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"Bums-Belletristik" - Charlotte Roche liest im Leipziger Werk 2 aus "Schoßgebete"

"Bums-Belletristik" - Charlotte Roche liest im Leipziger Werk 2 aus "Schoßgebete"

Selbstironie ist eine tolle Sache. Sie hilft, Distanz zwischen sich und das eigene Tun zu bekommen und verbreitet eine Art postmoderne Unbestimmtheit. Und wenn sich ihrer dann noch so eine charmante Person wie Charlotte Roche bedient, kann das richtig lustig sein.

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Charlotte Roche liest am 14.09.2011 im Leipziger Werk II aus ihrem Buch "Schoßgebete".

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. „Hier kommt der Philipp Lahm der Bums-Belletristik“, kündigt sie sich selbst aus dem Off an, bevor sie am Dienstagabend im Werk 2 unter dem Jubel der Fans die Bühne betritt. Die ehemalige Pop-Moderatorin ist inzwischen selbst zu einem Popstar geworden. „Feuchtgebiete“, erschienen 2008, verkaufte sich knapp zwei Millionen Mal, jetzt führt „Schoßgebete“ wie erwartet die Bestellerlisten an.

Die Frau zieht. Exakt 343 Zuschauer sind in Leipzig, der vierten Station der Lesetour erschienen, bei Eintrittspreisen von 18 Euro an der Abendkasse eine Resonanz, von der so mancher Literaturnobelpreisträger träumen kann. Neugier ist der Hauptantrieb der meisten. Die Lust, einer Prominenten beim Tabubrechen zuzusehen. Viel mehr muss man da nicht hineingeheimnissen. Roche verspricht Spektakel.

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Leipzig. Selbstironie ist eine tolle Sache. Sie hilft, Distanz zwischen sich und das eigene Tun zu bekommen und verbreitet eine Art postmoderne Unbestimmtheit. Und wenn sich ihrer dann noch so eine charmante Person wie Charlotte Roche bedient, kann das richtig lustig sein. „Hier kommt der Philipp Lahm der Bums-Belletristik“, kündigt sie sich selbst am Dienstagabend im Leipziger Werk 2 an.

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„In Bremen waren nur alte Männer da, ich dachte schon, ich hätte etwas falsch gemacht.“ In Leipzig sind die meisten zwischen 20 und 30, das Geschlechterverhältnis ist ausgewogen. Im knielangen Kleid steht die 33-Jährige auf der Bühne und freut sich vor sich hin. Das Abendprogramm klingt zunächst dröge: „Das ist nur eine Lesung, kein Live-Sex. Ich bin ja alleine.“ Doch dann kündigt sie eine „lange Blaseszene“ an. Hinterher dürften Fragen gestellt werden. „Ich beantworte alles.“ Volkshochschullehrerin trifft Erika Berger.

Es folgt der angekündigte Romananfang, der eher zu viel als zu wenig beantwortet und wie geschaffen ist für Roches Performance-Kunst. Die Stimmung ist aufgehellt, immer wieder gluckst sie über sich selbst, wenn sie wie eine Stewardess den geschilderten Vorgang gestisch illustriert, sich beim Lesen selbst kommentiert („das hätte ich heute anders geschrieben“) oder Betrachtungen über einen auftretenden Würgereiz der Heldin abschließt mit dem schönen Satz: „Ich trink’ mal was.“

Prost Charlotte. Mit der eigentlichen Handlung des Buches, in dem es um eine von Kontrollzwängen und anderen Neurosen gebeutelte Ehefrau und das Trauma des Unfalltodes dreier Brüder geht, hat diese literarisch an Bekenntnisroman und Ratgeber gebaute Heizdecken-Porno-Einlage nur sehr wenig zu tun. Eher mit PR. Auch der Titel führt in die Irre. Hier betet nichts und nichts wird angebetet. Hier ist im Inneren ein Gefühl von Angst und Leere. Das Buch, das nur insofern ein Roman ist, als dass das Wort auf dem Cover steht, ist sehr nah an Roche, der es wohl vor allem um eigene Bewältigungsprozesse und höchst mögliche Aufmerksamkeit geht. 

Scham ist das Oberthema des Abends, auch unter den Zuschauern. Was sagt dein Mann, was deine Mutter, was dein Kind?, fragen sie. „Das Schlimmste wäre für mich, wenn mein Kind in der Schule gehänselt würde“, sagt die Autorin, weshalb sie die Veröffentlichung in die Sommerferien gelegt habe, damit sich die Aufregung bis Schulanfang legt. An was man alles denken muss, als Autorin und Mutter. Könnte am Sujet liegen. Bei Elternabenden würden die Mütter meist komisch gucken, „die Väter sind total nett zu mir“. Und wie ist Sex auf Drogen? – „Bekifft ficken dauert mir zu lange.“

Roche hat eine Botschaft, auch wenn sie übersichtlich ist: Es gibt vaginale Orgasmen, Alice Schwarzer war, anders als diese behauptet, nie ihre Freundin. Und: „Ich breche eine Lanze für raushängende innere Schamlippen.“ In diesem Kontext eine kühne Metapher. Immerhin.

Jürgen Kleindienst

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