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Beeindruckendes Korrespondenzstück: das Kleinod "Revue Rendez-vous"

Beeindruckendes Korrespondenzstück: das Kleinod "Revue Rendez-vous"

Fluxus, was das denn überhaupt sei, fragte während einer Gesprächsrunde in einer städtischen Kunsthalle unlängst eine Mittdreißigerin. Im überwiegend jüngeren Publikum herrschte allgemeine Ratlosigkeit.

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S. D. Sauerbier rief, Oswald Wiener antwortete. Sein Telegramm ist dokumentiert in der HGB-Publikation "Revue Rendez-vous".

Quelle: Didier Calme

Da meldete sich wie aus dem Jenseitigen die Stimme eines Präachtundsechzigers, die klang wie die des Fluxers Robert Watts: "Das Wichtigste an Fluxus ist, dass niemand weiß, was es ist. Es soll wenigstens etwas geben, das die Experten nicht verstehen."

Er sehe Fluxus, wo er auch hingehe. Das könnte der am Straßenrand installierte digitale Großbildschirm sein, auf dem Partnerschaftsvermittler um die Gunst von Kunden buhlen, indem sie Heraklits in Kontaktanzeigen gerne verknappt zitierte These "Pantha rhei", alles fließt, zu Hilfe nehmen.

Fluxus persifliert allerdings weniger den schnöden Alltag, als dass diese Gattung zeitloser interdisziplinärer Kunst direkt auf den bisweilen bitteren Ernst des Lebens verweist. Die Epoche der Romantik schwingt dabei mit: Kunst ist Leben, Leben ist Kunst. Den Romantikern zuzuordnen ist auch der in den politisierten und polarisierenden Zeiten der Achtundsechziger geradezu verfemte Begriff "L'art pour l'art". In der Übertragung ins Deutsche kam der häufig missverständlich an, da ihm allein die Bedeutung einer Kunst um der Kunst willen zugeschrieben worden war. Das Leben klammerten die politisierten Interpretatoren einfach aus.

Mitte der neunziger Jahre erschien in einem Feuilleton ein Aufsatz "Die Gemeinschaft der Künstler und die Gemeinschaftsarbeiten in den Künsten". Autor war S. D. Sauerbier, der von 1993 bis zu seiner Emeritierung 2007 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee unter anderem Wahrnehmungstheorie sowie die Lehre von den Zeichen, die Semiologie, unterrichtete.

Mit Auslöser dieses Essays war die seinerzeit heftig aufflammende Diskussion um ein geeintes, vereintes Europa. Zuvor war die Mauer zum Ostblock gefallen, während man in Südspanien nahezu gleichzeitig einen neuen Wall zu errichten begann, hier gegen vermeintliche Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika. Zeitgleich wurde die Globalisierung oder deren Expansionstreiben debattiert; dass es sich dabei lediglich um eine neuerliche internationale Vereinheitlichung des Mehrwertgedankens handelte, wurde weniger erörtert. Sauerbier führte polemisierend den Nachweis, innerhalb der Künstler habe sich eine solche Gemeinschaft längst formiert, dabei aber ohne jedes wirtschaftliche Bestreben; der sich seinerzeit entwickelnde Kunstmarkt wurde schlicht ignoriert.

In den sechziger Jahren stand Sauerbier mit den meisten Fluxus-Künstlern weltweit in Kontakt, es entstand ein reger Austausch, der keinen Unterschied zuließ zwischen Kunst und Alltag.

Das für die Gattung Fluxus beispielhafte, für diese (Nicht-)Disziplin durchaus als typisch zu bezeichnende Projekt "Revue Rendez-vous" wurde, so Sauerbier in seinem gleichermaßen theoretischen wie unterhaltsamen Vor- beziehungsweise Nachwort, "1965 begonnen, 1966 ausgeführt. Nachzügler kamen noch im folgenden Jahr. 1967 habe ich die Korrespondenz beendet. Bisher wurde das Projekt unvollständig, verstreut und in Teilen veröffentlicht, nur Auszüge und Entwürfe waren in etlichen Ausstellungen zu sehen."

Die Dokumentation dieses Korrespondenzstücks ist inzwischen unter dem Titel "Revue Rendez-vous" in einer beeindruckend gestalteten, haptisch-sinnlichen Ausgabe aus dem Haus der Leipziger Hochschule für Buch und Gestaltung (HGB) erschienen.

Achtzehn Künstler sollten seinerzeit Fragen - an sich selbst - stellen, die wiederum zu beantworten waren von anderen Fluxern. Manch einer lieferte Bögen ab, die eine gedankliche Verbindung an den Fragenkatalog von Marcel Proust zulassen.

Andere sandten Sauerbier Postkarten, Briefe oder einfach nur Zettel zu, nachzulesen oder anzuschauen im hochwertig ausgestatteten Mittelteil des Buches. Daniel Spoerri etwa notierte auf einem winzigen Blatt: "Beweismaterial über langes Nachdenken. Bitte wegwerfen." Oswald Wiener telegraphierte aus der österreichischen Hauptstadt in die seinerzeit ehemalige deutsche: "Frage: Ich bin Bundesbahnpensionist und möchte nach Ostdeutschland fahren. Wo muß ich mich hinwenden, um die mir zustehende Fahrpreisermäßigung zu erhalten." Nonsense - aber wahrhaftiger. So fordert der Südkoreaner Nam June Paik in deutscher Sprache dazu auf, eine Partei gegen die Politik(er) zu gründen.

Collagen, Malereien, Typoskripte, Zeichnungen - unalltägliche Kleinodien des täglichen, immer irgendwie politischen Lebens aus einer Zeit, in der es das soziale Netzwerk, die Community auch ohne Internet längst gab. Man schickte sich eben, wie S(amuel) D(ietrich) Sauerbier diese Kommunikationsform gerne bezeichnet: "mundgemalte Postkarten".

Als eine solche, als ein eben nichtdigitales Kleinod ließe sich "Revue Rendez-vouz" bezeichnen. Falls trotz ausgiebiger Lektüre Fragen unbeantwortet bleiben sollten, sei daran erinnert: "Das Wichtigste an Fluxus ist, dass niemand weiß, was es ist. Es soll wenigstens etwas geben, das die Experten nicht verstehen."

Revue-Rendez-vous. Korrespondenzstück.Institut für Buchkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, 264 Seiten (mit 300 Abb.), 34 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.08.2014
Didier Calme

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