abstraktes Brummen raunt vieldeutig im Hintergrund. Hinter der Logik des Spiels, einem Zeitvertreib der eher Gutbetuchten, in dem der Zufall über Gewinn und Verlust entscheidet, wird die der Verzweifelten erkennbar, in der ein falscher „Einsatz“ bei einem Schlepper den Tod im Meer bedeuten kann.

Auf den Boden der ehemaligen Kesselhalle werden Zahlen projiziert. Ein bisschen sollen auch die Besucher im Spiel sein. Im Video wird nicht gesprochen, die Kommunikation findet allein über Blicke und Berührungen statt. „Sie schalten gewissermaßen auf Autopilot“, erklärt Attie. „Stateless“, der Begriff ist zweideutig: Wörtlich übersetzt bedeutet er „staatenlos“, gleichzeitig etwas noch Grundlegenderes, nämlich „zustandslos“. Atties Familie väterlicherseits stammt aus Aleppo. Das sei jedoch nicht die Motivation für diese Arbeit gewesen. „Ich bin Mensch und Künstler. Das war der Grund.“

Zu „Stateless“ gehört eine Ausstellung mit Fotografien aus zwei früheren Projekten von Shimon Attie. Für „The Writing on the Wall“ projizierte er in den frühen Neunzigern Fotos jüdischen Straßenlebens auf Fassaden im Berliner Scheunenviertel. „Facts on the Ground“ (2013/14) thematisiert den israelisch-palästinensischen Konflikt. Dafür hatte Attie Kästen mit Leuchtbuchstaben an politisch-religiös aufgeladenen Orten aufgestellt, zum Beispiel den Schriftzug „ALL OF ONE’S FEARS“ zwischen eine Synagoge und die Ruine einer ehemaligen Moschee in der Nähe von Tel Aviv.

Man freue sich sehr über dieses Projekt, mit dem über die Kunst auf ein nach wie vor akutes Thema aufmerksam gemacht werde, sagt Angelika Kell von der Stiftung Bürger für Leipzig, die sich am Rahmenprogramm zur Ausstellung beteiligt. „Es hilft dabei, darüber nachzudenken, inwieweit Flucht in der eigenen Familie eine Rolle spielte.“ Beim Umgang mit Geflüchteten herrsche immer noch ein Zuständigkeitswirrwarr, die Menschen würden nach Status sortiert.

Eine Flucht mit gutem Ende in Leipzig

So greift „Stateless“ sehr unmittelbar ins Hier und Jetzt, was in einem Extraraum mit einer Wand für Fotos, die Heimat und ihren Verlust dokumentieren sollen, noch deutlicher werden dürfte. Sie soll sich während der Ausstellung füllen. Bei der Vorstellung am Freitag zeigte der 19-Jährige Ayman Hasan seine Heimatstadt Aleppo, wie sie 2010 ausgesehen hatte, und dann ein Foto von Ende 2014, eine Trümmerwüste.

„Das ist meine Straße“, sagt er und berichtet dann von seiner Flucht in die Türkei. 23 Stunden fährt er auf einem überfüllten Gummiboot auf die griechische Insel Rhodos, 3000 Euro zahlte er dafür an einen Schlepper. Drei Monate geht er zu Fuß nach Budapest. In Serbien wird er eine Woche ins Gefängnis gesteckt. 2015 kommt er mit dem Zug in Dortmund an. Über Göttingen landet er schließlich in Leipzig. Hier studiert er bereits im 4. Semester IT-Sicherheit an der Leipziger Hochschule für Telekommunikation. Gerade hat er eine Prüfung mit einer 1,7 abgeschlossen.

Die Videoinstallation treffe es genau. „Man ist wie ein Ball in einem fremden Spiel“, sagt er in fast akzentfreiem Deutsch. Dann tritt Markus Löffler, Geschäftsführer des Kunstkraftwerks und Direktor des Leipziger Instituts für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie, näher, sichtlich beeindruckt von der Geschichte, aber auch von Hasans Ehrgeiz. „Möchten Sie in unserem Institut ein Praktikum machen? Sie passen perfekt zu uns.“ Hasan lächelt. Er möchte.

Manchmal fällt sie eben doch auf die richtige Zahl, die Kugel im Spiel des Lebens.

Stateless: bis 13. August im Kunstkraftwerk Leipzig (Saalfelder Straße 8b); geöffnet Di–So, 10–18 Uhr; Künstlergespräch mit Shimon Attie: am 1. Juli um 15 Uhr; der Eintritt (11/8,50 Euro) berechtigt zum Besuch aller Ausstellungen im Kunstkraftwerk.

Von Jürgen Kleindienst

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