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Ausverkaufte Premiere von "Die Walküre" in der Leipziger Oper: Inzest und Ehebruch im Krieg

Ausverkaufte Premiere von "Die Walküre" in der Leipziger Oper: Inzest und Ehebruch im Krieg

Mit Jubel für die Sänger und gemischten Reaktionen auf Rosamund Gilmores Inszenierung und das Gewandhausorchester unter der Leitung Ulf Schirmers quittierte das Publikum am Samstagabend in der ausverkauften Oper Leipzig die Premiere von Richard Wagners "Die Walküre".

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Sensationelle Sängerbesetzung: Eva Jonasson als Brünnhilde, Christiane Libor als Sieglinde. James Moellenhoff als Hunding, Guy Mannheim als Siegmund und Markus Marquardt als Wotan (von links)

Quelle: Volkmar Heinz

Leipzig. Viel Zeit ist vergangen seit dem "Rheingold", das im Mai Premiere feierte. Da nutzte Wotan die Aufbruchsstimmung der Gründerzeit, um sich sein Eigenheim Walhall zu erschwindeln. In der "Walküre" nun ist der Lack ab. Grobes Gestänge hält die Fassade aufrecht, den Turm ziert ein Einschlussloch. Offenbar hat der Chef des Germanen-Pantheons bei der Wahl des Baugrundes nicht aufgepasst: Rundum tobt, die Kostüme Nicola Reicherts und die Bühne Carl Friedrich Oberles zeigen es, der Stellungskrieg des Ersten Weltkriegs. Es wird nicht der letzte bleiben, abzulesen an den Generationen von Stahlhelmen, die im Wohnzimmer unter den Möbeln liegen, derweil Fricka ihrem Mann Wotan einen Strich durch all seine Pläne macht, und der schon im zweiten Akt des ersten Ring-Abends nur noch eines will: das Ende.

Diesen Fatalismus bündelt Markus Marquardt in wenigen Gesten. Abgewandt kauert er auf dem Sessel, derweil Fricka den Tod Siegmunds einfordert, weil der im Akt zuvor Hunding im Offiziersbunker die Frau ausgespannt hat. Und die, Sieglinde, überdies seine Zwillingsschwester ist. Ehebruch und Inzest, ein dicker Hund, was Wotan sich da ausgedacht hat, um doch noch an den Ring des Nibelungen zu kommen.

Dass es nicht funktionieren kann, das sieht er nun selber ein, und Marquardt, in Leipzig bereits als Nabucco zu erleben, macht es in seinem eindrucksvollen Rollen-Debüt sicht-, spür-, hörbar. Hier bereits wird der Gott zum Wanderer, zum Beobachter.

In solchen Momenten ist die Leipziger "Walküre"groß. Weil Gilmore nicht auf Effekte setzt, nicht aufs Politisieren oder Mythologisieren, nichts behauptet oder aufpfropft, sondern der Protagonisten Inneres nach außen kehrt. Das gelingt ihr bereits im ersten Akt, wo Siegmund (Guy Mannheim) und Hunding (James Moellenhoff) am Küchentisch sitzen, Sieglinde (Christiane Libor) abseits in der Ecke und Hunding aus Siegmunds Erzählung nach und nach schließt, dass da jener Feind in seinem Hause sitzt, dem er gerade noch im Furor der Blutrache nachstellte. Wie sich Hundings Gesten verändern, seine Stimme sich verhärtet, Sieglindes Unruhe zunimmt, Siegmund sich selbstmitleidig in Rage redet und nichts begreift, das ist so klug beobachtet wie gekonnt gezeigt.

Hier setzt Gilmore auch ihr Tanzensemble virtuos ein. Der Tod ist Siegmund vom ersten Schritt an dicht auf den Fersen. Dräuend schleichen Halbwesen um ihn herum - die eine siegesgewisse Natur repräsentieren. Siegmund werden sie bekommen, Hunding, das Göttergezücht und mit ihm das Rheingold. Da weitet sich der Blick von Wagners Privatmythos auf die Ideengeschichte des 19 Jahrhunderts, macht Gilmore mit den Mitteln eines verstörenden Märchentheaters sichtbar, warum sich die Welt immer wieder abarbeitet an diesem Riesenwerk.

