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Kultur Christian Ehring: Wirklich witzige Menschen vor 70 Jahren ermordet
Nachrichten Kultur Christian Ehring: Wirklich witzige Menschen vor 70 Jahren ermordet
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19:49 04.10.2016
Christian Ehring, Moderator der Satiresendung "extra 3" Quelle: dpa
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Leipzig

Frage: Als „extra 3“ 1976 das erste Mal auf Sendung ging, waren Sie vier Jahre alt. Ist es Bürde oder Privileg, ein Format zu moderieren, das fast so alt ist wie man selbst?

Christian Ehring: Weil ich schon mit 26 am Düsseldorfer Kom(m)ödchen aufgetreten bin, kannte ich diesen Spagat bereits. Hier wie dort war so viel Tradition zunächst beeindruckend, hat sich aber rasch verbraucht. Man merkt ja doch bald, dass auch noch so großartige Vorgänger am Ende nur mit Wasser gekocht haben.

Schweben die Kronzuckers, Merseburgers, Lojewskis dennoch über Ihnen?

Eher über Nostalgikern und jenen Zuschauern, die uns vorhalten, wir seien nicht so lustig wie unsere Ahnen. Meine Vergleichsspanne beträgt ungefähr 15 Jahre, als die ersten in unserem Team angefangen haben. Und selbst in der Zeit hat sich die Sendung mehrfach gewandelt. Eine Folge aus den Achtzigerjahren hat nicht mehr viel mit dem heutigen Format zu tun.

Auch nicht der politische Fokus?

Nein, wobei er bei Formaten wie der „heute-show“ ohnehin dezidierter ist. Wir pflücken eher den bunten Strauß des realen Irrsinns aller gesellschaftlichen Themen bis hin zu Nachbarschaftsstreitereien. Mein Vorgänger Hans-Jürgen Börner sagte mal, wir hätten nie ein Konzept gehabt und seien stolz drauf.

Nach politischen Journalisten wie ihm waren Sie der erste kabarettistisch geschulte Moderator. Hat das die Messlatte humoristisch höher gelegt?

Meine wichtigste Qualifikation war zwar ein abgebrochenes geisteswissenschaftliches Studium, aber die Latte lag schon deshalb nicht höher, weil es bereits unter Tobi Schlegl ein Livepublikum gab, was den Showcharakter deutlich erhöht hat. Ich habe das dann dadurch erweitert, mich in der Sendung ans Klavier zu setzen. Livemusik gab es vorher nicht.

Auch keine Videos wie das Spottlied „Erdowie, Erdowo, Erdowahn“, mit dem „extra 3“ Anfang des Jahres für Furore sorgte?

Zur Person

Der gebürtige Duisburger gründet
1990 mit 18 in Krefeld sein erstes
Kabarett. Mit diversen Preise geht er
acht Jahre darauf ans Düsseldorfer
Kom(m)ödchen. Dank eigener
Bühnenprogramme macht er sich auch
als Gagschreiber für andere einen
Namen. Seit Mai 2009 gehört er zum
Team der „heute-show“ und moderiert
zwei Jahre später erstmals „extra 3“.
Ehring lebt in Düsseldorf und hat zwei
Diana Staehly. Foto: dpa Töchter.

Solche Songs gab es vielleicht nicht bei Dieter Kronzucker, aber vor meiner Zeit.

Was hat der Erdogan-Song verändert?

Für kurze Zeit viel. Es gab fast zehn Millionen Clicks und einen Wikipedia-Eintrag zum Skandal, der ja nur Auftakt des weit größeren um Jan Böhmermann war. Die Rekordquote der Folgesendung hat sich zwei, drei Ausgaben später aber wieder aufs alte Niveau eingependelt. Das war’s eigentlich.

Und für Sie persönlich?

Ich hab in kürzester Zeit 30, 40 Interviews gegeben und wurde auf der Straße angesprochen, insbesondere von türkischstämmigen Deutschen, die den Film mal gut, mal scheiße fanden. Nach kurzer Zeit zog die Karawane aber weiter. Heute ist das Video ganz schön weit weg.

Entspricht es Ihrem persönlichen Humor?

Es ist gut getextet und passte perfekt in die Erdogan-Strecke jener Sendung.

Finden Sie alles an „extra 3“ lustig?

Das Allermeiste. Ich bin kein reiner Dienstleistungsmoderator des Humors unserer Schreiber. Wenn ich mit etwas richtig Bauchschmerzen hätte, könnte ich es nicht verkaufen. Obwohl ich nicht die Diva spiele, die alles abnicken muss, wird das auch verstanden. Dennoch mache ich natürlich Kompromisse. In einem Team muss nicht jeder jeden Witz toll finden.

Hätten Sie bei Jan Böhmermanns Schmähgedicht ein Veto eingelegt?

Ja, wir denken in journalistischeren Kategorien, Jan folgt gern mal dem Prinzip Polarisieren, was auch gut so ist.

Also witzig?

Ich … also … och… nee! Was weniger am Inhalt lag als daran, dass korrekte Tatsachenbeschreibungen die absurden Beschimpfung in den Rang Ersterer gehoben haben. Nicht mein Stil. Zumal viele Türken daraufhin zu mir sagten, sie hätten es seither schwerer bei uns, weil die Stimmung aufkam, man dürfe sich von denen nicht alles bieten lassen. Ich finde die Konsequenz mutig, wie der Text Grenzen überschreitet, aber besonders die chauvinistischen Untertöne problematisch. Es ist eine Gratwanderung.

Auf der sich deutsche Satire generell befindet. Wieso schafft es selbst seriöses Kabarett so selten, sich von aufgerissenen Augen hinter dicken Brillen der Hallervorden-Ära zu emanzipieren?

Humoristisch gesehen ist Deutschland immer noch Entwicklungsland – was auch daran liegt, dass wir die wirklich witzigen Menschen bis vor 70 Jahren ermordet oder verjagt haben. Davon haben wir uns bis heute nicht vollständig erholt.

Interview: Jan Freitag

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