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Kultur „Django“: Der Rhythmus, bei dem jeder mit muss
Nachrichten Kultur „Django“: Der Rhythmus, bei dem jeder mit muss
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17:58 10.02.2017
Der Schauspieler Reda Kateb überzeugt in der Rolle als Django Reinhardt und ist ein erster Anwärter für einen Darsteller-Bären.   Quelle: dpa/Berlinale
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Berlin

 Mit Musikfilmen zur Eröffnung hat die Berlinale gute Erfahrungen gemacht: Martin Scorseses Rolling-Stones-Doku „Shine a Light“ von 2008 gilt bis heute als ein perfekter Einstieg. So oft kommt es ja nicht vor, dass sich Mick Jagger und Co. die Ehre geben. Zur Eröffnung in diesem Jahr lief wieder ein Film mit viel Musik, doch war die Ausgangslage eine ganz andere.

Erstens brachte die Musikerbiografie „Django“ des Franzosen Etienne Comar mit den Hauptdarstellern Reda Kateb und Cécile de France deutlich weniger Starpower in die Hauptstadt, und zweitens ist das Drama alles andere als ein Spaßprodukt (nur zur Erinnerung: Im Vorjahr noch ließen sich George Clooney, Tilda Swinton und die Coen-Brüder mit der Hollywood-Komödie „Hail, Caesar!“ blicken). Und trotzdem ist die Wahl nachvollziehbar: Denn „Django“, angesiedelt in Frankreich zur Zeit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg, handelt von der Selbstbehauptung der Kunst gegenüber der Politik – und mit diesem Thema muss sich sogar eine Lady Gaga herumschlagen, wenn sie sich in die Halbzeitpause beim Super Bowl abseilen lässt.

Zum Auftakt der 67. Berlinale schritten vor allem viele altbekannte Gesichter über den Roten Teppich. Die großen internationalen Stars blieben dem Premierenabend in diesem Jahr fern.

Musik als Befreiungsinstrument

Django Reinhardt (Reda Kateb, gerade auch im Wim-Wenders-Film „Die schönen Tage von Aranjuez“ im Kino) ist Politik erst einmal schnuppe. Der Krieg ist für ihn Sache der Nicht-Sinti, er will damit nichts zu schaffen haben. 1943 gilt der französische Gypsy-Gitarrist mit der verkrüppelten Hand als Genie, als Erfinder des europäischen Jazz mit der Extraportion Sinti-Erbe und Debussy. Sogar die deutsche Wehrmacht liebt diesen musikalischen Hasardeur. Er soll eine Deutschland-Tournee vor Nazi-Größen absolvieren – während zeitgleich Angehörige seiner Volksgruppe zu Tausenden in den Vernichtungslagern ermordet werden.

Zunächst einmal amüsiert sich der Hallodri Django nur über die geforderten Einschränkungen: Kein Blues, kein Solo über mehr als fünf Sekunden und ähnliche Grotesken mehr sind im Vertrag vermerkt. Die Deutschen wollen einen gezähmten Django, als spürten sie, dass mit dessen Improvisationskraft etwas Revolutionäres einhergeht, dem mit keinem Führerbefehl beizukommen ist.

Eine geheimnisvolle Geliebte (Cécile de France, bekannt aus „Der Junge mit dem Fahrrad“) weckt Jangos politisches Bewusstsein, die Drangsalierungen in seinem Umfeld nehmen zu. Irgendwann versucht er, über die Berge in die Schweiz zu entkommen. Zuvor aber werden wir am Genfer See Zeuge eines bemerkenswerten Konzerts vor NS-Offizieren: Die Impulsivität von Django Reinhardts Spiel reißt die deutschen Herrenmenschen schier von den Plätzen. Sie vergessen mal kurz die Eroberung der Welt, zucken wie Aufziehpuppen im Musikrhythmus und eröffnen in ihrer Selbstvergessenheit der Résistance draußen auf dem See ungeahnten Bewegungsspielraum. In diesem Moment hat Django sich nicht nur aus seinem Künstler-Kokon befreit, sondern zugleich Musik als Befreiungsinstrument eingesetzt.

Kraftvolle Berlinale-Eröffnung

Ganz so verhielt es sich in der Historie vermutlich nicht, hier wird ein Leben nach Kinobedürfnissen geformt. Eine kraftvolle Eröffnung bietet das Regiedebüt „Django“ aber allemal – eben ein bisschen mehr als den üblichen Kostümfilm. Mit Reda Kateb ist ein erster Bewerber für einen Darsteller-Bären gefunden: Mit minimalistischem Spiel zeigt er, wie ein Mensch politisch erwacht.

Ziemlich zu Beginn sagt der genervte Film-Django zu seiner Geliebten: „Lass uns ins Kino gehen, um zu träumen.“ Bei der am 9. Februar 2016 in einer frostigen Hauptstadt und mit viel deutscher Kinoprominenz eröffneten 67. Berlinale war der Berlinale-Palast kein Ort für Eskapismus.

Jetzt legt das Festival so richtig los: Schon am Freitag steht die lang erwartete Rückkehr der schottischen „Trainspotting“-Junkies mit Hauptdarsteller Ewan McGregor auf der Agenda. Die Berlinale-Bären werden am 18. Februar vergeben. Bis dahin sind insgesamt noch 397 andere Filme zu sehen.

Von RND/Stefan Stosch

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