Das allerdings funktioniert im dritten Akt indes nicht mehr. Weil Gilmore dem privaten Konflikt zwischen Vater Wotan und Tochter Brünnhilde (Eva Johansson) die Intimität verweigert und ihr Tanzensemble als Eurythmie-Deko Gefallener durchs Bild hampeln lässt. Doch macht Marquardt mit seinem warmen Bassbariton die autoritären Sentenzen des Götter-Chefs durchscheinend für feinste Regungen der Seele, Johansson die offensive Zärtlichkeit ihres prachtvollen Soprans. Wie überhaupt sensationell gesungen wird in dieser Produktion: Guy Mannheim ist ein Siegmund von lyrischem Schmelz und sicherer Kraft, Christiane Libor eine Sieglinde von verletzlicher Wucht, James Moellenhoff als Hunding, weit mehr als das landläufige Abziehbild des Schlagetots. Die verwundetet Hysterie, die Kathrin Göring Fricka mitgibt, macht die nicht sympathischer, aber verstehbar, und das Rest-Oktett der Walküren (Katja Beer, Eun Yee You, Monica Mascus, Sandra Janke, Josefine Weber, Jean Broekhuizen, Karin Lovelius, Bonnie Cameron) gibt sich nicht mit kämpferischem Gekeife zufrieden.

Der GMD-Intendant Ulf Schirmer erweist sich erneut als großer Wagner-Dirigent. Er nimmt die lyrische Emphase, die beinahe kammermusikalische Detailfülle der Partitur in den Fokus. Denn Wagner nutzt sein Riesenorchester ja nur im Ausnahmefall zu Ballung, meist ist es ihm um Differenzierung, Farbe, feinste Verästelungen des Klanges zu tun. Und den mischt Schirmer so subtil durch, dass seine Sänger jede, wirklich jede Silbe verständlich über die Rampe bringen können. Auch die, die Marquardt im dritten Akt frei extemporiert.

Das Klangbild im Graben atmet, obwohl die Tempi keineswegs langsam sind, erhabene Ruhe, weil Schirmer Wagners Wort von der unendlichen Melodie, die fortwährend selbst sich zeugt, sinnlich nachvollziehbar macht. Bis beinahe ganz zum Schluss wartet er, bevor er alle dynamischen Reserven abruft. Vom Klischee der fortwährenden Kraftmeierei ist diese Musizierhaltung weit entfernt. Das mag ein Grund sein für die Buhs, die ihm am Ende entgegengellen.

Entscheidend dafür indes sein, dass das Gewandhausorchester sein Blechbläser-Problem nicht in den Griff bekommt. Von rechts kommt kaum eine Fanfare in akzeptabler Verfassung ans Ohr. Dazu sind die Posaunen oft zu spät, und auch bei den Trompeten ist das Ergebnis nicht immer so, wie man es von einem Weltklasseorchester in der Geburtsstadt Wagners erwarten darf. Das ist doppelt schade, weil es ablenkt von der Herrlichkeiten, für die das Orchester auch gut ist: berückende Soli im Holz, fein ziselierter Streicherklang, der bereits beim gehetzten Beginns dem Hörer an die Kehle greift, eindrucksvolle Homogenität. betörende Klangschönheit.

Instrumental hat dieser Ring das Potenzial zu mehr, szenisch beschreitet Gilmores auf sinnliches Ahnen mehr denn auf Analyse- oder Thesentheater setzender Ansatz einen interessanten, streitbaren Nebenweg - gesanglich ist der Gipfel schon ziemlich nahe. Insofern sind auch die Publikumsreaktionen gedeckt: Die Sänger werden mit Bravi bedacht, bei Orchester und Inszenierungsteam mischen sich Buhs darunter.

Vorstellungen: 22.12., 5., 11. 1. Karten und Infos unter Tel. 0341 1261261. Interviews mit Rosamund Gilmore und Ulf Schirmer finden Sie unter www.lvz-online.de/download.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.12.2013

Peter Korfmacher

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