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Betreutes Raven: Interview zur Ausstellung „This Is Tekkkkno!“ in der Galerie Mzin

Betreutes Raven: Interview zur Ausstellung „This Is Tekkkkno!“ in der Galerie Mzin

Die Geschichte von Techno im neu vereinigten Deutschland steht gerade wieder im Fokus. In Leipzig zeigt die Galerie Mzin ab heute eine Ausstellung mit Flyern und Plakaten der frühen Leipziger Techno-Jahre.

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Schwelgen in seligen Techno-Zeiten: Philipp Neumann, André Quaas und Daniel Stefan (von links).

Quelle: André Kempner

Leipzig. Ein Interview mit Ausstellungsmacher Philipp Neumann, Distillery-Mitbegründer André Quaas, der heute Mitbetreiber des Labels Moon Harbour ist, und dem damaligen Grafikgestalter und heutigen Webentwickler Daniel Stefan.

Frage: „Tekkkkno“ mit vier „k“, das musste wohl so sein?

Philipp Neumann: Mir geht es da um eine Anspielung auf diese Übertriebenheit der Zeit. Sowohl grafisch als auch musikalisch war das ja doch eine Zeit der Exzesse. Damals hat man „Techno“ ja immer mal wieder anders geschrieben. Natürlich nie mit vier „k“. Und ich dachte, wir setzen einfach noch einen drauf.

Warum gibt es jetzt diese Ausstellung?

Daniel Stefan: Durch den Distillery-Film, oder? (Es folgt ein kurzes Ja-Nein-Ja-Nein-Hinundher.)

Neumann: Das Mzin macht seit fünf Jahren solche Ausstellungen, auch über Hip-Hop, Graffiti oder Skateboarding. Mich hat das Thema schon immer interessiert, aus popkultureller vor allem aber auch grafischer, typografischer Sicht und dazu gibt es im Moment ja auch einige Publikationen. Außerdem gibt es diese These, dass, was in Westdeutschland vielleicht Punk, in Ostdeutschland Techno war. Die Musik der Befreiungsjahre, dieses „Ich mach jetzt was! Es geht los! Wir machen Flyer!“ Aktuell gibt es außerdem im Kunstverein Leipzig gerade „Muj Blok“, eine Ausstellung mit jungem Grafikdesign aus Brno. Wer sehen will, dass auch Grafikdesign wie Mode eine Schleife ist, der muss da hingehen und sieht diese Sachen wieder. Natürlich anders als bei uns, aber die Elemente, die Formensprache werden wieder aufgegriffen. Von Leuten, die vielleicht 18 sind. Da dachte ich mir dann, es wäre schön, das mit authentischem Material von damals zu zeigen.

Stefan: Man darf auch nicht vergessen: Es gab ja noch kein Internet, nichts anderes, was einen hätte inspirieren können. Man hat einfach losgemacht und nicht groß darüber nachgedacht, ob das typografisch perfekt ist. Bei unseren Flyern und Plakaten - ich hab viele davon gestaltet - ging es darum: „Wie kriegen wir die Leute zu unseren Partys?“ Alle Informationen drauf, dann gucken, wie stellen wir es her - schon das war ja Anfang der Neunziger ein echtes Problem.

Neumann: Es war eine sehr euphorische Zeit, mit einem Do-it-yourself-Spirit. Heute musst du deinen Eltern das nicht mehr erklären, wenn du nachts weggehst, es rümpft auch keiner mehr die Nase. Man kann sich die damaligen Probleme einer Flyer-Herstellung kaum noch vorstellen.

Stefan: Das fing ja schon damit an, die Daten in die Druckerei zu bekommen. Wir sind damals nachts durch die halbe Stadt gefahren, um 88MB-Syquest-Cartridges (Magnetband-Datenträger, d. A.) zum Belichtungsstudio zu bringen. Die ersten Distillery-Flyer haben wir noch mit Schreibmaschine, Klebestift und Kopierer hergestellt, einen richtigen Computer hatte ja am Anfang noch keiner. Später gab’s dann die Schrift-Fonts wie Fuse oder Blur von Neville Brody, die man aus der Frontpage (führendes Techno-Magazin aus Berlin, d. A.) kannte, als Set bei Fontshop zu kaufen. Auf Diskette. Die hab ich heute noch. Als Grafikprogramm nutzten wir Corel Draw.

Stilistisch wirkt heute vieles schon sehr, hmm, amateurhaft.

