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Aufstand und Konfetti: Dritte Wahl und ZSK feiern im Haus Auensee den Deutschpunk

Konzert Aufstand und Konfetti: Dritte Wahl und ZSK feiern im Haus Auensee den Deutschpunk

Eine Zeit lang war Deutschpunk das Schmuddelkind der hiesigen Musiklandschaft. Doch das stimmt längst nicht mehr – was in Leipzig am Samstagabend die Dritte Wahl und ZSK mal wieder unter Beweis gestellt haben.

Politik und Party: Die Dritte Wahl in Leipzig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Deutschpunk expandiert. Fand die Release-Party des Albums „Nimm drei“ 1996 noch in einem kleinen Stavenhagener Club statt, füllten Dritte Wahl anlässlich des 20-jährigen Jubiläums dieses Szene-Meilensteins am Samstag zum wiederholten Male das Haus Auensee. Andere Genre-Kollegen ziehen gar fünfstellig Publikum in die Arena.

Eigentlich war Deutschpunk eher das Schmuddelkind der hiesigen Musiklandschaft, was nicht nur daran lag, das Punk per Definition mit musikalischer Virtuosität eher auf Kriegsfuß steht. Hatte man innerhalb der Verkrustungen endloser Kohljahre und dem Aufkommen rechter Gewalt in den Neunzigern noch klare Feindbilder, blieben die Texte später häufig ein plakativer Schimpf auf alles nur irgendwie Deutsche, ignorierend, dass die Bundesrepublik durchaus zu Entwicklungen fähig war.

Dass Bands wie Dritte Wahl dennoch Erfolg mehr denn je haben, hat mehrere Gründe. Erstens haben die Rostocker die großen textlichen Abgründe gern umschifft. Klare Worte und einfache Reime finden sich schon, selten sind diese jedoch allzu platt, dafür oft angenehm zwischenmenschlich statt polter-politisch. In Leipzig eröffnen sie wie vor 20 Jahren mit der Eskapismus-Hymne „Rausch“ und mischen in den folgenden zweieinhalb Stunden Politik, Gesellschaftskritik, Party und Melancholie. Für kämpferische Ideologie sorgten vorher bereits die Polit-Skatepunks von ZSK. Verpackt in Tempo und Sing-along-Melodien schwingt mitunter der plakative Antifa-Zeigefinger, aber immerhin sind die Initiatoren des Aufklärungs- und Präventionsprojektes „Kein Bock auf Nazis“ von ungebremstem Idealismus, was gerade beim alternativen Nachwuchs gut ankommt.

Edvard Grieg in der Pogoversion

Zwischen Aufstandsfantasie und Zusammenhaltsbeschwörung passt trotzdem noch Party in Form erster Konfetti­kanonen, von denen es bei Dritte Wahl noch mehr geben wird. Für deren überwiegend ernste Texte ist doch recht viel gute Laune im Pogokreis der Generationen. Als „Skorpions des Punks“ befrotzeln sie sich selbst ob ihres hohen Balladenaufkommens. In Verbindung mit Konfetti und rhythmischem Klatschen zerrt dieses den Punk leider weit Richtung Pop, aber als ein Gitarrensolo zwischenzeitlich in eine Pogoversion von Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ gipfelt, zerspringt der Zweifel.

Im gut Durchmischten findet sich ein zweiter Grund für die Renaissance des Punk und zwar absurderweise in der Auflösung fester Szenen. Nur mit Leipziger Punks füllt man kaum das Haus Auensee, und tatsächlich bilden Iros und Lederjacken mit Schriftzügen eher die Publikumsminderheit. Dass heute viele selbstverständlich neben Punk auch Hip Hop, Metal und Elektro hören, sorgt zwar für optische Indifferenzen, aber vollere Konzerte und passt mithin zur antidiskriminierenden Grundeinstellung des Punk.

Der dritte Grund ist am Ende leider der bitterste. Denn wo sich seit gut zwei Jahren rechte Töne in Politik und Gesellschaft gegenseitig überbieten und längst wieder zu Taten werden, klingen viele Deutschpunksongs plötzlich nicht mehr nach linksextremen Parolen, sondern nach notwendig klaren Gegenworten, verpackt in harte Musik. Wüsste man nicht, dass Dritte Wahls Hymne „Greif ein“ ebenfalls 20 Jahre zählt, man könnte es für einen Reflex auf die aktuellen sächsischen Verhältnisse halten. Das gibt auch im Konfettiregen zu denken.

Von Karsten Kriesel

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