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Kultur Bernhard Schlinks neuer Roman "Die Frau auf der Treppe": Ankunft im Unwahrscheinlichen
Nachrichten Kultur Bernhard Schlinks neuer Roman "Die Frau auf der Treppe": Ankunft im Unwahrscheinlichen
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19:00 09.09.2014
Der Autor Bernhard Schlink. (Hier auf einem Archivfoto vom Februar 2009) Quelle: dpa

Einer von ihnen wird sie am Ende verstehen - und sich selbst.

Solch ein Gemälde gibt es wirklich. Eine Frau kommt die Treppe herab, mit geneigtem Kopf und niedergeschlagenen Augen. Nackt, blass, blond, mit schwebender Leichtigkeit. Es ist Gerhard Richters "Ema. Akt auf einer Treppe". Eine Postkarte mit diesem Bild habe lange auf seinem Schreibtisch gestanden, merkt Bernhard Schlink an. Dennoch haben Richter und der Maler in seinem Roman nichts miteinander zu tun. "Die Frau auf der Treppe" ist Irene Gundlach. Und sie ist es auch nicht.

Ende der 60er setzt ein junger Anwalt in Frankfurt am Main einen Vertrag auf: Tausch Frau gegen Gemälde. Original gegen Abbild sozusagen. Irene ist die Muse des Malers Karl Schwind, bei dem sie lebt. Aber sie ist eigentlich die Frau des Unternehmers Peter Gundlach, der das Bild in Auftrag gegeben hat, dem es gehört, der es immer wieder beschädigt. Für den jungen Anwalt ist sie ein Opfer, das gerettet werden muss.

"Ich kann nur malen, wenn ich auch entscheiden kann, was mit meinem Bild geschieht", sagt Künstler Schwind. Er verlangt es zurück.

"Wir haben Bilder, um den Lauf der Zeit anzuhalten. Ich habe dich damals malen lassen, damit du jung bleibst und ich mit dir", sagt Besitzer Gundlach. Und will die Frau.

"Die Wucht, mit der mich damals das Verlangen nach Irene Gundlach überfiel - nichts hatte mich darauf vorbereitet, und zum Glück ist es mir auch danach nicht wieder passiert", sagt der junge Anwalt, Schlinks Ich-Erzähler. Zutiefst verliebt erzählt er ihr vom Tausch-Vertrag, sie schmieden einen Plan.

Irene verschwindet, und mit ihr bleibt auch das Gemälde Jahrzehnte verschollen. Plötzlich taucht es in der Art Gallery in Sydney wieder auf. Weil Schwind inzwischen der berühmteste und teuerste Maler der Welt ist, macht die Ausstellung Schlagzeilen. Der längst nicht mehr junge Anwalt sieht das Werk zuerst wieder. "Das Durcheinander von Gewalt und Verführung machte mich verlegen. Es war kein Terrain, auf dem ich Frauen jemals begegnet bin. Es passte nicht zu dem, wie ich Irene Gundlach damals erlebt hatte. Oder hatte ich alles falsch verstanden?" Er heuert einen Detektiv an und findet Irene, einsam lebend und im Grunde illegal in einer abgelegenen australischen Bucht. Sie erwartet ihn bereits.

Was war damals passiert? Warum war sie untergetaucht? Hat sie ihn, hat sie alle benutzt? Sucht er Antworten oder eine Entschuldigung? "Für Gundlach war ich die junge, blonde, schöne Trophäe, bei der nur die Verpackung zählte", erklärt Irene. "Für Schwind war ich Inspiration, auch dafür langte die Verpackung. Dann kamst du. Die dritte blöde Frauenrolle; nach dem Weibchen und der Muse die bedrohte Prinzessin, die vom Prinzen gerettet wird. (...) Denn in eines Mannes Hände gehört sie nunmal."

Warum Irene in keine der Rollen schlüpfen kann und will, offenbart sie peu à peu mit überraschenden Details in immer intimeren Gesprächen. Der Erzähler beginnt zu begreifen, als auch Schwind und Gundlach auftauchen und der alte Streit neu aufflammt. Sie diskutieren über Kunst und Kapitalismus (beides ändert nichts), alle sind alt, Irene ist krank - nicht nur nebenbei macht Schlink in seinem Buch Streben und Sterben zu Thema. Die Lebensentwürfe zeigen hier Spießer-Idyll und da aktiven Widerstand. Zwischen Irene und dem Erzähler rückt mehr und mehr das Nichtgelebte ins Zentrum, das Wirklichgewollte. Beim gemeinsamen (zu) späten Blick auf die Vergangenheit malen sie sich eine Zukunft aus, die es nie gab.

Was tatsächlich möglich gewesen wäre, muss offen bleiben in diesem mit Witz erzählten, zärtlichen, mitunter traurigen Roman über ein "Leben im Gehäuse", die Unwahrscheinlichkeit der Liebe, über das Altern, das Festhalten und Loslassen, über Besinnung und Aufbruch. "Die Summe deines Lebens kann doch nicht dein Freispruch sein", sagt Irene.

"Sie ging langsam zur Treppe und die Treppe hoch; vor jedem Schritt sammelte sie in langer Pause die Kraft für die nächste Stufe, für noch eine und noch eine. Es tat mir weh zuzusehen." Er würde sie tragen.

Bernhard Schlink ist am 23. 11., 16.05 Uhr, zu Gast im MDR-Figaro Lese-Café; Stadtbibliothek Leipzig, Wilhelm-Leuschner-Platz 10-11

Quelle: Diogenes Verlag

Bernhard Schlink:Die Frau auf der Treppe.Roman.Diogenes Verlag;256 Seiten,21,90 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.09.2014

Janina Fleischer

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