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Ausladend, kraftvoll, ekstatisch: Leipziger Tanztheater mit "Der Mann im Fahrstuhl"

Ausladend, kraftvoll, ekstatisch: Leipziger Tanztheater mit "Der Mann im Fahrstuhl"

Wo ist er nur hin, der Traum von der Revolution? Wohlgemerkt: der Traum von ihr, von der Revolution selber will man ja gar nicht mehr sprechen. Am Donnerstag hatte im Werk 2 das Leipziger Tanztheater mit "Der Mann im Fahrstuhl" bejubelte Premiere.

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Dreigeteiltes Bühnen-Ich: Ronny Hoffmann, Alessio Trevisani und André Hinderlich (von links).

Quelle: André Kempner

e. Eine Choreografie Alessio Trevisanis nach dem Text Heiner Müllers und dessen Vertonung durch Heiner Goebbels. Ein Monolog im metrisch phantastisch kanalisierten Assoziationsfluss. Und eine Musik zwischen Struktur und freier Improvisation.

Und nichts, das ist das erste, was man an Trevisanis Inszenierung feststellen kann, hat davon an Kraft verloren, seit der Entstehung in den 1980er Jahren. Also jener Dekade, als der Traum von der Revolution endgültig als Zombie des real existierenden Sozialismus in seinen letzten Zuckungen wandelte, oder, etwas weiter westlich, als Bürgerkindermutation zwischen Salonmarxismus und Autonomem Block sein Dasein in Selbstgefälligkeit fristete.

Heiner Müllers Theater nun war auch diesbezüglich immer eins, das wunderbar provokant zwischen allen Stühlen saß. Aber wo sitzt es heute?

In einer Zeitschleife, irgendwo in den 80ern. Könnte man zumindest glauben, schaut man jetzt diese Inszenierung. Die zeigt von Neonröhren beengte Bühnenelemente, ein schmuckloses Stahlgestänge, ein Pissbecken an der Ziegelmauerwand im Hintergrund. Und drei Männer, die Performer Alessio Trevisani, Ronny Hoffmann und André Hinderlich. Allesamt kahlköpfig, bärtig und in (keine Selbstverständlichkeit auf deutschen Bühnen) gut sitzenden Anzügen (Kostüm: Mehrbood Mokarram). Dazu sind die drei barfuß.

Gerade letzteres muss man nicht überbewerten, aber es fügt sich als Symptom besonders hübsch in den Gesamteindruck einer Inszenierung, die einer Punk-und/oder Industrial-Antiästhetik Referenz erweist, die eben in den 80ern irgendwie Avantgarde war und heute nicht frei von einer gewissen Wehmut und Nostalgie aufscheint.

Romantisch wirkt inzwischen genau dieses anti-romantisch Politische, das Trevisanis Choreografie beschwört. Da ist dieses dreigeteilte Bühnen-Ich als der "Mann im Fahrstuhl" auf dem Weg zum Chef. Beengt vom engen Raum, von Kragen und Krawatte. Und natürlich: von der kleinen, angstvollen Existenz überhaupt.

Und stark ist, wie sich unter den anfänglichen Bewegungen in Verknappungen und Verkrampfungen, im absurden Am-Aktenkoffer-Festklammern und selbst beim Breitbeinig-vorm-Pissoir-Stehen, etwas von jener Körper-Verdrängung, jener Selbstzucht und Unterdrückung aufzeigt, gegen die diese Körper zunehmend ausladender, kraftvoller, ekstatischer ankämpfen.

Den Rekurs auf weitere Texte des "Auftrags" (jenes Stückes, in das "Der Mann im Fahrstuhl" sich einbettet) hätte es da gar nicht gebraucht. Dass Trevisani dennoch darauf zurückgreift: eine romantische Entscheidung. Den Traum von der Revolution träumend und den schönen Schwanengesang der Desillusionierung singend.

Allerdings: Am wuchtigsten geschieht das, wenn sich ins Müller/Goebbels-Gefüge The Clash drängeln. "Straight to Hell" pocht und pulst aus den Boxen und treibt die Mannen auf der Bühne Richtung Exzess-Grenze. Da klirrt dann auch wild das Metallgerüst und scheppern zerdepperte Neonröhren, der Schweiß fließt in Strömen, die Körper krampfen wie unter Strom.

Und ja: Derlei wirkt einfach immer noch so sexy zerstörerisch wie in den Punk-Achtzigern. Und trotzdem: Wer wirklich wissen will, wie es heute mit der Revolution und dem Träumen ist, höre sich einfach mal die Lily-Allen-Variante des Clash-Songs an. Alles andere ist Nostalgie und Romantik.

Leipziger Tanztheater: "Der Mann im Fahrstuhl", erneut Freitag und Samstag, je 20 Uhr, Werk 2 (Kochstraße 132), 15 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.07.2014

Steffen Georgi

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