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Bis einer weint – Marcel Beyer im Haus des Buches

Lesung Bis einer weint – Marcel Beyer im Haus des Buches

„Das blindgeweinte Jahrhundert“ wird Marcel Beyers neues Buch heißen. Ins Leipziger Haus des Buches kam der Büchner-Preisträger aus Dresden aber auch um zu plaudern – übers Schreiben, die Welt und die Tränen der Kanzlerin.

Büchner-Preisträger Marcel Beyer im Leipziger Haus des Buches.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Reden wollte er nicht. „Ich werde eine Sonnenbrille tragen und weinen.“ So hatte US-Präsident Barack Obama seine Teilnahme an der Feier zum High-School-Abschluss von Tochter Malia angekündigt. Das, sagt Marcel Beyer, sei die ganz hohe Kunst. Die Tränen sind da – und sind es auch nicht. Marcel Beyer ist ein Spezialist für Tränen. Vor allem aber ist er Lyriker, Essayist und Herausgeber, hat Erzählungen und Romane veröffentlicht und im Herbst den Georg-Büchner-Preis erhalten, einen der renommiertesten Literaturpreise im Land. Am Dienstag war Beyer zu Gast im Leipziger Haus des Buches – eingeladen vom Sächsischen Literaturrat e.V..

Im Literaturcafé ist beinahe jeder Stuhl besetzt, und auch Sympathie füllt den Raum. Sympathie für einen, dessen Humor nicht aus dem einzelnen Wort springt, sondern in Sätzen reift. Der 1965 Geborene lebt seit ’96 in Dresden und liest auch in Orten, in denen kein ICE hält. Das nämlich sei nicht selbstverständlich, wie Literaturrats-Geschäftsführerin Sibille Tröml sagt.

Allerdings: Beyer schreibe zu wenig, rügt Kollege Tobias Lehmkuhl in seiner Funktion als Moderator. 1997 habe er den Gedichtband „Falsches Futter“ entdeckt – „und dann begann eine Leidenszeit, denn er wollte nicht schnell genug veröffentlichen“. Gemessen an heutigen Verhältnissen und der Geschwindigkeit des Literaturbetriebs war es wenig. Sein jüngster Roman, „Kaltenburg“, ist 2008 erschienen. Der jüngste Erzählungsband, „Putins Briefkasten“, 2012. Durch „Kaltenburg“, damals nominiert für den Deutschen Buchpreis, führt der Autor als Begleiter und Beobachter des Erzählers, der ein Begleiter und Beobachter des Ornithologen Kaltenburg ist, der wiederum allerlei Vögel begleitet und beobachtet. Man erfährt viel über Menschen.

Heintje ohne Ton

In den zurückliegenden Jahren gab es den Gedichtband „Graphit“, „XX. Lichtenberg-Poetikvorlesungen“ (Wallstein) und „Sie nannten es Sprache. Essays“ (Brueterich Press). Für April hat Beyers Hausverlag Suhrkamp „Das blindgeweinte Jahrhundert – Bild und Ton“ angekündigt, basierend auf den Frankfurter Poetikvorlesungen, in denen er sich dem Thema „Tränen“ widmete – von Theodor W. Adorno bis Heintje. Dass er dies ohne mediale Hilfsmittel tat, wird ihm vor allem im Fall Heintje bis heute hoch angerechnet. „Ich habe die Heintje-Texte vorgelesen – das gibt eine ganz andere Gänsehaut.“

Doch sind all das eben keine Romane, weshalb Moderator Lehmkuhl den Gast fragt, ob es so etwas wie „Nebenwerke“ für ihn gibt. Romane langweilten ihn ein bisschen, gesteht Beyer. Ihn interessiere es vielmehr, Gedanken zu entfalten, in denen er Bilder aneinanderstelle. Nebeneinander. Einander gegenüber. Dabei zeigen Beyers Bilder wiederum Bilder, die ein Bild enthalten. Er schätzt es, erzählend Fragen nachzugehen in Texten, die – wie bei Vorträgen oder Vorlesungen – auf einen Termin, einen Anlass hin entstehen. Sie sind „wie ein Blick in die Werkstatt des Autors“, sind „schöne Möglichkeiten, mein Handwerk auszubreiten“. Er vergleicht es mit einer Schmiede: „Ich mache das Feuer an, und dann wird geschmiedet. Es ist ein Schreibpraktiken-Theater, das ich da aufführe.“ Der Trick dabei sei, dass er trotzdem nichts über sein Schreiben verrate, denn: „Das würde mich furchtbar langweilen.“

„Programmatische Emotionalisierung“

Das Wort „langweilen“ wählt Beyer überraschend oft in diesen knapp zwei Stunden. Dabei dürfte schon jedes noch so kurze Selbstgespräch ihn davon erlösen. „Sprache ist mein Mundwerkzeug“, sagt er. Wie ein Käfer, der mit seinen Kiefern etwas zerteilt, könne er nicht anders, „als Dinge schreibend zu untersuchen“.

Zum Beispiel die Tränen. „Sehen wir vor Tränen das Jahrhundert nicht?“, fragt Lehmkuhl. Und Beyer beschreibt eine Entwicklung, die für ihn am 12. September 2001 begann, in der mit ahistorischen Begriffen „alles Historische als Prozess abgestreift wird“. Gemeint sind Formulierungen wie „wir als Deutsche“, „unsere Werte“, „das christliche Abendland“. Beyer beobachtet eine „programmatische Emotionalisierung“, jene Erfolgsformel der Unterhaltungsindustrie, die auf Bereiche übergreife, die der Analyse mit klarem Blick gewidmet sein sollten. „... und dann regt sich noch jemand auf über Donald Trump.“

Gelesen wird natürlich auch an diesem Abend. Geplant waren ein paar „Graphit“-Gedichte. Die Zeit reicht später nur für eins – nach einem Kapitel aus „Das blindgeweinte Jahrhundert“. Das stellt den Staatsbesuch Helmut Kohls im April 1989 in der Schweiz dem Auftritt Helmut Kohls bei einer Demo im Dezember ’89 in Dresden gegenüber.

„Auf dem Weg zu Rilkes Grab soll der Staatsgast im Schnee gestolpert sein.“ Es gibt keine Aufnahmen, nichts weiß man über Tränen. „Vielleicht war das auch gar nicht wichtig“, sagt Beyer, „also interessiert es mich.“ Denn ihn „interessiert schreibend immer, was ich noch nicht geschrieben habe“. Er konstatiert die ausbleibenden Tränen der Kanzlerin und die seltsamen Tränen derer, die befürchten müssen, dass niemand ihnen eine Träne nachweint: Aufsichtsräte, Sportfunktionäre. Marcel Beyer betrachtet Tränen historisch als Gnadenerweis Gottes und modern als postideologisches Emo-Management. Er zeigt, dass literarisches Potenzial nicht nur in den zugeschriebenen Formen wohnt, sondern schon im Gespräch. Oder hinter einer Sonnenbrille.

Lektüre-Tipps: Marcel Beyer: Kaltenburg. Roman. Suhrkamp Verlag; 448 Seiten, 12 Euro
Marcel Beyer: Putins Briefkasten. Acht Recherchen. Suhrkamp Verlag; 219 Seiten, 10 Euro
Marcel Beyer: Graphit: Gedichte. Suhrkamp Verlag; 207 Seiten, 21,95 Euro

Von Janina Fleischer

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