Neumann: Man muss damit vorsichtig und respektvoll umgehen. Das ist eben alles absolut unakademisch. Es gibt da ja ein paar Regeln wie: Verwende maximal zwei Schriften, arbeite intelligent mit dem Weißraum - das kam alles eher selten vor. Da wurde einfach alles komplett farbig zugemacht. Und selbst, wenn das Layout schwarzweiß war, wurde das eben auf rotes Papier kopiert, damit es wenigstens am Schluss farbig war. Es war die absolute Abkehr von den ganzen Sachen, die man an der Grafik-Hochschule hört.

Daniel: Die Formensprache hat sich aber auch erst mal entwickelt. Heute würde man das sicher nicht mehr so machen. Klar kann man sagen, viele Sachen von damals sind aus jetziger Sicht nicht besonders schön oder typografisch korrekt. Aber sie waren halt sehr praktisch, sie sind aufgefallen. Darum ging's: Auffallen, die Leute zu uns ziehen! Man sieht in diesen fünf Jahren ab '91 ja auch eine Entwicklung. Durch den rasanten Fortschritt im Computerbereich ergaben sich andere Möglichkeiten, man konnte zum Beispiel Fotos einscannen!

Neumann: Grafikdesign ist immer eine Art Codierung. Und es ging darum, diesen Code auszusenden. Damit man von den Leuten, die zu deiner Party wollen, auch verstanden wird. Das ist eine eigene grafische Sprache. Dieses vielleicht Laienhafte, das Euphorische macht es spannend.

Stefan: Es wurde versucht, die Musik zu visualisieren.Ich finde lustig, dass gerade die ganz frühen Distillery-Flyer eigentlich am wenigsten nach „Techno“ aussehen.

Quaas: Das war am Anfang auch alles einfach ausgeschnitten und zusammengeklebt.

Stefan: Schon „Distillery“ ist ja kein Techno-Wort. Das ist nur entstanden, weil wir auf die Schnelle einen anderen Namen für „Brauerei“ gesucht haben (der erste Distillery-Standort, d. A.). Ich war vorher gerade in Schottland, und dann hieß es halt: „Ach komm, machen wir Distillery!“

Quaas: Das war einen Tag vorm Kopieren. Es ging ja auch nur um ein paar Partys, vielleicht hätte es nach sechs Wochen schon wieder einen neuen Namen gegeben.

Stefan: Es sieht wirklich alles noch sehr gerade, sehr vornehm aus, da ist nichts provoziert mit Schriften oder dergleichen. Da hat man sich auch noch gar keinen richtigen Kopf drüber gemacht.

Die Ausstellungs-Eröffnung wird eine Mischung aus Dokumentationskultur und Klassentreffen?

Stefan: Na klar. Man kann das seinen eigenen Kindern zeigen: „Guckt mal, das hab ich gemacht, als ich 18 war!“ Während der Mitarbeit am Distillery-Film habe ich gemerkt, dass in den ersten fünf, sechs Jahren wahnsinnig viel passiert ist. Bei der Recherche erinnert man sich wieder an diese Zeit, was man da alles gemacht hat. Und wenn man heute zum Beispiel in die Facebookgruppe „Betreutes Raven“ guckt, die Bilder und Leute aus der Zeit wiedersieht … Wenn wir damals Facebook schon gehabt hätten … dann gäbe es all diese Flyer gar nicht.

Stefan: Vielleicht.

Quaas: Einmal im Monat haben wir damals unseren Newsletter mit allen Flyern an tausend Leute verschickt. Mit der Post. Heute gibt es das „Infopost“-Porto gar nicht mehr.

Neumann: Man sieht auch sehr schön, dass es damals noch nicht um die großen Namen ging, Da steht ein Westbam eben eher so marginal drauf. Heute sagt der Promoter: „Du spinnst wohl, der DJ muss ganz groß oben stehen!“ Ich freu mich übrigens wirklich sehr, dass Thilo Stolle da sein wird.

Stefan: Wie früher: „DJ Till legt auf!“

Neumann: Der steht für mich ganz klar für diese Zeit. Er war der erste ostdeutsche DJ auf der MayDay und hat auch wirklich viel Aufbauarbeit geleistet. Es haben sich auch schon ein paar Leute bei mir gemeldet: „Cool, dass er da ist.“ Das wird schön!

„This Is Tekkkkno! The Graphicdesign of Technomusic in Leipzig 1990-95“, Ausstellung im Mzin (Paul-Gruner-Straße 64), Eröffnung Donnerstag, 18. April, 19 Uhr, mit DJ Till und Freeeze.

Interview: Jörg Augsburg

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