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Kultur Cutterin Monika Schindler bekommt Deutschen Filmpreis für ihr Lebenswerk
Nachrichten Kultur Cutterin Monika Schindler bekommt Deutschen Filmpreis für ihr Lebenswerk
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23:12 24.04.2017
Cutterin Monika Schindler im April in Berlin beim Empfang für die Nominierten zum Deutschen Filmpreis. Quelle: dpa
Berlin

Sie haben 35 Jahre bei der Defa gearbeitet ...

Die Defa war meine Familie! Meine Arbeitskolleginnen und ich haben zusammen die erste Liebe erlebt, geheiratet, Kinder bekommen und waren Großmütter als wir nach 35 Jahren im Studio aufhören mussten. Ich vermisse sie sehr.

War Cutterin von Anfang an Ihr Traumberuf?

Die damals typischen Frauenberufe wie Stenotypistin, Kosmetikerin, Friseurin, Arzthelferin kamen für mich nicht in Frage wegen meiner Hände. Sie wurden 1945 auf der Flucht von einem Güterzug überrollt. Meine Lehrerin schlug vor, mich beim Rundfunk zu bewerben, als Sprecherin. Rundfunksprecherin war aber kein Ausbildungsberuf, damit wurden vor allem Schauspieler betraut.

Schauspielerin wollten Sie nicht werden?

Nein, das ist nichts für mich. Beim Rundfunk haben sie mir angeboten, Hörspiele zu vertonen, das hätte ich mir gut vorstellen können, aber im Vertrag stand ungefähr folgendes: „Betreten der Westsektoren nicht gestattet.“ Diesen Passus konnte ich unmöglich unterschreiben, schließlich lebte meine Oma in Westberlin. Und die wollte ich natürlich besuchen. Also wurde das nichts beim Rundfunk, und ich habe mich in Babelsberg beworben und wurde genommen. Im Herbst 1955 sollte das Studium beginnen, aber ich wurde vergessen. Man hatte verschusselt, mich zur Aufnahmeprüfung anzumelden. Und man schlug mir vor, doch erst mal eine Lehre zu beginnen.

Sie machten eine Ausbildung zur Filmfotografin. Was kann man sich denn darunter vorstellen?

Die Lehre umfasste viele technische Bereiche, nicht nur das Fotografieren, auch das Entwickeln, Vergrößern, Retuschieren, das Licht setzen, die Entwickler analysieren und vieles mehr. Alles in der Kurzvariante, aber mir hat das für meinen späteren Beruf sehr geholfen Am Ende der Lehre standen dann noch sechs Monate im Schneideraum an.

Und Sie mussten trotzdem Montage studieren?

Ja. Ich kam glücklicherweise gleich ins zweite Studienjahr und hatte nach zweijährigem Studium mein Diplom in der Tasche. Man schlug mir sogar vor, noch Regie zu studieren, aber das wollte ich nicht. Erstens war das in den 50er Jahren ein absoluter Männerberuf. Ich war mir auch nicht sicher, ob ich dazu genügend Talent habe. Und das Leben hat gezeigt, meine Entscheidung war richtig. Ich bin sehr glücklich als Schnittmeisterin.

Worauf kommt es an beim Schnitt?

Ich schneide erst eine Rohfassung mit dem gesamten Material, um zu sehen: Was wird das für eine Geschichte, wohin führt sie? Dadurch entwickele ich ein Gefühl für den Stoff. Dabei sind Emotionen das Wichtigste, damit der Zuschauer sich berührt fühlt. Leider soll heutzutage alles sehr schnell geschnitten werden, man bezeichnet das als modern. Das schadet meiner Meinung nach den Schauspielern, ihr super Spiel kommt gar nicht zum Blühen. Sie sagen dann letztendlich nur Text auf.

Wann kommt der Regisseur ins Spiel?

Unterschiedlich, meistens nach dem Rohschnitt. Wenn wir uns schon gut kennen, bin ich dabei, wenn die Regisseure ihren ersten Schnitt anschauen. Sie leiden dabei sehr, sind erschüttert oder auch erfreut, sehen ihre Schwächen, aber auch die starken Szenen, ärgern sich oder sind glücklich. Ein Wechselbad der Gefühle. Und wenn sie wieder den Normalzustand erreicht haben, sprechen wir über das Gesehene und fangen an, Szenen zu ändern, zu kürzen oder rauszuschmeißen.

Viele Defa-Filme wurden verboten oder zensiert. Wie sind Sie damit umgegangen, hatten Sie die Schere im Kopf?

Ich war locker und habe nicht darunter gelitten. Wir haben immer vorausschauend gedacht und haben genau abgewägt, was schneiden wir ein und wo halten wir uns zurück.

Sie haben auch Egon Günthers Film „Wenn du groß bist, lieber Adam“ geschnitten, der zunächst nicht in die Kinos kam.

Der Film war gut, die Dialoge waren witzig und scharfzüngig. Das kam bei der Abnahme im Kulturministerium nicht so gut an. Man war geschockt. Sehr viele Szenen mussten mit einem neuen Text versehen werden, was dem Film seine Brisanz genommen hat.

Wie schwer war es, von analog auf digital umzusteigen?

Ich hatte vorher noch nie mit einem Computer zu tun. 1998 habe ich meine beiden letzten Filme am Schneidetisch geschnitten, Andreas Dresens „Nachtgestalten“ und „Die Braut“ von Egon Günther. Danach hatte ich begonnen, Avid zu lernen. Dann kam ein Anruf von Andreas Dresen: Monika, kannst du schon Avid? Ich: Naja, können ist übertrieben. Ich weiß ungefähr, wie es geht. Und er sagte, dann probieren wir das zusammen. In rund sechs Wochen hatten wir „Die Polizistin“ fertig. Ich habe mich durchgefummelt. Andreas war mutig, sich mit mir einzulassen. Ich bin ihm heut noch dankbar für seine Geduld. Und ich liebe ihn dafür.

Als Sie 2000 den Deutschen Filmpreis für den Schnitt von Gordian Mauggs Doku „Hans Warms – Mein 20. Jahrhundert“ gewannen, bedankten Sie sich auf der Bühne beim Berliner Arbeitsamt, das Ihnen nach der Wende erklärte, mit über 50 und einer Behinderung seien Sie nicht mehr vermittelbar.

Ich wusste ja noch gar nichts vom „Westen“, hatte keinerlei Vorstellung, was hier in der Branche läuft. Das Arbeitsamt war mein erster Kontakt mit der anderen Welt. Bei mir war ja die Vorstellung: Das Arbeitsamt ist dazu da, Arbeit zu vermitteln. Und ich bekam nicht ein einziges Angebot. Im Gegenteil, man diskriminierte mich: zu alt und behindert! Diese Wut hat zehn Jahre angehalten und ich musste das Trauma bei der Lola-Verleihung einfach loswerden.

Interview: Claudia Palma

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