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Kultur Copy & Waste zeigen den dritten Teil ihrer Trilogie am Schauspiel Leipzig
Nachrichten Kultur Copy & Waste zeigen den dritten Teil ihrer Trilogie am Schauspiel Leipzig
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00:26 02.04.2018
Dritter Teil von „Ceci n’est pas un HYPE!“ Little Shop of Flowers (UA) von copy & waste Ein Projekt im Leerstand mit Pflanzen Regie: Steffen Klewar Ausstattung: Silke Bauer Video: Roman Hagenbrock Musik: Laura Landergott, Kriton Klingler-Ioannides Dramaturgie: Katja Herlemann Auf dem Bild: Brian Völkner, Max Hubacher, Alina-Katharin Heipe, Annett Sawallisch, Roman Hagenbrock Foto: Rolf Arnold Honorarfrei Little Shop of Flowers Schauspiel Quelle: Rolf Arnold
Leipzig

Man könnte fast glauben, die detailversessenen Macher der Künstlergruppe Copy & Waste hätten die Meldung, die gerade durch die Presse geistert, selbst lanciert. New Yorker Mediziner wollen ein bislang unbekanntes menschliches Organ gefunden haben. Und wenn das der Fall ist, dass sogar sichtbare Organe sich im seit Jahrhunderten sezierten Beobachtungsgegenstand Mensch bis ins Jahr 2018 zu verstecken wissen, dann will man gern auch an die Entdeckung körpereigener „Nature Parts“ glauben. Und um die geht es in „Little Shop of Flowers“, der letzten von drei Uraufführungen von Copy & Waste in Kooperation mit dem Schauspiel Leipzig, gefördert vom Doppelpass-Programm der Bundeskulturstiftung.

Konsumversprechen: Nature to go

In der Leipziger Innenstadt locken die Konsumversprechen. Und seit dem Premierenabend von „Little Shop of Flowers“ am Donnerstag ist es eines mehr. „Charge your Nature here“ fordert ein Schriftzug an einem Ladenlokal im Petersbogen auf. Und ein Batteriesymbol in Grün bietet „Nature to go“ an. Wer sich anlocken lässt, findet sich jenseits der Türschwelle von unauffällig aufmerksamen Shop-Stewarts in körperbetonten Oberteilen umgeben. Das Symbol auf der Brust steht für die Firma Green Mind Exposures. Und die präsentiert ihren Shop in dieser zeitgeistigen Zwitter-Ästhetik aus sterilen Oberflächen und einem Heimeligkeits-Surrogat aus gedämpftem Licht, Vogelgezwitscher und Sitzkitzen. Das Wort Effizienz hallt implizit wider im Ambiente, wie in diesen Elektro-Impuls-Fitness-Zauberbuden. Weniger Training, mehr Effekt, heißt es dort. Und hier, bei Green Mind Exposures: Eine Stunde auf die Liege ersetzt den Gang in die reale Natur. Von „bioelektrischen“ Signalen säuselt Shop-Stewardess Annett Sawallisch und dem „Zustand der wachäugigen Müdigkeit“, in den man gleich eintreten werde. Und dann liegt man da, Elektroden an der Stirn, der virtuelle Ladebalken setzt sich in Bewegung und die Reise beginnt unterstützt von den Laptop-Musikern Kriton Klingler-Ioannides und Laura Landergott.

Vielleicht betreibt Green Mind Exposure unter anderem Namen irgendwo noch ein Chiropraktik-Shop. Was hilfreich wäre für danach, weil die Liegeposition ein bisschen die Erfahrungswelten aus erster Reihe Kino und Haarwaschbecken Frisör kombiniert. Aber egal, man findet seine Position und die Nähe zur über den Köpfen aufgeklappten Projektionsfläche ist beabsichtigt im beginnenden Spiel aus visueller und inhaltlicher Überforderung.

Künstlich oder Kunst?

Der Garten Eden, die Vertreibung aus dem Paradies, dient als Ausgangspunkt des etwa einstündigen Gedankenflusses rund um den Gegensatz von Natur und der Entfremdung des Menschen davon. Und quer durch die diffizilen, sich gegenseitig durchdringenden Grauzonen, für die der Garten als Paradebeispiel steht, weil er Natur durch Menschenhand erschafft oder komponiert. Was ist noch Natur, was Künstlich – oder Kunst. Und was darf die Kunst beim Blick auf Natur, wenn aus heutiger Sicht Sexismus-Alarm geschlagen wird. Als Zitat der jüngsten Kunstdebatte gerät das Gemälde „Hylas und die Nymphen“ von John William Waterhouse auf den Bildschirm. Was dann wieder aufgegriffen wird, wenn die Schauspieler nackt und nur von Blumen spärlich verhüllt ins Bild gesetzt werden.

Wie die Natur zurückkehrt in die Stadt über Urban Gardening und zum Gentrifizierungstreiber gerät, auch darum geht es. Überall Anspielungen zwischen Antike und Fragen auf Höhe der Zeit, Symbole, Zitate. Schon der Titel des Abends ist ja ein Zitat, bezieht sich auf das Musical „Little Shop of Horrors“ mit seiner fleischfressenden Pflanze.

Gezielt überladen

Auch visuell ist der Abend raffiniert montiert. Die Schauspieler Alina-Katharin Heipe, Andreas Hermann Max Hubacher, Annett Sawallisch und Brian Völkner agieren mal sichtbar vor Publikum, meistens aber als im Separee agierende Figuren, mal nur als Synchronsprecher, mal als live in die projizierten Bildwelten geschnittene Figuren. Die Ästhetiken reichen von an Henri Rousseau erinnernde naive Naturgemälde über psychedelisches Farbgeschwurbel bis zu einer Art Low-Budget-Wes-Anderson-Optik, wenn etwa Andreas Hermann auf der Stelle tretend durch vorbeiziehende Landschaften schreitet.

Der Parforceritt ist gedanklich und visuell fraglos überladen was man ihm ankreiden könnte. Schon allein, weil Reizüberflutung im Gegensatz zur Ruhe der Natur steht und kaum als rechtes Mittel dient, innere „Nature Parts“ aufzuladen. Aber das ist eben der dramaturgische Knackpunkt des Abends: Er setzt die eigenen Erzählung vom grünen Aufladen nach erstem Vogelgezwitscher und dem Wellness-Gimmick feucht-heißer Handtücher wieder aus und wirft sich stattdessen in den Diskurs. Die Macher Silke Bauer (Raum und Ausstattung), Roman Hagenbrock (Video) und Regisseur Steffen Klewar servieren die Reizüberflutung bewusst als Paradoxon. Der urbane Lebensoptimierer bekommt den Spiegel vorgehalten. Die Marktwirtschaft befriedigt hier selbst die Natursehnsucht nach ihren Gesetzen mit grellen Konsumhäppchen.

Insgesamt haben Copy & Waste mit ihrer Leipziger Trilogie, die sich unter dem Obertitel „Ceci n’est pas un hype“ thematisch dem Leipzig-Hype zuwendet, einen beachtlichen Bogen geschlagen vom Audio-Walk „Fight Club Ost“ über das Theaterspektakel „Gewonnene Illusionen“ bis zum jetzigen Finale im Petersbogen. Jede Inszenierung überrascht mit einer eigenen, bis ins Detail durchdachten Erzählform. Und der dramaturgische Bogen weist am Ende klug über das Spezifikum Boomstadt Leipzig hinaus.

Weitere Termine: Samstag, 5., 7., 8. April, 20 Uhr im Petersbogen; Karten: 0341 1268168

Von Dimo Riess

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