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Kultur Aus Wut wurde Mut - 9. Thomasforum am Dittrichring
Nachrichten Kultur Aus Wut wurde Mut - 9. Thomasforum am Dittrichring
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23:59 10.09.2014
Thomasforum mit Rolf Sprink und Moderator Hans-Joachim Schindler im Matthäi-Haus. Quelle: André Kempner

Sprink ist aber nicht als Manager der Volksbildung geladen, sondern als Zeitzeuge. Das traditionelle Motto des Forums unter der Ägide der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde St. Thomas lautet "Begegnen, bilden, glauben". Im Fall von Sprink wäre der Slogan mit dem Wort "wissen" zu ergänzen.

Der Mann weiß, wovon er redet. Auch er hat ein Wunder erlebt, das der Friedlichen Revolution. Sprink berichtet über jene Zeit anhand seines Tagebuches, das er - "Ein guter Geist hatte mir eingegeben, es zu führen" - schon seit Januar 1986 mit Erinnerungen füllte. Sprink ist gelernter DDR-Bürger, geboren in Görlitz, Schulbesuch vor allem in Dresden, Abitur in Bautzen, wo der Vater als Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters wirkt. Er studiert an der Karl-Marx-Universität Ethnologie und Soziologie, ist Lektor beim Brockhaus- und Touristverlag und gründet 1989/90 den Forum Verlag mit, in dem schon bald der Bestseller "Jetzt oder nie - Demokratie!" erscheint.

Sprinks Einträge in sein Tagebuch sind originale Dokumente von er- und gelebter Geschichte. Der Autor benennt Ereignisse und fügt treffsichere Kommentare hinzu. "Mai, Juni 1989: Die Organe verbieten den Pleißepilgermarsch. Betroffenheit, Wut - 24. Juni 1989: Im Großen wie im Kleinen Auflösung der Strukturen erkennbar - 16. Juli: Wir dürfen uns unsere Energie nicht abziehen lassen - 21. August: Wolf Biermann in der TAZ: Die DDR laufe aus wie ein alter Eimer - Neuer Text für die BRD-Nationalhymne: Deutschland, Deutschland über Ungarn -"

Dann der 9. Oktober 1989: "Unbeschreiblich, diese Menge." Auf dem Karl-Marx-Platz, damals noch ein Parkplatz, geht laut dem Tagebuchschreiber "kein Pkw-Außenspiegel zu Bruch". Und: "Einfach grandios: 'Wir sind das Volk' und 'Keine Gewalt'. Aus Wut wurde Mut." Eintrag am 10. Oktober: "Das Bewegendste waren die Gespräche von Demonstranten mit Kampfgruppenmitgliedern. Einer sagte: ,Morgen stehe ich wie du wieder an der Drehbank, und heute hättest du auf uns geschossen -'"

Sprink bietet in seinem Tagebuch Erinnerung pur und ergänzt an diesem Morgen seinen Vortrag als Leiter der Volkshochschule mit Fakten zum nicht einfachen Transformationsprozess der Bildungseinrichtung in jener Zeit. Man sei natürlich ins SED-Bildungssystem integriert gewesen, es gab aber auch - "einmalig für Volkshochschulen in der DDR" - einen Kurs über Kirchenbauten. Als im Sommer '89 die Ausreisewelle lief, nutzten Besucher des "Möbel-Kurses" die Veranstaltung, um sich vom Referenten, einem Restaurator, ihr Mobiliar schätzen zu lassen. Das Umdenken sei aber in dem Haus in der Löhrstraße insgesamt ziemlich schwierig gewesen. Immerhin wurde im August 1990 ein Kurs zum Einstieg in die Marktwirtschaft angeboten.

Sprinks Tagebuch gibt es bis dato nur handschriftlich für den Hausgebrauch, geschrieben natürlich für die eigenen zwei Kinder und mittlerweile auch für fünf Enkel. Bei manch dubioser Geschichtsschreibung taugen indes diese Erinnerungen für viel mehr.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.09.2014

Thomas Mayer

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