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Kultur Aufregung im Kabarett-Hotel
Nachrichten Kultur Aufregung im Kabarett-Hotel
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00:24 14.10.2018
Panik bei Meigl Hoffmann (l.) und Bernard Paschke, wenn die Rede auf Zimmer 42 kommt. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

Es ist ein Abend der Überraschungen. Die letzte und wohl größte offenbart sich gegen Mitternacht: Vom vergangenen Mittwoch auf Donnerstag, also direkt nach der Premiere in der Pfeffermühle, ist Bernard Paschke volljährig geworden. Glauben kann man das nicht, wenn man den Bühnenpartner von Meigl Hoffmann im neuen Programm „Der führerlose Aufzug“ beobachtet – optisch und spielerisch deutet das eher auf einen Druckfehler in der Geburtsurkunde hin.

Aber der Reihe nach. Dass Hoffmann nun regelmäßig auf dem Mühlen-Spielplan auftaucht, erstaunt diejenigen, die noch nichts von seinem Entschluss wussten, sich nicht nur aufs Central Kabarett beschränken zu wollen. Er ist auch schon bei den Academixern aufgetaucht. Vagabundieren in der breit aufgestellten Kleinkunst-Szene – eine Ausnahme-Erscheinung; und die ist der 50-Jährige auch in seiner Art, Kabarett zu machen.

Mit „Geölter Witz – Im Rahmen der Mona Lisa“ zeigt Hoffmann seit letztem Jahr, dass er weniger bereit ist, Zutat im Leipziger Kabarett-Allerlei aus Comedy und meist in der Schärfe ängstlich dosierter Satire zu sein. Mutig ist „Der führerlose Aufzug“ (Regie: Dieter Richter) schon in seinem Minimalismus. Ein Barhocker, eine Handklingel, Uniform – das reicht, um den Zuschauer ins altehrwürdige Leipziger Hotel „Le Toh“ zu entführen. Schon das Entrée zeigt, dass an diesem Ort, der in mehreren Passagen symbolisch für die Republik steht, die Atmosphäre alles andere als entspannt ist. Friedrich Nietzsches Gedicht „Die Krähen schrei’n“ verkündet Düsternis.

In den Vorstellungsrunden von Meigl Hoffmann (als Portier) und Bernard Paschke (als Liftboy) fegt ein Sturm aus Kalauern zunächst die Konzentration auf Inhaltliches weg: Von Herberge geht’s zu Herberger und dessen angeblicher Fußballweisheit, alle Wege führten nach Rom; es drehen sich Schreckschrauben des Mutterkonzerns, und das Hotelmotto lautet: „Hier werden noch ihre Nachfahren vorfahren.“

Erst allmählich bauen sich Einzelheiten im „Le Toh“ auf. Der Fahrstuhl nervt durch launisches Eigenleben. Doch viel wichtiger sind: der angekündigte Besuch eines mysteriösen Gastes, ein verschlossener Koffer, in dem die Zukunft der Welt steckt, und ein gruseliges Geheimnis um Zimmer 42, in dem niemand übernachten darf. Aber: „Er“ kommt, das Hotel ist ausgebucht, und man muss sich etwas einfallen lassen.

Zunächst eher in Monologen als gemeinsamem Spiel arbeiten sich der Mann von der Rezeption und der Page an der Computerisierung des Abendlandes ab, am zynischen Kapitalismus (die mit Unvermögen haben das meiste Vermögen) oder Drogenkonsum. Wandlungsfähig sind beide: Hoffmann brilliert als sternhagelvoller Gast, der nicht mehr an das Erfüllende im Arbeitsleben glaubt; Paschke schwärmt als holländisches Zimmermädchen Antje von Besonderheiten des Drogenkonsums (Speed-Dating) oder säuselt als Schnösel-Österreicher. Frappierend, welche Spielsicherheit der zu dieser Stunde noch 17-Jährige aus Bonn bereits besitzt.

Zum unbeschwerten Zurücklehnen eignen sich die 120 Minuten kaum, trotz aller spielerisch starken Nonchalance und einem absolut fantastischen A-cappella-Rap. Die Szenen drehen sich um die Unseligkeit von gefühlten Wahrheiten, um Fake statt Fakt, verbale Nebelkerzen der Politik, Gentrifizierung und deutsches Extremitäten-Tourette, auch Hitlergruß genannt.

Hoffmann und Paschke leisten sich zwei Besonderheiten, die viele Kollegen meiden: Sie fassen hauptsächlich politischen Stoff an. Der kratzt zwar nicht immer, aber er reibt sich auch mal an der Fragwürdigkeit der AfD. Zweitens: Sie hecheln nicht danach, jede Szene mit einer Mords-Pointe zu beenden. Herzhaftes Lachen schwappt selten durch die voll besetzten Reihen – und gehört auch nicht zu den kabarettistischen Pflichtaufgaben.

Gegen Ende zieht es sich leicht, und das Mitmachtheater um die auf den Bahnschienen balancierende Anja ist – bei allem Unterhaltungswert – verzichtbar. Nicht alle Geheimnisse übrigens werden gelüftet: In Zimmer 42 sitzt eine Art Kassandra mit Strickzeug, die kalauernd vor Bürgerkrieg und Fundamentalismus warnt. Hier überrascht das Nicht-Überraschende. Blöderweise fehlt die Auflösung, wer „Er“ nun eigentlich ist.

Dafür liefert die Öffnung des herrenlosen Koffers mit der „Zukunft der Welt“ einen hübschen Schluss: Er ist leer. Und verspricht also was? „Platz für Neues“, sagt Hoffmann zwinkernd. Und das gilt auch für seine Position in der Brettl-Landschaft. „Der führerlose Aufzug“ ist gehobenes Zuhör-Kabarett jenseits des Mainstream, geboten von einem alten Hasen und einem jungen Hüpfer, die beide für Überraschungen gut bleiben werden.

Nächste Vorstellungen 17. und 18. Oktober, 20 Uhr, Karten an allen LVZ-Geschäftsstellen und über www.ticketgalerie.de.

Von Mark Daniel

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