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Band oder Bande? Gelungene Premiere von „The Tea Time Killers“ in der Moritzbastei

Sommertheater Band oder Bande? Gelungene Premiere von „The Tea Time Killers“ in der Moritzbastei

Die Premiere von „The Tea Time Killers“, dem Sommertheater von Theaterturbine und Moritzbastei, hat am Donnerstagabend die wichtigsten Sommertheater-Klischees (freier Himmel und hemmungslose Albernheiten) ausdrücklich nicht abgerufen. Zum einen wegen einer Unwetterwarnung. Zum anderen, weil das Regie-Duo Elisa Jentsch und Christian Hanisch auf Handlung setzt.

Oben strickt friedlich Mrs. Wimmerforce (Katrin Hart), unten planen Elvis (Thomas Deubel), Señor Escalante (Raschid D.Sidgi), Mr. Citizen (Armin Zarbock) und Ms. Partridge (Sarah Arndtz; von links) Schlimmes.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Gluckenhaft thront Mrs. Wimmerforce auf ihrem Turm aus Kommoden und Krempel und strickt. Irgendwo zwischen Henne in Lila und Prinzessin auf der Erbse. Wobei letzterer Vergleich vom Verlauf des Abends torpediert wird, spürt die Prinzessin doch eine lächerliche Erbse durch Matratzenmeter. Mrs. Wimmerforce hingegen spürt gar nichts, braucht eine gehörige Weile, bis sie begreift, dass sich ein Stockwerk unter ihr Ungeheuerliches abspielt: Die Tea Time Killers ziehen skrupellos den großen Coup durch.

Premiere von „The Tea Time Killers“, dem Sommertheater von Theaterturbine und Moritzbastei, war am Donnerstagabend. Ohne die wichtigsten Sommertheater-Klischees (freier Himmel und hemmungslose Albernheiten) abzurufen. Erstens: Unwetterwarnung, Anruf vom Ordnungsamt, Spielverlagerung in den Saal. Doch fühlt sich die Regenvariante im alten Gemäuer an, als sei sie vom Regie-Duo Elisa Jentsch und Christian Hanisch genau dafür inszeniert worden. Die klaustrophobische Enge, wenn fünf Verbrecher mit großem Ego in einem Zimmer zusammenkommen, während ihre kauzige Landlady permanent mit dem Teetässchen stört und vor dem fiktiven Häuschen ein vom formidablen Sound-Künstler Michael Hinze mit Blechen erzeugtes Unwetter kocht, wird deutlich spürbar.

Zweitens: Sommertheater wird mitunter als Klamauk mit Alibi-Rahmenhandlung missverstanden. Bei „The Tea Time Killers“ hingegen finden sich ein roter Faden, klare Dramaturgie, durchdachte Regie-Ideen und eben auch der Mut, den einen oder anderen Kalauer oder wildes Gekasper liegen zu lassen für das Stück, den Spielfluss, die Handlung. Das zeigt sich schon beispielhaft in Katrin Harts glänzendem Spiel, die ja von der nach Pointen schielenden Kabarett-Bühne kommt, als Wimmerforce die Komik aber souverän aus konzentriert gleichförmiger Alte-Tantenhaftigkeit bezieht in einem Destillat aus Naivität, Ressentiment und Moral-Gebaren.

Einbruch als Quasi-Hörspiel

Angelehnt ist die Inszenierung an die schwarzhumorige Komödie „Ladykillers“. Wie im Klassiker schlüpfen die Gangster im Häuschen einer alten Lady unter und geben sich als Kapelle aus. Banden-Chef Professor Urian (Thorsten Giese) wirft zum Zeichen seiner Seriosität mit akademischen Titeln um sich – dagegen wirkt der Lebenslauf der Bundestagsabgeordneten Petra Hinz wie rührendes Understatement. Während das Grammophon mit den Klängen des „Rokokoko“ (Urian) kreist, tüfteln die Verbrecher am Plan und Mrs. Wimmerforce wähnt das Quintett am Üben. Taucht sie im Zimmer auf, hat Urian alle Hände voll zu tun, seinen Spießgesellen die Instrumente an die richtige Stelle zu drücken.

