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Bilder und Musik für das Unsagbare

Bilder und Musik für das Unsagbare

Sie hätte es wissen können, die Amme, gleich zu Anfang der lauthals bejubelten Premiere von Richard Strauss' "Frau ohne Schatten" am Samstagabend in der Oper Leipzig: Der Bote, der ihr da verkündet, der Kaiser müsse versteinern, werde die Kaiserin nicht binnen dreier Tage schwanger, er trägt über rotem Hemd und blutroter Krawatte graue Alltagskleider.

Leipzig. Grau jedoch sind die Menschen, grau wie die Stadt, in der sie leben. Einem teilgrauen Boten also sollte eine vollrote Geister-Amme nicht über den Weg trauen ...

 

Leipzig. Balázs Kovalik inszeniert, Ulf Schirmer dirigiert "Die Frau ohne Schatten" - das Großartigste, was der Oper Leipzig seit Jahren gelang.

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Mit einfachen Symbolen stemmt sich Regisseur Balázs Kovalik der Fülle entgegen, die Hugo von Hofmannsthal in seine ambitionierteste Zusammenarbeit mit dem Komponisten pumpte, der am Mittwoch 150 geworden wäre. Um Menschlichkeit geht es in dem Dreiakter, um den Schatten als Chiffre freudiger Erwartung, Kindersegen als Ausweis von Liebe. Und es ging Hofmannsthal darum, Zauberflöte und Faust, Parsifal und Fidelio in einer Weise zu überhöhen, die auf Rätsel und poetische Überrumpelung mehr setzt als auf Erklärung. Das macht diese Oper so schwer zu inszenieren. Denn nimmt man den Text für sich, bleiben mehr Fragen ungeklärt, als beantwortet werden.

 Wo Hofmannsthals Verse ins Raunen verfallen, steuert Kovalik auf den Bühnen Heike Scheeles mit großen Bildern gegen: Da ist die Bildhauerwerkstatt, in der Keikobad Schicksale aus dem vollen Marmorblock schlägt. Da ist die graue Vorstadt, in der Barak, der einzige in dieser Oper, der einen Namen trägt, sein bescheidenes Leben fristet, derweil er sich ins Biedermeier-Abendmahls-Idyll sehnt. Seine Frau träumt unterdessen von dem, was die Amme ihr in der Hochglanz-Illustrierten, als TV-Köchin, als Trugbild vom Wiener Opernball zeigt. Da ist der Palast, in dem Kaiser und Kaiserin aneinander vorbei leben. Und wie sich bei Hofmannsthal die Welten durchdringen und bedingen, fahren sie auf der Bühne in-, neben-, über- und umeinander. Strauss hat dafür Orchesterzwischenspiele in seine Partitur geflochten; kurz sind sie, verdammt kurz. Doch dem Bühnenpersonal gelingt es mit beeindruckender Geschmeidigkeit und Präzision, den Bilderrausch zu rhythmisieren.

 Das alles hält intellektueller Hinterfragung stand, zielt aber auf die Seele. Und schafft die Freiräume, die Kovalik braucht, um aus dem Glasperlenspiel ein Theater zu machen, das zeigt: Leidens- und Mitleidsfähigkeit sind der Kern der Menschlichkeit. Dies lernt die Kaiserin - und alles wird gut: Von allen Seiten fahren Kinderwagen herein, Kaiserin und Färberin werden reich mit Leibesfrüchten gesegnet. Eine bizarre Geschichte. Aber hier rührt sie unmittelbar an. Weil der Regisseur in seiner mit schlichten Mitteln dichten Personenführung der Musik noch Raum lässt, das Unsagbare auszuformulieren.

