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Auszubildende Müßiggängerin: Judith Holofernes vor Leipziger Konzert im Interview

Auszubildende Müßiggängerin: Judith Holofernes vor Leipziger Konzert im Interview

Wie demokratisch organisiert ihre frühere Band Wir sind Helden war, merkt Judith Holofernes jetzt, da sie alles allein machen muss: Lieder schreiben, Gitarre spielen, Interviews geben.

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Neuerdings wieder in der Musik zu Hause: Judith Holofernes (Archivbild).

Quelle: André Kempner

Wir haben die Musikerin kurz vor Beginn ihrer ersten Solo-Tour, die sie am Montag nach Leipzig führt, am Telefon erwischt.

Frage: Ein Grund, aus dem Wir sind Helden pausieren, ist ja, dass Ihr Ehemann und Helden-Schlagzeuger Pola Roy zu Hause auf die Kinder aufpassen kann, während Sie touren - hieß es. Und nun: Pustekuchen!

Judith Holofernes: Ja genau (lacht), Pustekuchen, vor allem bei euch!

In Leipzig und Dresden spielt Pola Roys Band Per Anders im Vorprogramm ...

Aber ich hab ja auch nie gesagt, dass Pola nicht mitkommen darf. Der Unterschied zu früher ist, dass er nicht mitkommen muss (lacht). Es ist etwas völlig Anderes, ob die Kinder und er mal zwei Tage dabei sind - das ist toll - oder ob wir zusammen unterwegs sein müssen. Am besten noch im November, wenn alle krank sind, wenn im Tourbus die Kotzgrippe umgeht, solche Sachen.

Dafür stehen Sie jetzt noch mehr als früher im Mittelpunkt. Macht Sie das nervös?

Irgendwie habe ich gar keine Zeit, nervös zu sein. Ich bin gerade für so viele Sachen zuständig. Und dann spiel ich auf einmal so viel Gitarre. Bei Wir sind Helden war ich ja nie die eine tragende Lead-Gitarristin in allen Stücken. Das wäre schon aus dem Grund nicht gegangen, dass sich damals Jean viele Gitarrenlinien ausdachte. Und der ist nicht nur studierter Gitarrist, sondern muss auch nicht gleichzeitig singen. Ich hab da oft einen Knoten im Gehirn gekriegt. Das ist jetzt anders und macht mir total Spaß. Die Songs sind aus einem Guss, die Gitarrenlinien fließen mir so aus dem Arm.

Wären Sie enttäuscht, wenn Jean-Michel Tourette nicht das Konzert in Hannover besuchen würde und Mark Tavassol das in Hamburg?

Also, ganz ehrlich: Ich hab mit denen schon drüber gesprochen und weiß, dass sie jeweils aus Zufall wahrscheinlich zu anderen Konzerten als denen in ihren Heimatstädten kommen. Tauchen sie aber gar nicht auf, bin ich schon enttäuscht, klar. Ich war ja auch auf einem Gloria-Konzert und hab's genossen. Wir sind uns immer noch sehr verbunden.

Die letzte Wir-sind-Helden-Platte "Bring mich nach Hause" erweckte den Eindruck einer großen Müdigkeit. Sind Sie mit Ihrem Solo-Debüt "Ein leichtes Schwert" zu Hause angekommen?

Ich denke schon. Jedenfalls glaube ich, dass es auf dem Album ums Abschütteln von Traurigkeit und Müdigkeit geht. Es ist der Morgen danach. Nach einer langen Nacht. Vielleicht, weil ich so viel Spaß hatte beim Aufnehmen dieser Platte, hab ich das Gefühl, dass sie von Freiheit handelt. Von Anarchie. Davon, sich von Sachen zu lösen, die einen beschweren.

Vom Medienbild etwa, eine Supermutti zu sein, die alles auf die Reihe kriegt?

Vielleicht. Aber eigentlich meine ich das viel universaler als auf dieses Kinder-Thema bezogen. Wenn man genau hinhört, kommt das nur in einer Strophe von "Liebe Teil 2" vor - und da geht es ehrlich gesagt eigentlich um Sex. Ich finde es immer total lustig, dass das niemand anspricht. Aber für viele bin ich nunmal die Mutti. Das geht so weit, dass der Platte Kinder-Chöre angedichtet werden, die nicht drauf sind. Oder der Song "Platz da": meiner Ansicht nach vielleicht ein feministisches Lied, auf jeden Fall aber ein Punksong über das Sichdickmachen in der Welt. Weil darin jedoch die Zeile "Piep piep piep, kommt, habt mich lieb, lieb, lieb" vorkommt, wurde auch das als Kinderlied beschrieben. Wahrscheinlich sticht das Thema für Journalisten so sehr hervor, weil es ein im Pop selten besungenes ist. Das wiederum finde ich irgendwie auch ganz gut.

