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Clemens Meyer stellt den Film zu „Als wir träumten“ in Leipziger Kinos vor

Clemens Meyer stellt den Film zu „Als wir träumten“ in Leipziger Kinos vor

Am Dienstag feierte die Roman-Verfilmung „Als wir träumten“ des Autors Clemens Meyer in Leipzig Premiere. Der Schriftsteller präsentierte gemeinsam mit Regisseur Andreas Dresen und den Darstellern Merlin Rose, Marcel und Hauptmann den Film in der Messestadt.

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Filmausschnitt von "Als wir träumten": Dani ( Merlin Rose), Pitbull (Marcel Heuperman) und Rico (Julius Nitschkoff) (v.l)

Quelle: Rommel FilmPandora Film Peter Hartwig

Leipzig. Ab 19 Uhr liefen sie zuerst in den Passagekinos und ab 20 Uhr im Cinestar auf. „Als wir träumten“ war in diesem Jahr auch Wettbewerbsteilnehmer bei der 65. Berlinale. Doch was zeigt uns Dresen überhaupt?

Ja, das sieht auf der Leinwand so aus wie es damals tatsächlich war. Nur der Smog fehlt. Leipzig zwischen den Zeiten - das waren graue, rissige Häuser, Ofenheizung mit ewigem Kohlenschleppen, Brachen, ein tiefer Himmel, über Nacht bunt gewordene Schaufenster-Auslagen und Straßen mit gebrauchten Westautos, auf denen Gefahr und Gefährdungen lauerten.

Wer damals, Ende der 80er, Anfang der 90er jung war, der hatte den großen Traum von Freiheit - und landete in der Wirklichkeit. „Man fragte, was kostet die Welt, und merkte, dass sie schon verkauft war“, sagt Wolfgang Kohlhaase, der 83-jährige Drehbuch-Meister („Solo Sunny“, „Sommer vorm Balkon“).

Er ist gewagt ins eisig kalte Wasser gesprungen und hat „Als wir träumten“, den wilden Bestseller von Clemens Meyer, zum Film umgeschrieben. Obwohl der eigentlich als unverfilmbar galt. Das Wagnis ist auch Andreas Dresen („Halbe Treppe“, „Wolke 9“) eingegangen, der Regisseur, der wie kaum ein anderer deutscher Filmemacher seine eigene Kinosprache pflegt - und die heißt Realismus. Was hat ihn an diesem Leipzig-Roman gereizt? „Es ist ein wildes, anarchisches, auch böses Buch, das gleichzeitig zärtlich und berührend ist.“

Eine Generation nimmt da Abschied von der Kindheit in der DDR und muss ihren Weg in einem neuen, völlig veränderten Land finden. So wie Dani, Mark, Paul, Pitbull, Rico - die Freunde, die durch Reudnitz, Stötteritz, Anger-Crottendorf ziehen, die saufen, rauchen, klauen, Autos knacken, eine Techno-Disco aufmachen, von der Polizei mitgenommen werden, immer wieder in Prügeleien mit den Nazis des Viertels geraten, im Knast landen und auf dem Friedhof. Sternchen, die Dani heimlich liebt, tanzt im Sexclub, Rico versucht den Ausbruch als Boxer und geht k.o, Mark wird Junkie. Der Trip endet tödlich.

Zwischen Kindheit und Erwachsenwerden

Daheim ist für keinen mehr ein Heim. Die Eltern haben den sicheren Boden unter den Füßen verloren, Familien zerfallen, die Väter saufen oder gehen weg, die Mütter arbeiten den ganzen Tag und haben abends nur noch müde Arme und Augen. Ein Alltag zwischen Kindheit und Erwachsenwerden, in dem ekstatisch aufgedreht wird, bevor die Träume sterben. Sie schlagen zu hart auf den Alptraum Wirklichkeit auf. Der wunderbare Augenblick der Anarchie wird zum Monster, das seine Kinder mit Gewalt frisst.

Eine große, mit fiebrigem Atem erzählte Geschichte, die das Zeitgefühl und das ungezügelte Herumtreiben jener unerhörten Monate einfängt. Das versucht auch die Kinoadaption, gedreht an Leipziger Orten, die noch wie damals aussehen, in Dessau, in der halleschen Südstadt. Da gibt es atmosphärisch dichte Ansichten, die beklemmend tief in die Vergangenheit eintauchen. Ruinen-Zeichen des Zerfalls eines Landes, in dem die fünf Freunde unterm hohlen Gerede der späten 80er störrische Pioniere waren. Und Freunde.

 Diese Freundschaft versuchen sie hinüberzuretten in die Zeit der Versuchungen. Sie muss zerbrechen, weil nicht jeder den Spagat schafft. Sie suchen nach Liebe, Sex, Freiheit, nach einem Anker - und landen bei Porno-Heften, Alkohol, Verwirrung, Ernüchterung und Enttäuschung.

Buch und Film: Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase hat klug verdichtet

„Als wir träumten“, der Film, bemüht sich intensiv, aus „Als wir träumten“, dem Roman, die große Parabel über ein Leben vor und nach dem Umbruch zu übernehmen. Das gelingt ihm wunderbar im Zeichnen der inneren Stimmung der fünf Freunde, weniger als bitteres Panorama von Zeit, Zeichen und Zerwürfnis. Wolfgang Kohlhaase hat klug verdichtet, umgebaut, weggelassen: alles um die BSG Chemie, die Montagsdemo, die Wochen in der JVA Zeithain, auch Hintergründe der Freunde.

Der Buchleser vermisst trotzdem einiges. Auch ist Andreas Dresen im Ausmalen von Angst und Gewalt etwas sehr zaghaft, während ihm die wenigen romantischen Momente und besinnlichen Augenblicke, die immer etwas krude wirken, ebenso gelingen wie ein paar zerrissene Randfiguren.

Was fehlt, ist die dampfende Dramatik und dumpfe Verlorenheit der Vorlage, das Ausmalen des proletarischen Milieus und die Ekstase der ziellosen Rebellion. „Als wir träumten“ porträtiert immer noch eine verlorene Jugend, der eine oft gepredigte Utopie abhanden kam, aber ein paar schärfere, härtere Striche hätten dem Generationen-Porträt schon ganz gut getan.

Wolfgang Kohlhaase, dem überall druckreife Sätze zum Filmemachen einfallen, hatte gestern in der Pressekonferenz sofort wieder einen auf den Lippen. Was ist der Unterschied zwischen Literatur und Film? Antwort: „Wenn man liest, macht man das Licht an, wenn man im Kino sitzt, geht das Licht aus.“

Norbert Wehrstedt/lvz

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