 "Die Frau ohne Schatten" ist ein außergewöhnlich anspruchsvolles Werk. Die fünf Hauptpartien sind bestialisch, und die Oper Leipzig hat keine vertretbaren Kosten und Mühen gescheut, sie zu besetzen: Da ist Simone Schneider, die die Kaiserin mit ihrem kraftvollen wie weichen Sopran mit liebender Wärme ausstattet. Da ist nichts Schrilles, nichts Gewaltsames, nichts Hysterisches. Dafür ist Doris Soffel als Amme zuständig. Sie formt mit ihrem machtvollen Mezzo das Porträt einer Getriebenen, findet in der Rolle, oft nur Abziehbild des Bösen, tragische Größe. Darum ist es folgerichtig, dass Kovalik auch sie wieder dazustoßen lässt, wenn im Rausch des glücklichen Endes selbst das Fidelio-Finale melancholisch wirkt. Vielschichtig legt auch Jennifer Wilson die Färberin an. Natürlich ist sie zänkisch, verleiht sie ihrem Unmut schrille Töne. Doch immer wieder polstert Wilson ihre metallische Höhe aus, lässt sie hinein horchen in die Seele einer Verletzten. Diese Zwischentöne machen nachvollziehbar, dass Barak sie nicht längst zum Teufel jagte. Ihm schenkt Thomas J. Mayer Wärme und Wahrhaftigkeit. Wie in Kovaliks szenischer Anlage die Person, wird seine Stimme im musikalischen Gefüge zum Katalysator der Anteilnahme. Sein Schicksal rührt die Kaiserin so sehr, dass sie um den Preis des eigenen Glücks auf den Schatten der Färberin verzichtet. Sie kann gar nicht anders - weil Mayer so schön singt. So samtig, so natürlich. Auch der Kaiser, für den der vokale Frauenversteher Strauss seine schönste Tenor-Partie schrieb, hat bei Burkhard Fritz nichts Gekünsteltes. Lyrischer ist diese Rolle nicht zu singen.

 So lässt sich die Reihe fortsetzen über all die mittleren und kleineren Partien um die sich vom Ensemble Tuomas Pursio und Olena Tokar, Jonathan Michie, Sejong Chang und Dan Karlström, Sandra Janke und Sebastian Fuchsberger kümmern. Chor und Kinderchor fügen sich ein ins Bild vokaler Großartigkeit.

 Dass die sich so frei entfalten kann, liegt auch und vor allem an dem, was der dirigierende Hausherr Ulf Schirmer im Graben mit dem Gewandhausorchester anstellt. So heikel der Symbolpanzer ist, den Hofmannsthal um seine Parabel gelegt hat, so gefährlich ist die Dichte des Geflechts, mit dem Strauss das in Worte nicht zu Fassende in Töne kleidete. Für die Welten dieser Oper stehen im Grunde unterschiedliche Orchester. Kristallin bis kalt ist das der Geister, in entrückter Schönheit leuchtend indes, wenn Konzertmeister Sebastian Breuninger Keikobad die Stimme leiht. Warmer Streicherklang beherrscht die menschliche Szenerie. Gemütlich umspielt er Barak, mit Buffo-Farben die polternden Brüder, spitz wird er, will die Färberin sie aus dem Haus jagen.

 Sind diese Klangwelten für sich schon nur mühsam zu sortieren, wird es erst kompliziert dadurch, dass Strauss sie immerfort mischt. Dass sie dabei ihre Identität wahren, macht einen Großteil der Magie aus, mit der Schirmer und das Gewandhausorchester im Graben das Märchen grundieren. Denn wie auf der Bühne Scheeles und in den Kostümen Sebastian Ellrichs aus vielem der Mensch erst sich fügt, so ist er auch im Orchester nicht Teil, sondern Summe.

 Da geifert es im Graben, brodelt und prunkt. Eindrucksvoller aber noch ist Schirmers Kunst des Übergangs, wenn er unvermittelt ins Lyrische gleitet, zu kammermusikalischer Luftigkeit immer neu sich unerhörte Farben zusammenfinden. So subtil, so elegant, dass der gewaltige Instrumentalkomplex in keinem Moment die Sänger gefährdet. Schirmer trägt sie zärtlich auf Händen, bettet ihre Stimmen in Deutung und Bedeutung. Wie die betörenden Soli von Breuninger und Solocellistin Veronika Wilhelm und all die vielen anderen. Selbst noch im Tumult des zweiten Aktschlusses.

 Kaum je gingen die Rechnungen "Elektra" plus "Ariadne" oder Wagner plus Mozart oder Rätsel plus Schönheit gleich "Frau ohne Schatten" so glatt auf wie an diesem denkwürdigen Samstagabend. Und nie zuvor Schirmers Intendanten-Anspruch, aus sinnlicher Überrumpelung künstlerischen Mehrwert zu generieren. Und wenn er mit dieser Produktion die Frage klären wollte, was sein Haus zu leisten vermag, fällt die Antwort nicht schwer: alles.

 Der Premierenjubel unterstreicht es. Letztlich auch die einsamen Buh-Rufer, die wohl recht grundsätzlich der Sinnlichkeit misstrauen, mit der Schirmer und Kovalik den Rätseln von Strauss und Hofmannsthal zu Leibe rücken.

 Vorstellungen: 21., 24., 28. Juni; Karten im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen und über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 16.06.2014

Peter Korfmacher

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