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Kultur Befreiungskrise - Christine Koschmieder liest aus "Schweinesystem"
Nachrichten Kultur Befreiungskrise - Christine Koschmieder liest aus "Schweinesystem"
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18:57 08.09.2014
Christine Koschmieder, hier bei einer Lesung im Haus des Buches zusammen mit Edo Popovic und Clemens Meyer (Archivbild). Quelle: Wolfgang Zeyen

Das wilde Werk führt in die Welt der 80er - in den USA und in der westdeutschen Provinz.

Es ist lange her. 1980 war es, als 83 Millionen TV-Zuschauer nur eins interessierte: "Who shot J.R.?" Damit erreichte die vierte Folge der vierten Dallas-Staffel die höchste Einschaltquote in der US-Geschichte. Ein Jahr später heuert Verfassungsschutz-Mann Klaus Kuron beim MfS an. Gibt es einen Zusammenhang?

Christine Koschmieder notiert diese Daten in den "Bonus Tracks" ihres Romandebüts "Schweinesystem". In dieser Woche stellt sie das Buch in ihrer Wahlheimatstadt Leipzig vor. Die Autorin, Jahrgang 1972, betreibt hier seit 2003 die Agentur Partner + Propaganda für zeitgenössische Literatur aus Deutschland, Post-Jugoslawien und dem US-amerikanischen Hinterland. Sie hat, wie es auf der Verlagsseite heißt, "nie im Schlachtbetrieb, als Terroristin oder Mary-Kay-Beraterin gearbeitet, fährt aber immer wieder nach Iowa".

Perry, Iowa, ist einer der beiden Hauptschauplätze des Romans. Hier lebt die Schlachtbetriebsangestellte Shirley mit Larry und Sohn Pete. Es ist das Jahr 1979, mit ihrer Angela-Davis-Frisur will sie sich "wie eine Rebellin" fühlen zwischen "all den betonierten Haarhelmen à la Doris Day". Es ist nicht leicht, eine Rebellin zu sein zwischen Maisfeldern, Schlachtanlagen und Futtersilos. "Aber ist das die Schüssel Gold am Ende des Regenbogens? In einer Schrottlaube mit aufgeklebtem Fadenkreuz auf dem Armaturenbrett zur Schicht fahren, sich eine Arbeitsmontur überstreifen, in der sie vergisst, dass sie eine Frau ist, würden die Jungs es nicht gelegentlich mit dem Wasserstrahl des Reinigungsschlauchs nachprüfen." Shirley will "dem Schlachtbetrieb vom Fließband springen". Und Larry entkommen. Allzu viele Möglichkeiten hat sie nicht.

Zur gleichen Zeit in Waldhilsbach in der westdeutschen Provinz: Farbfernsehen hat längst Einzug gehalten, die Scheidungsrate steigt, es gibt Toast Hawai und VW Käfer. Englischlehrerin Elisabeth hat neben Tochter Pats noch Mann Hagen - und jede Menge Stress.

Beide Frauen sind sie auf dem Weg nach London, jede, um ein Kind nicht zu bekommen. Auf der Flughafentoilette begegnen sie einander das erste Mal, ein fuchsiafarbener Lippenstift der Marke "Mary Kay" wechselt die Besitzerin.

Koschmieder komponiert die Handlung als einen Film, in dem die Lebenswege der Protagonistinnen sich nur kurz kreuzen. Abgesehen von der Post, die zwischen Shirley und Elisabeth über den großen Teich geht. Lippenstifte gegen Fußball-Devotionalien. "Mary Kay" gegen Paul Breitner. Sie sind wirklich sehr weit voneinander entfernt. Und doch auch nicht. Ähnlich ist der Wunsch nach Unabhängigkeit, der zum Drang wird, sich zu befreien: vom Mann, von Rollenbildern, vom System. Letzteres umreißt die Autorin auf beiden Seiten, in den USA wie in der Bundesrepublik, als prüde und bigott und auch voller Gewalt sowie in großer Angst vor allem, was irgendwie nach Sozialismus oder gar Kommunismus klingt. Weshalb in beiden Staaten überwacht und erpresst wird. Auch die Stasi hat ihre Finger im Spiel. Nicht alle überleben das.

Elisabeths Ausbruch beginnt mit einer Affäre. Dem von der Stasi als "IME Gulasch" auf sie angesetzten Alexander folgt sie nahezu willenlos. Sie hat im "Sozialistischen Patientenkollektiv" ihre Sexualität befreien lassen, um ihre "bürgerlichen Blockade" aufzuarbeiten und ihre "durch repressive Toleranz induzierte Frigidität". Bei dieser Gelegenheit ist neues Leben entstanden, von dem sie sich in jener Londoner Klinik befreit. Shirley landet dort, weil ein zweites Kind sie daran hindern würde, Larry zu verlassen - und mit dem Vertrieb von "Mary Kay"-Kosmetik Karriere zu machen. Höchstes Ziel: ein rosafarbener Cadillac. Die Suche nach dem Glück verläuft im Grunde tragisch.

Christine Koschmieder: Schweinesystem. Roman. Blumenbar Verlag; 414 Seiten, 20 Euro Quelle: Verlag

Mehr noch als die Freiheit zeigt Koschmieder deren Grenzen. Und mehr noch als die Handlung treibt Situationskomik die Lektüre voran. Im Zusammenspiel von Stimmen, Blenden, Dokumenten, Schnitten, ein paar Fotos und wilder Sprache entsteht ein Panorama, in dem Radikalisierung und Manipulation zwar eine Rolle spielen, die Frauen aber zwischen RAF und Lippenstift auch an sich selbst scheitern. Das scheint dann gar nicht mehr so lange her zu sein.

Christine Koschmieder liest in Leipzig aus "Schweinesystem": 10.9., 20 Uhr, Kapitaldruck, Karl-Liebknecht-Straße 36; 12.9., 19 Uhr, Soziokulturelles Zentrum Frauenkultur, Windscheidstraße 51

Christine Koschmieder: Schweinesystem.Roman. Blumenbar Verlag; 414 Seiten, 20 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.09.2014

Janina Fleischer

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