Das ganze wird eine Art „Ocean’s-Eleven“-Nummer. Fünf Gangster bringen ihre Kernkompetenzen ein, was sich in der Addition zum Genie-Streich fügt. Clever: Hanisch und Jentsch lassen nur spielen, was sich spielen lässt. Der Einbruch vollzieht sich als Quasi-Hörspiel mit den Gangstern unter Wollmasken am Mikrofon. Unterwegs geht zwar einiges schief, die reizbare Ms. Partridge (Sarah Arndtz) etwa lässt sich von bekifften Hippies ablenken, und Elvis (Thomas Deubel), der Mann fürs Grobe, hat für den Fingerabdruck-Scanner das falsche Körperteil abgetrennt – aber die Bande kehrt dennoch mit Erfolg und Beute zurück.

Es folgt ein rasantes Finale, in dem es Mrs. Wimmerforce an den Kragen gehen soll, die den Gangstern auf die Schliche gekommen ist. Stattdessen eliminieren sich die Ganoven aus Dummheit und Habgier selbst oder gegenseitig. Eine hochkomische, übermütig choreografierte Splatter-Light-Szenerie mit einer geradezu hinreißenden Totschlags-Sequenz, als sich die übrig gebliebenen Urian und Mr. Citizen (Armin Zarbock als trotteliges Schach-Genie in Kniestrümpfen) gegenseitig mit einer Banane zu ersticken trachten.

„Sie sind ein wunderbarer Neger“

Zur Premiere passt noch nicht alles perfekt in diesem Biedermann und die Brandstifter auf Speed. Aber dass die Schuhe von Geräuschemacher Hinze noch klappern, während Mrs. Wimmerforce längst wieder die Füße still hält, das will man diesem spielfreudigen Abend nicht übel nehmen. Kraft zieht das Stück aus den gegensätzlichen Charakteren, die schusselig versuchen, gegenüber der Lady die Fassade zu wahren. „Sie sind eine wunderbare alte Schachtel“, versucht es Señor Escalante (Raschid D.Sidgi), der sonst alle Probleme mit Sprengstoff löst, mit Charme. „Sie sind ein wunderbarer Neger“, ist strahlend die Antwort von Mrs. Wimmerforce.

Mit solch aktuellen Zitaten und kleinen Einlassungen gegen Juden der herzensguten Lady bedient das Stück gegenwärtige Debatten und offensichtlichen Alltagsrassismus. Eine Ebene, die beiläufig mitschwingt und zeigen will, dass das Böse mitunter eine sehr unschuldige Fassade annimmt.

Vor allem aber funktioniert das Stück als witzige Gangster-Komödie mit Anleihen beim entsprechenden Film-Genre. Mit der besten Versteck-Szene seit „Das Leben des Brian“, wenn der Arm mit dem Geldkoffer noch aus dem Schrank schaut und sich Elvis im Fellmantel einfach auf dem Boden lang legt und die Zunge herausstreckt wie der Tiger-Trophäen-Teppich in „Dinner for one“. Und mit einem großartigen Soundtrack, den die Schauspieler als A-cappella-Band selbst machen. Unterstützt von Musiker Michael Hinze, der in Nebenrollen auftritt und als lebender Drumstick über das bizarre Möbel-Konglomerat (Bühne: Heike Mondschein) fegt. Ein Abend mit Rhythmus. Ab Samstag hoffentlich unter freiem Himmel.

Samstag ausverkauft. Nächster Termin: Dienstag, 20 Uhr; bis 21. August in der Moritzbastei (Universitätsstraße 9), Eintritt 18/12 Euro; www.moritzbastei.de.

Von Dimo Rieß

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