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22:50 23.12.2016
„Du bist die Summe deiner Momente“: Aufmerksam sein, bewusster und intensiver schauen, schmecken und riechen – den magischen Momenten kann man auf die Spur kommen. Quelle: gpt
Hannover

Die Journalistin Dorothee Röhrig über tiefe, innige Erfahrungen, bewusstes Erleben und Momente der Entspannung.


Ein magischer Moment ist eine sehr tiefe und innige Erfahrung, ein Augenblick, in dem sich das Leben dreht, in dem ich etwas erkenne. Meist wird er ausgelöst durch einen einzigen Satz, einen Hinweis. Etwas ist vorbei, etwas Neues fängt an. Das ist der Unterschied zu einer schönen Erinnerung: Ein magischer Moment zeichnet sich dadurch aus, dass er etwas anstößt.

Sie schreiben: „Du bist die Summe deiner Momente.“ Wie sind Sie darauf gekommen, Ihr Leben auf magische Momente hin zu untersuchen und über das Ergebnis ein Buch zu schreiben?

Über unserem Sofa hängt ein Poster mit einem Motiv aus einer kanadischen Zeitung – ein dunkler Berg im Abendlicht, ein Mensch erklimmt den Gipfel. Darüber steht: „You are the sum of your moments – du bist die Summe deiner Momente.“ Mein Mann hat es von einer Reise mitgebracht. Der Spruch hat ihm in einer bestimmten Situation seines Lebens Mut gemacht. Ich wusste, dass ihm diese Zeile viel bedeutet, und habe es irgendwann vergrößern lassen. Seitdem hängt es da. Irgendwann habe ich angefangen, über die Bedeutung dieses Satzes nachzudenken.

Sie beschreiben diese Momente als meist zufällige Ereignisse, in denen Sie sich einer Situation, einer Lebensweise, einer Veränderung bewusst werden. Wie kann man sie erkennen?

Wir können versuchen, bewusster und intensiver zu schauen, zu schmecken und zu riechen. Wann habe ich eine Entscheidung getroffen, und wann habe ich etwas verändert oder eine Situation verlassen? Wie war die Umgebung? Man kann den magischen Momenten durch konkrete Fragen auf die Spur kommen. Wir erinnern uns ausschließlich über Gefühle. Man kann sich fragen: Was habe ich damals gefühlt? Dann kommen wir uns und dem Moment auf die Spur. Dieser Mut kann mich auch heute wieder mutig machen. Das habe ich ja schon mal gemacht. Auch im Beruf: Ich erlebe etwas mit meiner Chefin oder meinem Chef und merke: Da geht es nicht weiter. Eine solche, meist plötzliche Erkenntnis führt dann zu einer Veränderung. Das sind Momente, aus denen ich lernen kann.

Viele Menschen wollen etwas verändern. Sie wissen aber nicht, wie. Kann man einen solchen Moment auslösen?

Es ist wichtig, sich Momente der Entspannung zu suchen. Es kann sein, dass man sich einfach nur fünf Minuten hinsetzt und nichts tut oder Gedichte liest. Man wird dadurch sehr viel aufmerksamer und lernt wieder, in sich hineinzuhören und zu -spüren. Ich habe für mein Buch sehr viele Experten gesprochen und in verschiedene Richtungen gefragt. Jemand nannte mir das Bild vom Gehirn als Gedankenteich: Wenn der Teich ruhig ist, können wir etwas aufnehmen. Wenn der Teich schon in Bewegung ist, nehmen wir weitere Bewegungen gar nicht mehr wahr. Wenn wir uns entspannen, beruhigen wir unser aufgewühltes Gehirn. Und es ist wichtig, dass man sich Raum nimmt. Auch in der Partnerschaft. Da passieren die magischen Momente.

„Was keine Gefühle weckt, wird vergessen“, sagt der Hirnforscher Marc Wittmann in Ihrem Buch. Gefühle spielen bei der Suche nach magischen Momenten also eine wichtige Rolle. Was aber ist mit dem Verstand?

Der Verstand ist der Verhinderer. Er stellt Fragen und löst Angst aus. Er fragt vor Veränderungen: Komme ich da durch? Oder bei einer bevorstehenden Trennung: Schaffe ich das allein? Und dann bleibe ich manchmal lieber in der Komfortzone, die mich eigentlich quält. Aber dann kommt zum Glück irgendwann die Sehnsucht – das ist der magische Moment. Ich denke, in meinem Buch ist das deutlich geworden, das Wichtigste ist das Gefühl. Der Verstand soll korrigieren, nicht diktieren.

Wie aber schafft man den Absprung hin zur Veränderung beziehungsweise dem Nutzen aus dem Moment?

In erster Linie sollte man sich dem Moment öffnen und zulassen, was nicht geplant war. Ich stehe auf und heiße den Tag willkommen. Ich lasse Neugier und Gefühle für andere Menschen wieder zu. Und dann gibt es da diese großen Momente: In denen ist man ohnehin wie vom Blitz getroffen. Dann kommt es nicht mehr zur Rückkehr, weil wir etwas erlebt haben, das das Leben größer macht. Wir gehen nicht in das Trübe, sondern das Klare. Es ist der „Point of no return“.

Können Sie ein Beispiel aus Ihrem Leben dafür nennen?

Da war zum Beispiel dieser Satz: „Können Sie meiner Frau die Waschräume zeigen?“ Er führte mich vor einigen Jahren blitzartig aus meiner bisherigen Ehe in meine neue. Ich wusste plötzlich, obwohl ich den Mann, der den Satz sagte, noch gar nicht lange kannte: Ich bin hier mit meinem neuen Mann unterwegs. Das ist er. Da lag plötzlich alles, wonach ich mich sehnte, vor mir. Damals war ich 60 Jahre alt, und trotzdem fing ich noch mal neu an.

Würden Sie sagen, in solchen Momenten handelt man egoistisch?

Dieses Wort erscheint mir sehr hart. Eigentlich sucht jeder von uns nach innerer Harmonie. Das strahlen wir aus und geben anderen davon etwas ab. Was nützt es mir, wenn ich unzufrieden in einer Situation, in einem Job oder in einer Partnerschaft bleibe? Sich daraus zu lösen, würde ich nicht als egoistisch bezeichnen. Wir sind schließlich für das eigene Leben verantwortlich.

Sie zitieren in Ihrem Buch den Satz „Wir setzten den Fuß in die Luft und sie trug“, der auf dem Grabstein der jüdischen Dichterin Hilde Domin, die vor den Nazis ins Exil flüchtete, steht. Was bedeutet er für sie?

Ganz viel. Er steht dafür, dass Menschen mutig etwas Neues wagen. Und für die Überraschung, dass etwas, das mit einem Risiko behaftet war, gelingt. Wenn von den Befürchtungen nichts eintritt und all die Gespenster aus dem Kopf nicht erscheinen, sondern sich eine neue Welt eröffnet. Das ist die Luft, die trägt.

Zur Person: Dorothee Röhrig

Dorothee Röhrig ist Germanistin und hat lange Jahre in gehobenen Positionen für Frauen- und Publikumszeitschriften gearbeitet. Sie war Mitbegründerin und von 2009 bis 2015 Chefredakteurin der Zeitschrift „Emotion“. Röhrig hat eine Tochter und lebt mit ihrem Mann, dem Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt, in Hamburg. Dem Thema „Die fünf magischen Momente des Lebens“ hat sie sich in Gesprächen mit zahlreichen Psychologen, Philosophen und Neurowissenschaftlern genähert

Von RND/Dany Schrader

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