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Kultur Christoph Sieber: Starkes neues Programm in Leipzig gefeiert
Nachrichten Kultur Christoph Sieber: Starkes neues Programm in Leipzig gefeiert
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17:10 22.02.2019
Mitreißendes Kabarett: Christoph Sieber bei den Academixern. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Eigentlich hätte das Publikum den Keller so verlassen müssen, wie Christoph Sieber es im Entrée beschreibt: sich wie geprügelte Hunde die Treppe hochquälend, ächzend unter der Schwere der Welt, die einem das Kabarett auf die Schultern gewuchtet hat. Und eigentlich ist es wirklich nicht auszuhalten, dieses unfassbare Ausmaß von Eigen- und Fremdverarschung des Homo Sapiens, mit dem die Academixer-Zuschauer am Donnerstag konfrontiert wurden (weitere ausverkaufte Vorstellung am Freitag). Aber: Der Referent ist eben dieser Sieber, und der bringt es auch in seinem jüngsten Programm „Mensch bleiben“ spielend leicht fertig, das Treibgut alltäglicher Verdorbenheit ans scheinbar rettende Ufer der Lächerlichkeit zu ziehen.

Raffinierte Dialektik

Unschuldig steht er da, betastet mit großen Händen die Luft, als hoffe er auf einen unsichtbaren Haltegriff, der Sicherheit bietet im Wirrwarr der Widersprüche. Wenn wir beispielsweise unseren Kindern nur das Beste wünschen und ihnen gleichzeitig sehenden Auges Klima, Werte und damit die Zukunft zerstören. Sieber zitiert Gott: „Ich wäre längst aus der Kirche ausgetreten, wenn es mich gäbe.“ Dialektik, die an Finesse nicht zu überbieten ist.

Der Kölner fällt vom Glauben ab angesichts der Nie-Zweifler in Talkrunden, dieser geballten Selbstgewissheit, die Entwicklung hin zu Neuem verunmöglicht. Und doch ist es dem 49-Jährigen zu billig, Politiker pauschal als Deppen abzukanzeln, so lange das Volk keinen Deut klüger und auch viel zu bequem ist, dem Irrsinn die Stirn zu bieten: „Sich ins Kabarett zu setzen, ist noch kein Widerstand.“ Ein Volk, das sich schon von Apps manipulieren lässt („Huch, ich hab heute mein Trinkziel noch nicht erreicht“), das Panikmachern auf Facebook auf den Leim geht und längst nicht mehr spürt, dass Solidarität nichts mehr zählt. Ungekünstelt betroffen fragt Sieber hintersinnig: „Warum ist ,Würde’ ein Konjunktiv?“

Freundlich hält Sieber die Falltür auf

Zynismus von den Chefetagen bis zum Arbeitsamt, Endlos-Müllproduktion, Angstverstärkung gegen Fremde, Dekadenz, bigotte Religionen, soziale Ungerechtigkeit, das mit Geblubber gefüllte Nichts des Journalismus im Namen von Quoten und Klicks, Steuerbetrug der Mächtigen – freundlich hält uns Sieber die Falltür auf, und immerhin mit einem Lachen stürzen wir in den Abgrund, auf dessen tiefem Grund die massakrierte Moral vermatscht.

Zum einen sind es Tempo, Spielwitz und Präsenz, mit denen Sieber sein Publikum einnimmt. Zum anderen beherrscht er die hohe Kunst, den Gewissenswurm zu piesacken und Haltung einzufordern, ohne dabei die große Keule auszupacken. Wenn der Mann jongliert, dann eh lieber mit Bällen, wobei er die Flug-Choreographie perfekt dem Rhythmus seiner Wortkunst angleicht. Meisterhaft. Tosender Applaus.

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Nächster Sieber-Termin in Leipzig zur Lachmesse am 27. Oktober um 19.30 Uhr bei den Academixern. Sofort kaufbar per print@home auf der Seite www.academixer.com und ab 1. April an der Theaterkasse.

Von Mark Daniel

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