Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Bülent Ceylan im Interview: "Nur wer über sich selbst lachen kann, ist integriert"

Bülent Ceylan im Interview: "Nur wer über sich selbst lachen kann, ist integriert"

Von einem "Migränehintergrund" spricht Bülent Ceylan, wenn es darum geht, dass er wie jeder fünfte Mensch in Deutschland nicht ausschließlich deutsche Wurzeln hat.

Voriger Artikel
15 Minuten Applaus: Wagners "Rheingold" wird in der Oper Leipzig bejubelt
Nächster Artikel
Frühjahrsrundgang in der Leipziger Spinnerei zieht 15.000 Besucher an

"Mannemer Bub und Rocker": Bülent Ceylan (37).

Quelle: Marco Perdigones

Leipzig. In erster Linie sieht sich der Comedian aber als Heavy-Metal-Fan - und als Bub aus Mannheim. Dass er sich den Sachsen verbunden fühlt, wo harte Musik ebenfalls sehr populär ist, überrascht da wenig: Er kenne es, sagt er, wegen des Dialekts belächelt zu werden. Mit Mathias Wöbking hat sich Bülent Ceylan über Probleme bei der Verständigung, seinen persönlichen Aufbau Ost und Eierschecke unterhalten.

LVZ:

Kennen Sie noch das Wort, dass Sie vor anderthalb Jahren in Sachsen gelernt haben, als Sie in Dresden auftraten?

Bülent Ceylan:

Eierschecke?

Richtig!

Aber damit war die Geschichte nicht zu Ende. Als ein paar Monate später im Frankfurter Stadion mein Programm "Wilde Kreatürken" aufgezeichnet wurde, waren auch Dresdner da. Und sie hielten ein Schild hoch: "Dresden grüßt die Eierschecke!" Da musste ich so lachen. In Frankfurt am Main kapierte das natürlich keiner. Also erklärte ich, dass es sich um eine Art Kuchen handelt, der gut schmeckt.

Sie haben das Sächsische als "ähnlich kranken Dialekt" wie Mannheimerisch gelobt. Erwarten Sie in Leipzig Verständigungsprobleme?

Jedenfalls hatte ich in Sachsen einmal Schwierigkeiten, einen Zuschauer zu verstehen. Auf meine Frage, wie er heißt, antwortete er: "Dor Dürg". Und ich: Wie bitte? Er etwas lauter: "Dor Dürg!". Ich fragte mich echt, ob er "Türk" heißt. Irgendwann schimpfte er richtig: "Nu sag ma, gannst du gein deitsch?" Und es wurde noch witziger, als sich auch die Leute drum herum einmischten: "Dor Dürg isser!" Irgendwann hab ich's endlich kapiert: Ach so, Dirk heißt du! Und er: "Nu, hab isch doch gesagt!"

Hatte er.

Das ist so eine geile Anekdote. Wenn ich das nächste Mal in Sachsen bin, will ich sie auf jeden Fall auf der Bühne erzählen, auch wenn sie gar nicht zum Programm gehört. Ich mag das Sächsische sehr, weil es mich zum Lachen bringt, der Dialekt ist superwitzig. Und sympathisch! Ich kenne es ja, wenn man wegen seines Dialekts Probleme bekommt. Viele sagen immer: Der Mannemer Dialekt klingt so ordinär. Das stimmt, aber jeder lacht drüber. Manche Mannheimer, die stolz auf ihre Sprache sind, glauben, dass ich sie als dumm darstelle. Doch das ist gar nicht der Fall. Ich finde eher: Wer einen Dialekt spricht, über den man lachen kann, wird dadurch sympathischer.

Ist es anders, im Osten aufzutreten, wo im Gegensatz zum Westen nicht fast jeder Zuschauer in einem Umfeld groß geworden sein dürfte, in das auch Kinder oder Enkel türkischer Einwanderer gehörten?

