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Chronist, Ankläger, Aufklärer: Regisseur Francesco Rosi gestorben

Chronist, Ankläger, Aufklärer: Regisseur Francesco Rosi gestorben

Die erste Begegnung war ein wenig illegal. Anfang der 60er, in einem Kneipensaal, in dem zweimal die Woche Dorfkino stattfand. Viel zu jung für jeden Abendfilm, schlich ich heimlich in den dunklen Raum - und kam anders raus, als ich reingegangen war.

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Regisseur Francesco Rosi 2012 bei den Filmfestspielen in Venedig.

Quelle: dpa

"Wer erschoss Salvatore G.?" hatte einen Nerv getroffen. Eine filmische Offenbarung. Kraftvoll, explosiv, überwältigend. So ganz anders als jeder Film zuvor. Der Regisseur hieß Francesco Rosi. Ein Name, der sich sofort einbrannte. Am Sonnabend ist Francesco Rosi mit 92 Jahren gestorben.

Die Geschichte des sizilianischen Banditen Salvatore Giuliano, Robin Hood und blutiger Gangster mit Verbindungen zur Mafia, rekonstruierte Wirklichkeit mit Fakten und Mutmaßungen, die wie grelle Schlaglichter flackerten. Ein fragmentarisches Puzzle. Das Dokument einer Untersuchung, die nicht abgeschlossen ist, gedreht mit Laien aus Montelepre (Giulianos Dorf). Da wetterleuchtete wild, realistisch und dokumentar der Neorealismus der Nachkriegsjahre, in denen Francesco Rosi zum Film kam.

Dabei studierte der Sohn des Direktors einer Schiffsgesellschaft aus Neapel nach väterlichem Willen erst Jura, kam 1942 zur Armee, versteckte sich ab 1944 in der Toskana, ging nach Rom, war Buchillustrator, Sprecher, Autor und Regisseur im Radio, erst Regie-Assistent am Theater, dann bei Luchino Visconti, als der "Die Erde bebt" drehte. Rosi arbeitete weiter mit Visconti ("Bellissima", "Senso"), aber auch mit Mario Monicelli, synchronisierte und bekam mit "Die Herausforderung" 1958 endlich den ersten eigenen Film. Da war Rosi bereits Mitte 30.

Sofort aber fand er sein Thema: die Mafia und das Mezzogiorno, Aufstieg aus der Armut und die Verfilzung von Verbrechen, Politik und Wirtschaft, in dessen Räderwerk einer gerät, der raus will aus seiner Misere. Francesco Rosi wird zum aggressiven Ankläger, zum mitreißenden Chronisten unheilvoller Verflechtungen und Verschwörungen. Geht es in "Die Herausforderung" um die Mafia und ihr Gemüsemarkt-Regime in Neapel, dreht sich in "I Magliari" alles um italienische Arbeits-Emigranten, die sich als Hausierer in Hannover und Hamburg in mafiösen Strukturen durchschlagen.

Keine politischen Pamphlete, sondern gnadenlose Blicke in eine rohe und raue Wirklichkeit. Männerfilme, in denen Frauen nur ganz am Rand Platz finden. So verfolgt Francesco Rosi in "Augenblick der Wahrheit" (verdeckt gedreht in Franco-Spanien) den Weg eines andalusischen Landarbeiters zum Matador (grandios die mit langer Brennweite fotografierten Arena-Szenen). So porträtiert er in "Hände über der Stadt" einen Baureferenten und Bauunternehmer, der billig Land kauft, auf dem er teure Wohnungen baut und Armenviertel abreißt. So zeichnet er mit "Lucky Luciano" das Charakterbild eines Emigranten und in den USA verurteilten Mafioso, der nach dem Krieg nach Italien zurück darf. So erzählt er in "Der Fall Mattei" von einem Manager aus armen Verhältnissen, der Chef des staatlichen Erdölverbandes wird, Erdölkonzernen an den Profit will und bei einem Flugzeugabsturz stirbt. Drei Dramen, die einen neuen Typus des Politthrillers in die Kinos brachten.

Ein Meisterstück gelang Rosi mit "Christus kam nur bis Eboli". Ruhig und eindringlich erzählte er von den Monate der Verbannung des linken Arztes und Intellektuellen Carlo Levi durch Mussolini in das bitterarme Lukanien. Eine Seelenlandschaft der Vergessenen in bitterkarger Natur.

Einer der besten Antikriegsfilme drehte Rosi mit "Bataillon der Verlorenen" um eine Meuterei an der Alpenfront 1916. Faszinierend in ihrem eisigen, alptraumhaften Stil: "Die Macht und ihr Preis" über eine rechte Verschwörung gegen den Staat, konsequent bis zum mörderischen Ende. Eindringlich in seinem melancholischen Grübeln über politische Gesinnungen: "Drei Brüder" um einen Richter, der Terroristen jagt, einen klassenkämpferischen Industriearbeiter und einen Erzieher entwurzelter Teenies. Erstmals kommen Träume als Utopie und Alptraum in das Erzählen von Rosi.

Aus dem Werk heraus fällt ein Märchen ("Schöne Isabella"), eine barocke, aber grandiose Opern-Adaption von "Carmen" und eine völlig misslungene Marquez-Verfilmung ("Chronik eines angekündigten Todes"). Mit Francesco Rosi ist einer der größten Meister des Weltkinos gestorben.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.01.2015

Norbert Wehrstedt

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