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Bitte um Ruhe

Bitte um Ruhe

Der erste Applaus kommt verfrüht: John Eliot Gardiner hat sie gerade erst verklingen lassen, die Bitte um ewige Ruhe, das Requiem in den Tönen Mozarts und Süßmayrs.

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Man muss es Zaubern nennen: Sir John Eliot Gardiner dirigiert in der Nikolaikirche.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Mozarts und Süßmayrs. Die Hände des Dirigenten sind noch oben, der Schlusston ist erst Sekundenbruchteile verklungen und hallt noch innerlich nach. Doch die ersten Hände klatschen umgehend - eine Instinktlosigkeit, die umgehend niedergezischt wird. Nach kurzem Innehalten brandet der Applaus aller dann umso heftiger auf.

Der größte Jubel in der ausverkauften Nikolaikirche gilt dem Monteverdi Choir, diesem Elite-Ensemble John Eliot Gardiners, das mit Trauermusiken Bachs und Mozarts beim Bachfest gastiert. Er vereint die Stärken eines großen oratorischen Chores mit denen eines Kammerchores. Denn die Briten bestechen sowohl durch Transparenz und Homogenität als auch durch stimmliche Kraft.

Wunderbar weich und zugleich beweglich gelingt ihnen das "Lacrimosa" - mit einem bemerkenswert gleichmäßigen Crescendo. Voll imponierender Kraft dagegen das "Rex tremendae majestatis", ein Gänsehautmoment. Blitzschnell kann der Chor umschalten, zu beobachten in der Quam-olim-Abrahae-Fuge.

Auch die Solisten aus den Reihen des Chores wissen insgesamt zu überzeugen, allen voran die Damen: wunderbar klar und klangschön Hannah Morrison, mit großer Präsenz Kate Symonds-Joy, spannungsvoll-expressiv Esther Brazil.

Die Herren fallen dagegen leicht ab. Die Tenorstimme von Andrew Tortise wirkt an diesem Abend etwas belegt. David Shipleys tiefer Bass klingt zunächst etwas dumpf, findet sich dann aber. Alex Ashworth singt das bachsche Schlussrezitativ sehr expressiv, dazu müsste er die Empore gar nicht besteigen, zumal dies einmal keine Bach-Kantate in der Art einer musikalischen Predigt ist.

Es sind nämlich zwei sehr unterschiedliche Trauermusiken, die Gardiner auf das Programm gesetzt hat: Bachs "Trauerode" auf den Tod der Königin Christiane Eberhardine ist eine auch textlich anlassangebundene Komposition; die Ode Johann Christoph Gottscheds verzichtet weitgehend auf religiöse Inhalte. Mozarts Requiem dagegen ist durch die Vertonung der lateinischen Totenmesse von überzeitlicher Gültigkeit - um von den Unterschieden in der Klangsprache der beiden Werke zu schweigen.

Dass der Programmheft-Text von Christine Blanken übrigens so instruktiv über deren Hintergründe informiert, ist ein Beleg für eine besondere Stärke des hiesigen Bachfests: die enge Verflechtung der Konzertpraxis mit der wissenschaftlichen Arbeit des Bacharchivs, die sich in der Programmplanung und in der Vermittlung der Musik merklich niederschlägt.

Es ist also durchaus sinnvoll, zwischen die beiden Stücke eine Pause einzufügen. Die im Programmheft angekündigten 30 Minuten wären allerdings bei einem Kirchenkonzert (wo ja jede Infrastruktur fehlt) eine Zumutung gewesen. Die Verkürzung auf 20 Minuten ist klug - weniger klug ist es angesichts des internationalen Publikums, diese wichtige Information nur auf Deutsch anzusagen. Dennoch funktioniert der Ablauf, die Zuhörer vertreten sich kurz die Beine im Nikolaikirchhof und sind pünktlich zurück.

Überhaupt ist es wieder einmal die sommerliche Atmosphäre, die ihren Teil zur gelösten Stimmung des Bachfestes beiträgt, auch wenn sehr ernste Musik auf dem Programm steht. Noch mehr gilt dies natürlich für die Liveübertragung auf den Markt, die gut besucht ist und bei angenehmen Temperaturen immer wieder Passanten zum Verweilen anlockt.

Auch die Klangqualität der Übertragung ist offenbar gut, und so teilen sich die Stärken und die wenigen Schwächen der Aufführung auch dort hinreichend mit. Dass nämlich die begleitenden English Baroque Soloists nicht auf voller Linie überzeugen, gehört zur Wahrheit dazu. Ab und an kommt es zu kleinen Problemen im Zusammenspiel und in der Intonation. Dies können die Engländer jedoch ohne weiteres durch Spielfreude und Klangreiz wettmachen. Besonders schön gelingen die warmen barocken Farben der Trauerode mit Oboen d'amore, Gamben und Lauten, die so nur ein Spezialensemble herzaubern kann.

Und Zaubern muss man auch nennen, was Sir John Eliot am Pult tut: Von den ersten Tönen an ist das ein gelöstes, aber zugleich hochkonzentriertes Musizieren, ungemein inspirierend und frei. Mit größter Selbstverständlichkeit scheint da alles zu entstehen, scheint auch jedes Tempo nur so und nicht anders denkbar zu sein - mit der bemerkenswerten Ausnahme des gehetzten Alla-breve-Chors "An dir, du Fürbild großer Frauen".

Herrlich natürlich lässt Gardiner den Chor phrasieren, ausdrucksvoll lässt er im Orchester die Affekte spielen. Nach Mozarts Requiem - in der perfekten Mischung aus Ruhe und Pathos zelebriert - steht noch sein berühmtes "Ave verum", passend in Tonart und Text. In zerbrechlichem Piano spielen da die Baroque Soloist, zart und weich singt der Monteverdi Choir. Es könnte perfekt sein, wäre da nicht das fortwährende Klicken der Fotoapparate.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 16.06.2015
Lessmann, Benedikt

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