Ja, das ist schon anders. Als ich kürzlich in Neubrandenburg aufgetreten bin, habe ich gefragt: Sind Türken im Publikum? Und da hat sich nur ein einziger gemeldet. Er hatte eine deutsche Frau, die rief dazwischen: "Hör auf, streck dich nicht!" Auf meine Frage, wie er heißt, kam ganz schüchtern: Murat. Es leben einfach weniger Leute mit Migrationshintergrund in Ostdeutschland, oder wie ich immer sage: Migränehintergrund. Das Publikum ist aber fantastisch. Die haben dort gerockt! Natürlich waren in Frankfurt/Oder, als ich dort erstmals zu sehen war, nicht so viele Zuschauer wie in Frankfurt am Main. Aber Leipzig ist jetzt ausverkauft, und wir machen einen Zusatztermin. Hier hat's sich langsam herumgesprochen. Ich habe noch nie so oft im Osten gespielt wie dieses Jahr. Ich sag immer: Aufbau Ost - für mich.

Sind das die Vorbereitungen für Ihr Ossimanisches Reich?

Ja, das läuft (lacht). Die Ossis freuen sich natürlich, wenn ich ihnen sage, dass ich mehr Ossi bin als ihr. Weil die Türkei geografisch weiter im Osten liegt. Und wenn wir zusammenhielten, gäb's ein Ossimanisches Reich.

Was hält man davon im Westen?

Im Westen frage ich zuerst: Sind Ossis im Publikum? Und ein paar melden sich immer, also mach ich den Spruch. Die Wessis lachen dann zwar, aber sie wissen nie, ob sie auch applaudieren sollen oder nicht. "Na, wart mal, nee, so weit wollen wir uns nicht vorwagen", denken die vermutlich. Im Osten ist der Gag oft der Eisbrecher. Die ganzen Ossi-Witze kann man ja längst nicht mehr hören. Aber wenn einer wie ich vorschlägt: Einigen wir uns darauf, dass ich Ossi sagen darf, weil ich mich selber auf die Schippe nehme, dann sagen die: "Ja, okay, du darfst das." Wäre ich jedoch ein westdeutscher Komiker ohne Migränehintergrund, fänden die das wohl nicht so toll.

Sie machen nicht Kabarett, sondern Comedy. Aber schon allein die Tatsache, dass Sie Halbtürke sind, verleiht dem Ganzen eine politische Note - erst recht durch Ihre Hitler-Parodie. Wie wichtig ist es Ihnen, nicht nur harmlose Späße zu treiben?

Es ist mir auf jeden Fall wichtig, auf Nazis zu schimpfen. Als ich zum ersten Mal in Rostock gespielt habe, war der Applaus riesig, nach dem Motto: "Guck, wir sind anders, wir finden deinen Humor geil, wir sind keine ausländerfeindlichen Leute." Klar, sonst würden sie ja nicht Geld ausgeben und freiwillig zu einem Türken gehen. Denen ist auch wichtig, dass ich auf Nazis schimpfe. Und so ist es auch in Chemnitz, Zwickau, wo auch immer. Nur weil da ein paar Idioten Stress gemacht haben, heißt es ja nicht, dass die ganze Stadt so ist. Und das sag ich auch auf der Bühne. Ich glaube, die Zuschauer freuen sich, wenn sie merken: "Aha, nicht jeder, der einen Migrationshintergrund hat, denkt, dass wir alle ausländerfeindlich sind."

Aber spielen Sie in Figuren wie dem Großmaul Hasan und dem Gemüsehändler Aslan nicht genau jene eindimensionalen Türken, deren Klischee ausländerfeindliche Deutsche gern pflegen?

Wenn ich nur den Hasan machen würde, würde ich die Kritik verstehen. Aber ich habe ja genauso den tumben Deutschen im Programm, den Harald, den Mompfreed, das gleicht sich dadurch wieder aus. Ich spiele gern extreme Charaktere und stelle die Vorurteile so dar, dass die Leute darüber lachen - dadurch breche ich sie wieder. Der andere Türke, der Abitur gemacht hat, steht ja sowieso auf der Bühne. Und als Bülent sag ich auch mal eine ernsthafte Message: Passt auf, hier kriegt jeder sein Fett ab. Das ist wichtig. Denn nur wer über sich selbst lachen kann, ist integriert.

