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Bukowski auf gut Sächsisch - Clemens Meyers "Gewalten" im Centraltheater

Bukowski auf gut Sächsisch - Clemens Meyers "Gewalten" im Centraltheater

Clemens Meyer ist der White-Trash-Märchenonkel aus dem Wilden Osten. Der Bänkelsänger vom sozialen Brennpunkt, Typus harter Hund mit Träne im Knopfloch, dem auch darum das gesamtdeutsche Feuilleton ja ganz gern mal lobend das Fell krault.

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Szene aus "Gewalten" - mit Ingolf Müller-Beck, Edgar Eckert, Christian Kuchenbuch, und Günther Harder.

Quelle: Rolf ArnoldCT

Leipzig. Und dessen Buch "Gewalten" Sascha Hawemann jetzt auf die Bühne gebracht hat. Am Donnerstag war Premiere in der Festspielarena des Centraltheaters.

Wer ruft denn da? "Clemens! Clemens!" hallt, raunt, insistiert immer wieder eine Stimme. Und wenn die verkünden würde: "Clemens, lass alles stehen und liegen und bau ein Schiff, denn eine große Flut wird kommen", würde es einen kaum wundern. Und Clemens täte wohl, wie ihm geheißen. Sich seinen Hund schnappend, vielleicht auch noch Rennpferd Overdose, plus einen guten Vorrat an Schnaps. Und dann einfach mal abwarten, was passiert, wenn die Naturgewalten kommen.

Aber diese Stimme hier in der Festspielarena des Leipziger Centraltheaters, die sagt dann doch nie mehr als nur diesen Namen. Und die Gewalten, um die es geht, sind keine göttlichen, sondern nur jene, die der menschlichen Natur entspringen. Und wenn diese mal wieder eine Sintflut provozieren würden - es wäre wahrlich nicht ganz unverständlich.

Clemens Meyers "Gewalten" ist eine Tagebuch-Behauptung in Erzählungsform. Pendelnd zwischen Reflexion und Delirium, Realismus und Kitsch. Aber das ist hier nicht wichtig. Wichtig ist, was Hawemann daraus macht: Das Porträt eines Autors in sechsfacher Ausführung, eine Groteske über die Egomanie der Kunst. Eine Introspektion als todkomisches Alptraumstück über Freundschaft und Verrat und all jene Leiden unserer Sterblichkeit, die einem guten Schriftsteller allemal vorrangig eins sind: Material fürs nächste Buch.

Meyer nun ist ein guter Schriftsteller, und diese Inszenierung zeigt das nicht, in dem sie dessen Fell krault, sondern es gerbt und gegen den Strich bürstet. Aus der Vorlage destillierte Hawemann dafür Passagen, deren dramatische Neuverfügung er den Gesetzmäßigkeiten eines Traumes folgen lässt. Es gibt Sprünge und Loops, lose Verknüpfungen, wiederkehrende Motive. Realismus klammert all das nicht aus, befreit aber von dessen Diktat. Der Betrachtungswinkel wird erweitert, neue Ebenen werden aufgemacht. Nie wird hier nur Geschehen gezeigt, sondern immer auch der Beobachter dieses Geschehens.

Jener Autor namens Clemens also, bei dem natürlich letztlich völlig wurscht ist, ob es sich um Meyer handelt. "Ich ist ein anderer" ist eine olle Kamelle, und die sechs Schauspieler auf der Bühne werden dann auch konsequenter im Wechsel immer mal zu diesem Ich, dem sie sonst das Gegenüber sind. Dieses etwa als ein auf seinem Klapprad bis zum Delirium im Kreis fahrender Saufkumpan, oder als Hure, die - obwohl, oder weil sie Sibylle heißt - der Schriftsteller unbedingt als eine aus den Weiten Sibiriens erkannt haben will. Selbst Roulette-Kugeln bekommen unter diesem Blick Persönlichkeit und auch jener todkranke Hund, mit dem Clemens Jahre des Lebens geteilt hat und dessen Sterben ihn dann verräterischer Weise weit mehr zu berühren scheint als das vom alten Kumpel Big Boy, der vielleicht auch deshalb jener böse Geist sein könnte, der immer wieder Clemens' Namen ruft.

Dazu gibt es viel aus dem Blechnapf zu fressen, wird Schnaps hinter die Binde gekippt oder auch unter die Nase gerieben gegen den Gestank der Welt und des Lebens. Kurz: Allerlei Kreatur und Kreatürlichkeit und Bukowski auf gut Sächsisch. Man mag davon halten, was man will - und was Hawemann davon hält, bleibt schön uneindeutig.

Ganz Eindeutiges aber gibt es wieder mal zu den Schauspielern zu sagen. Ein einziges Vergnügen sind Sarah Franke und Janine Kreß, sind Edgar Eckert, Günther Harder, Christian Kuchenbuch und Ingolf Müller-Beck. Die Sechs, deren Ich immer mal Clemens heißt - oder dessen Gegenüber ist. Und mit denen gemeinsam sich ein zufrieden wirkender Autor Clemens Meyer nach zwei kurzweiligen Stunden vor begeistertem Publikum verbeugt.

Noch heute (22 Uhr) und am morgigen Sonntag (20 Uhr), Kartentel. 0341/1268168

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.04.2013

Steffen Georgi

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