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Brahms-Zyklus im Gewandhaus: Objektive Dramatik

Brahms-Zyklus im Gewandhaus: Objektive Dramatik

Eine erstaunliche Ansetzung: Da spielte am Sonntag der kraftstrotzende russische Übervirtuose Arcadi Volodos Brahms' tendenziell lyrisches zweites Klavierkonzert, und fürs wuchtig-schrundige rrste ist nun der skrupulöse französische Poet Pierre-Laurent Aimard verpflichtet.

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Pierre-Laurent Amiard am Flügel, Riccardo Chailly und das Gewandhausorcester sipelen Brahms' erste Klavierkonzert.

Quelle: André Kempner

Phänomenale Pianisten sind sie beide, und eine solcherart überraschende Überkreuzbesetzung kann durchaus einen eigenen Zauber entwickeln.

So lässt immer wieder aufhorchen wie Aimard da gegen Ende des Kopfsatzes die Sechzehntel delikat perlen lässt, wie er die knappen Kadenzen zum Leuchten bringt, Brahms' rhythmische Polyphonie auflöst, im Adagio singt und im Finale den Schalk ums Eck lugen lässt. Aber all dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Werk und dieser Pianist nicht füreinander geschaffen sind. Denn Aimard bleibt Brahms' Schmerzenskind, diesem hochkomplizierten Monument des Scheiterns an der Sinfonie, das doch ein Meisterwerk wurde (und bei der Leipziger Erstaufführung 1859 ausgezischt und niedergebuht wurde), die Abgründe schuldig. Die Oktav-, Sext-, Terz- , Akkord- und Trillerketten, die orchestrale Vielfarbigkeit des enorm anspruchsvollen, aber keineswegs dankbaren Soloparts, all da hat Aimard selbstredend sicher in den Fingern. Aber erstens lässt er in dieser monumentalen Dreiviertelstunde allzu oft die existenzielle Dramatik vermissen. Zweitens fügt er sich auch nicht recht in die Gesamtkonzeption des Werks, dem in jedem Takt anzumerken ist, dass es eine Sinfonie werden sollte.

Gerade weil Aimard immer wieder versucht, die Fesseln zu sprengen, das Klavier vom Orchester zu etablieren, das es so fest umschließt, passt er auch nicht zum gespannten metrischen Rigorismus, der Chaillys Brahms-Zyklus so einzigartig macht. Denn der Pianist bringt Unschärfen in die Architektur, die sich nicht vertragen mit der sinnlichen Strenge dieser Neuerkundung einer sinfonischen Landschaften. Die ist viel schlüssiger hör- und spürbar auf den CDs, die Chailly 2006 mit dem Pianisten Nelson Freire und dem Gewandhausorchester einspielte.

Zu eindrucksvoller Vollkommenheit dagegen gerät dieser Ansatz in den Großen Concerten mit Brahms' Dritter. Es ist die knappste, konzentrierteste, die auf den ersten Blick klassischste unter den vier Sinfonien des Wahl-Wieners aus Hamburg. Hier zieht er die Summe seiner Bemühungen um die Zukunft der Form nach Beethoven - in der Vierten ist er schon wieder unterwegs zu anderen Ufern. Nachzuhören heute Abend im letzten Großen Concert des Leipziger Zyklus.

Insofern ist gerade die Kombination der 1883 in vergleichsweise kurzer Zeit entstandenen Dritten mit dem ersten Klavierkonzert, das am Anfang dieser Entwicklung steht, höchst interessant. Denn wo im Konzert die Motive wild wuchern, setzt Brahms in der F-Dur-Sinfonie ganz auf Klarheit und Logik. Was keineswegs bedeutet, hier handele es sich um ein akademisches Lehrstück in Sachen motivischer Entwicklung.

Das zeigen unter Chaillys fordernden Händen bereits die ersten Take. Die drei Bläserakkorde, deren zweiter mit seiner irritierenden doppelten Verminderung die Tonart schon wieder in Frage stellt, bevor die Streicher Dur und Moll in der Schwebe lassen, zeigen, was die Modernität des vermeintlichen Traditionalisten Brahms ausmacht, was ihn für die Folgegeneration, für Mahler, auch den Kreis um Schönberg, viel interessanter machte als den Zeitgenossen Bruckner: Aus der Objektivierung der motivischer Arbeit nämlich gelangt er zu einer existenziellen Dramatik, die alles in Töne zu fassen vermag, was in menschlichen Seelen sich verbirgt.

Vorausgesetzt, man hat ein Orchester zur Verfügung, wie derzeit Chailly in Leipzig. Die Gewandhausmusiker haben seinen so neuartigen Ansatz so selbstverständlich verinnerlicht, dass der Gewandhauskapellmeister es mit der ordnenden Rechten auf weiten Strecken ruhig angehen kann. Dafür kann er mit der fordernden Linken umso detaillierter Feinzeichnung betreiben, kann immer wieder neu zeigen, was aus den drei Akkorden des Beginns alles wird im Laufe dieser guten halben Stunde.

Wenn er in Leipzig Dinge abrufen kann wie diesen makellosen Klang Holzbläsersatzes, diese erdige Wärme der Streicher, dieses in überirdischer Schönheit über Zeit und Raum sich erhebende Hornsolo Ralf Götzes im Poco Allegretto, dann wäre er ja mit dem Klammerbeutel gepudert, würde er diese einzigartigen Konzertqualitäten aufgeben für die Mailänder Scala.

iFür Decca haben Riccardo Chailly und das Gewandhausorchester auf drei CDs alle Sinfonien von Johannes Brahms eingespielt, einschließlich alternativer Fassungen, dazu Ouvertüren, Haydn-Variationen und mehr.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.10.2013
Peter Korfmacher

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