Vor gut zehn Jahren waren Sie und Ihre Helden-Kollegen noch die "Klassensprecher der Nation".

Das war wirklich so ähnlich wie jetzt mit der Mutti. Ich weiß noch genau, das mir in besagtem "Klassensprecher"-Artikel komplett Klamotten angedichtet wurden, die ich schlicht nicht besitze. Da wurde das Image eben abgerundet mit Ringel-Shirt und, was weiß ich, so bravem Girlie-Scheiß, den ich einfach überhaupt nicht anhatte. So was treibt mich natürlich zur Weißglut. Kleine Medienkritik am Rande: Das ist sehr viel doller geworden, seit die Presse nicht mehr so viel Geld hat, authentische Inhalte zu veröffentlichen. Viele Sachen werden einfach komplett übernommen.

In Ihrem Lied "Danke, ich hab schon" hätten Sie wunderbar Ihren Zwist mit der Bildzeitung weiterführen können ...

Das Lustige ist: Ich hatte das drin, aber hab's wieder rausgenommen. Beim zweiten Nachdenken hatte ich das Gefühl, dass zu dem Thema alles gesagt ist, was ich sagen wollte. Aber es war ein schöner kleiner Reim.

Wie lautete er denn?

Ein kleiner Gruß an Jung von Matt, ich bin so satt, ich brauch' kein Blatt, weil kannste nicht mehr papp sagen, kannste alles absagen.

Auf dem Album geblieben ist Ihr Lied über ein Opossum. Hat Sie das mittlerweile leider verstorbene schielende Leipziger Opossum Heidi inspiriert?

Och, Heidi ist verstorben? Warum ist die denn gestorben?

Na ja, mit ihren drei Jahren war sie wohl für ein Opossum einfach alt.

Also, das Lied hatte ursprünglich nichts mit Heidi zu tun. Aber während ich den Song schrieb, bin ich im Internet auf viele schöne Bilder und Filme von Heidi gestoßen. Wobei Opossen ehrlich gesagt nicht so niedlich sind, wie man sie sich vorstellt. Eigentlich sind sie groß und fett, riesige Ratten eben. Das Geile ist: Wenn sie sich tot stellen, fühlen sie sich tatsächlich tot, inklusive Totenstarre und Leichengeruch. Echt ekelig. So ein Tier riecht, als läge es schon drei Wochen da.

Sie haben offenbar auch kein Problem damit, einfach nur dazuliegen. Warum ist es Ihnen nach wie vor ein Anliegen, Loblieder auf den Müßiggang zu singen?

Ich finde, unser Verhältnis zur Arbeit ist der wichtigste Brennpunkt, wenn man sich für Freiheit interessiert - allgemeine wie persönliche Freiheit. Zumindest in der westlichen Welt, wo es selten ums reine Überleben geht.

Schaffen Sie es denn, Ihre Arbeitszeit von der Freizeit zu trennen?

Über Strecken krieg ich das inzwischen sehr gut hin. Ich bin in der Ausbildung als Müßiggänger und habe eine Seite, die anarchistisch geprägt ist, so ein Widerspruchsgen, das mir dabei hilft. Auf der anderen Seite begeistert mich meine Arbeit wahnsinnig, so dass ich mich von ihr manchmal auch wegreißen lasse.

Sie geraten ja ganz außer Atem. Etwa, weil wir von der Arbeit reden?

Ich bin gerade die Treppen zum Studio hoch! Ach ja. Jetzt hab ich nämlich Probe, damit wir auch schön spielen bei eurem Konzert, nicht wahr? Das wird ganz toll, ich hab ne ganz, ganz tolle Band, sehr lustig, glaub ich. Da kommen sie gerade, kommen sie alle die Treppe hoch.

Judith Holofernes, Vorband: Per Anders, Montag, 20 Uhr, Halle D (Werk 2, Kochstraße 132), Vorverkauf 27,40 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.04.2014

Mathias Wöbking

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