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Brecht-Star und Grande Dame des Chansons - Gisela May ist tot

Mit 92 Jahren gestorben Brecht-Star und Grande Dame des Chansons - Gisela May ist tot

Sie war „Mutter Courage“ und die „Muddi“ im TV-Erfolg „Adelheid und ihre Mörder“. Gisela May zeigte sich als Sängerin und Schauspielerin sehr wandlungsfähig. Jetzt ist sie im Alter von 92 Jahren gestorben.

Gisela May ist tot.
 

Quelle: Jens Kalaene

Berlin - . Diese Stimme, diese Interpretationen – Gisela May war unverwechselbar. Wenn sie Brechts „Lied von der belebenden Wirkung des Geldes“ sang oder sein „Lied einer deutschen Mutter“ oder „Das Lied von der Moldau“, dessen Zeile „Es wechseln die Zeiten“ sie zum Titel ihrer gedruckten Erinnerungen machte, dann diente sie mit allem, was ihr zur Verfügung stand, dem Text, dem Ausdruck. Gestern ist die Sängerin und Schauspielerin Gisela May im Alter von 92 Jahren in Berlin gestorben.

Sie war nicht eine, sondern d i e Brecht-Interpretin. Ob New Yorker Carnegie Hall, Mailänder Scala oder Berliner Staatsoper – in der ganzen Welt hat sie auf der Bühne gestanden, umworben, bejubelt. Ein Privileg natürlich für eine DDR-Bürgerin, ein Glück für alle, die sie hörten und mochten. „Mit ihr stirbt eine der großen Künstlerinnen der untergegangenen DDR. Das Berliner Ensemble ist in Trauer“, sagte gestern BE-Intendant Claus Peymann. Für ihn war Gisela May nach Helene Weigel „die ,Königin’ des Brecht-Theaters“.

30 Jahre war sie dort engagiert, von 1962 bis 1992. Über 130 Mal hat sie die Titelrolle in Brechts „Mutter Courage“ gespielt. Auch die Wirtin Kopecka aus „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“, Madame Cabet in „Tage der Commune“, Frau Peachum in der „Dreigroschenoper“. Nach dem Rauswurf 1992, da war sie 68 Jahre alt, ging sie ans Renaissance-Theater in Berlin-Charlottenburg – als Cass in Brian Friels „Haus Eden“ und als Frau Fielitz in Hauptmanns „Der rote Hahn“. Die von Brecht, Hanns Eisler und Paul Dessau geprägte Grande Dame des politischen Chansons scheute sich nicht vor der leichten Muse, spielte in den 70ern am Berliner Metropoltheater die Titelpartie im Musical „Hello, Dolly!“.

Nach zahlreichen Verfilmungen für Defa und DDR-Fernsehen war sie 1993 bis 2007 als „Muddi“ von Evelyn Hamann in „Adelheid und ihre Mörder“ zu sehen. „Ich bin eine singende Schauspielerin“, hat Gisela May mal gesagt, „für mich sind meine Lieder gesungene Geschichten, in denen sich die Kunstformen Theater und Gesang ergänzen“. Zum Gesang kam sie 1957, als der Komponist Hanns Eisler ihr Talent erkannte. Sie konnte Entschlossenheit ebenso Gestalt geben wie Zartheit – und klang nie sentimental dabei.

Geboren wurde Gisela May 1924 in Wetzlar als Tochter einer Schauspielerin und eines Schriftstellers. Nach dem Besuch der Schauspielschule in Leipzig war sie hier von 1947 bis 1950 engagiert, debütierte mit der Leontine in Hauptmanns „Biberpelz“. Danach führten ihre Wege sie nach Dresden, Danzig, Görlitz, Schwerin und Halle. Schließlich Berlin. Letztendlich in die Welt.

Das ist nicht nur räumlich zu sehen, es geht auch um den Blick auf ein Großes und Ganzes, wie es bei Brecht zu finden ist, bei Johannes R. Becher oder Peter Hacks. Die May hat Texte von Kurt Tucholsky gesungen, Erich Kästner, Jacques Brel, Mikis Theodorakis oder Norbert Glanzberg. Der sah sie als „authentischste Interpretin“ seiner Chansons. Ihre Freundschaft begann Mitte der 80er Jahre in Paris und wuchs über die gemeinsame Arbeit am Zyklus „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. 2005 erinnerte Gisela May mit dem Glanzberg-Programm „Padam Padam“ im Leipziger Gewandhaus an den jüdischen Komponisten, dessen Lieder für Edith Piaf, Yves Montand oder die Comedian Harmonists berühmt sind. Da fiel ihr das Singen „schon etwas schwer“, wie sie selbst meinte. Einen Kurt-Weill-Abend im Berliner Ensemble hatte sie dennoch zugesagt: „Ich wollte eigentlich nicht mehr, weil ein Solo-Programm sehr anstrengend ist, doch das Theater fragt immer wieder nach.“

Das war sie immer: gefragt. Und Aushängeschild der DDR, der sie keineswegs blind ergeben war. Ihr damaliger Lebensgefährte, der Philosoph Wolfgang Harich (1923–1995), saß wegen „Bildung einer konspirativen staatsfeindlichen Gruppe“ acht Jahre im Gefängnis.

Umsorgt von ihrem Freundeskreis habe May die letzten beiden Jahre zurückgezogen gelebt, hieß es gestern aus der Akademie der Künste, der May seit 1972 angehörte. Und die sie würdigt: „Dass Künstler nicht nur ihrem Talent, sondern auch der Gesellschaft verpflichtet sind, und zwar einer sozial gerechten, friedlichen Gesellschaft, daran bestand für sie kein Zweifel.“

Als Chanson-Interpretin war und bleibt Gisela May eine Legende.

Janina Fleischer

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