Sie scherzen sowieso nicht in erster Linie als Halbtürke, sondern auch als Metaler und vor allem als Mannemer Bub. Mit welcher Seite identifizieren Sie sich am meisten?

Ich bin Mannemer Bub, auf jeden Fall. Mannemer Bub und Rocker. Natürlich mach ich mich auch über türkische und deutsche Seiten lustig, mein Vater war Türke, meine Mutter ist Deutsche. Aber am Ende der Show will ich einfach sagen: Es ist egal, woher man kommt, Hauptsache, man ist Mensch.

Wie darf man es sich vorstellen, wenn Sie auf den anderen Mannemer Bub Xavier Naidoo treffen?

Wir reden richtig Mannemerisch. Xavier ist ein guter Freund von mir, und er spricht mit anderen Leuten eher Hochdeutsch. Sogar ich versuche öffentlich, nun ja, mich ein bisschen hochdeutscher auszudrücken als sonst. Aber wenn Xavier und ich privat reden, ist das total witzig. Manchmal versteh nicht einmal ich ihn, weil er so extrem in den Dialekt rutscht.

Musikalisch schätzen Sie aber eine härtere Gangart als Ihr Freund ...

Ich bin Metaler, klar, und das nicht nur auf der Bühne, ich hör die Musik auch privat. Das bin ich. Als ich vor 15 Jahren mit der Comedy anfing, überlegte ich mir, wie ich mich von den anderen Komikern unterscheiden kann. Ethno-Comedy gab's schon, also kam ich auf die Idee, auf der Bühne zuerst einen Headbanger zu machen und dann meine Stand-up. Man muss ja gleich in den ersten fünf Minuten auffallen, und das hat funktioniert. Meinen Namen merkten sich die Leute gar nicht, aber sie wussten: Da ist jemand mit langen Haaren, der irgendwann headbangt. Und der so einen komischen Dialekt spricht.

Wäre ein Kurzhaarschnitt überhaupt denkbar?

Nee, die Haare, das bin ich, Bülent. Ich bin 37, habe noch volles Haupthaar und seh ganz gut aus damit. Also lass ich es so.

Die Pointen der Show, mit der Sie bald zwei Mal nach Leipzig kommen, verrät bereits eine DVD. Warum soll man sich das Programm überhaupt noch anschauen?

Das ist eine sehr gute Frage. Ich sag mal so: Die DVD ist nie dasselbe wie live. Ich bin ein Live-Künstler, die DVD ist eher ein Souvenir. Und sie ist dazu da, um Werbung zu machen, das ist leider so. Die Leute müssen wissen, wofür sie Eintritt bezahlen. Sie gehen nicht einfach auf gut Glück irgendwohin, sondern wollen schon vorher sichergehen, dass es ihnen gefällt.

Bülent Ceylan: "Wilde Kreatürken", 5. Mai Erdgas-Arena Riesa - fällt kurzfristig aus, Karten gelten für 18. Oktober in Dresden, 10. Mai Messe Dresden (ausverkauft), 28. Juni Arena Leipzig (ausverkauft), 30. Juni Stadthalle Zwickau (ausverkauft), 27. September Messehalle Erfurt, 18. Oktober Messe Dresden, 28. November Arena Leipzig, 29. November Stadthalle Zwickau - Tickets für nicht ausverkaufte Auftritte für 31 bis 34 Euro im LVZ-Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, unter www.lvz-ticket.de und über die gebührenfreie Tickethotline 08002181050.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.05.2013

Mathias Wöbking

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Hier finden Sie Infos und Fotos vom Leipziger Opernball 2017 unter dem Motto „Moskauer Nächte“ mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Eine neue Ausstellung in der Galerie des Neuen Augusteums widmet sich der Geschichte der Universitätskirche sowie der Entstehung des Neubaus. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr