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Kultur Berlin, Cannes, Venedig: Leipziger Verleih Weltkino gelang Super-Coup
Nachrichten Kultur Berlin, Cannes, Venedig: Leipziger Verleih Weltkino gelang Super-Coup
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07:00 16.10.2015
Michael Kölmel (l.) und Dietmar Güntsche gründeten im Sommer 2012 den Leipziger Filmverleih Weltkino. Quelle: Kempner
Leipzig

Es ist ein Coup. Ein Coup, der nach noch nicht einmal drei Jahren Weltkino gelandet wurde: Der Leipziger Verleih hat alle diesjährigen Sieger der drei großen Filmfestivals (Berlin, Cannes, Venedig) eingesammelt. Allerdings nicht erst, nachdem sie die Trophäen schon hatten. So was nennt man wohl Nase fürs Kino.

Der Kauf ging allerdings jeweils seine eigenen Wege, erzählt Michael Kölmel, der zusammen mit Dietmar Güntsche, einem Bekannten aus seinen Münchener Tagen, im Sommer 2012 Weltkino gründete. Beim Berlinale-Sieger „Taxi Teheran“ vom unter Arbeits- und Reiseverbot stehenden Iraner Jafar Panahi hatte es schon bei der Vorstellung am zweiten Festivaltag klick gemacht.

Keine lange Überlegung, nur eine kurze Absprache, dann besaß die Weltkino die Fahrt von Jafar Panahi durch Teheran – und startete sie am 23. Juli, justament als die Hitze kam. Da ging kaum einer ins Kino. Trotzdem passierte ein Wunder. Inzwischen hat „Taxi Teheran“ über 200 000 Besucher, auch in Kleinstädten, allerdings mehr im Westen als im Osten. „Bei normalem Wetter hätte er sicher 100 000 Zuschauer mehr gehabt“, bedauert Michael Kölmel. Aber ab Ende Januar gibt’s das „Taxi“ ja auf DVD, auch in einer Luxus-Version mit „Taxi Teheran“ und „This is not a film“ als Bonus, Jafar Panahis vorletztem Streich.

Dem Leipziger Kinoverleih Weltkino gelang ein großer Coup: Er kaufte alle Gewinner der drei weltweit größten Filmfestivals.

Vom Cannes-Sieger „Dheepan – Dämonen und Wunder“ des Franzosen Jacques Audiard („Geschmack von Rost und Knochen“) wurde vom Weltvertrieb bereits auf der Berlinale mit ersten Ausschnitte geredet. „Es ist ein Pokerspiel, wenn man früh Interesse zeigt“, sagt Michael Kölmel, „der Weltvertrieb ruft an und drängt. Es gibt neue Interessenten, man brauche eine Entscheidung.“ Wovon das Weltkino-Duo sich nicht so schnell nervös machen lässt. Beide kennen das Geschäft. So haben sie sich das Flüchtlingsdrama in Cannes erst mal komplett angesehen – und zugegriffen. Am 10. Dezember startet es im Kino.

Den Venedig-Sieger „From afar“ des Venezolaners Lorenzo Vigas, ein Drama um homosexuelle Obsessionen, entdeckte Dietmar Güntsche auf dem Filmmarkt des Festivals von Toronto – in Ausschnitten. Was zu sehen war, fiel ins Profil von Weltkino – und traf auf Ehrgeiz. „Jetzt wollten wir auch noch den Gewinner von Venedig“, sagt Dietmar Güntsche. So wurde am Lido dann gekauft. „Der Erfolg von ,Taxi Teheran’ in den deutschen Kinos hat uns sicher geholfen“, meint Michael Kölmel. Immerhin gehört Deutschland, neben den USA, Frankreich, Großbritannien, Japan, für jeden Weltvertrieb zu den wichtigen Ländern. Im März 2016 soll „From afar“ starten.

Gut 50 Filme in der Bibliothek

Dass Weltkino der erstaunliche Coup gelang, alle drei Sieger zu bekommen, garantiert allerdings nicht schon den Erfolg. „In Deutschland ist es, anders als in Frankreich, noch nicht so, dass alle kulturell Interessierten sagen: Die drei Sieger muss ich sehen“, bedauert Michael Kölmel, „den Deutschen Buchpreis, den muss man lesen, höre ich überall. Der Film hat es da sehr viel schwerer.“

Weltkino zählt mittlerweile rund 50 Filme in seinem Angebot, wobei einige Produktionen auch nur auf DVD erschienen. Pro Jahr kommt ein Dutzend Neuerwerbungen (Kölmel: „Hängt davon ab, was wir finden.“) aus dem Arthouse-Bereich dazu. Das ist so wie bei Kinowelt, dem ersten Verleih von Michael Kölmel, der heute zu Studiocanal gehört. Beim Erwerb von Filmen macht es sich ganz gut, wenn man Regisseure binden kann.

Beim Franzosen Luc Jacquet („Die Reise der Pinguine“) ist das gelungen. Die Bindungen halten seit Kölmels Kinowelt-Zeiten. So gibt es mit der Antarktis-Doku „Zwischen Himmel und Eis“ am 26. November schon seinen fünften Film. Dass die Komödie „Unter Freunden“ (Start: 31. Dezember) zur Leipziger Filmkunstmesse den Publikumspreis gewann, hat Michael Kölmel selbst überrascht – und in der Kaufpolitik bestätigt.

Eingekauft wird gemeinsam

Der Einkauf für Weltkino wird in der Regel gemeinsam gemacht. Dietmar Güntsche, der auch noch bei der Neuen Bioskop Filme produziert (Lola-Gewinner „Jack“), liest mehr Drehbücher, Michael Kölmel pflegt den Kontakt zu den Kinos. Ende des Monats reisen beide allerdings zusammen nach Los Angeles – zum weltweit größten Independentmarkt AFM. „Da wird vieles vorbesprochen“, sagt Dietmar Güntsche, „dass man fertige Filme kauft, ist eher zufällig.“

Die Preise, bei denen Weltkino mitmacht, liegen zwischen 25 000 und 500 000 Euro, in Einzelfällen kann man auch bis zu einer Million gehen. Dann aber muss es eine Kaufzusage des Fernsehens geben. Die Kino-Einsatz-Kosten bleiben ja beim Verleih. Doch nur durch den Kinostart, wenn der Film ins Gespräch kommt, erhält er seinen kommerzieller Wert. Das bleibt immer im Hinterkopf.

Nun wollen die Neue Bioskop von Dietmar Güntsche und Michael Kölmels Produktionsfirma Filmaufbau auch gemeinsam Filme produzieren, verleihen und über Zweitausendeins auf DVD vertreiben. Erstes Projekt: „YouTalent“ von Pepe Danquart („Am Limit“), ein Dokfilm über YouTube-Stars. „Für eine Nacht ... und immer“ hat Dietmar Güntsche fürs Fernsehen produziert und wird bei Kölmels Zweitausendeins auf DVD erscheinen. Dietmar Güntsche, der die Idee zum Weltkino hatte, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass Kinowelt-Chef Kölmel ohne Verleih leben kann: „Wir wollen uns in Zukunft ergänzen.“

Von Norbert Wehrstedt

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