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Dämonen der gepflegten Korrosion

Dämonen der gepflegten Korrosion

Durchweg neu und bisher noch nicht gezeigt sind die 24 Bilder der herausragenden Persönlichkeit in der neueren Leipziger Malerei. Seit 2006 ist es die erste Personalausstellung in der Spinnerei, wo Neo Rauch auch sein Atelier hat.

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Andrang beim Galerien-Rundgang in der Spinnerei, hier vor Neo Rauchs Bild "Speertanz", das in der Galerie Eigen+Art zu sehen ist.

Quelle: André Kempner

Verbindet sich hartes Eisen mit unsichtbarem Sauerstoff, entsteht Rost. Rotbraun überzieht die Korrosion alle Oberflächen, mindert den Gebrauchswert, sofern nicht als Edel-Patina angesehen. Patina aber ist schon lange im Werk Neo Rauchs ein vorherrschender Eindruck, auch wenn die Farbe auf der Leinwand noch gar nicht richtig trocken ist.

Die meisten der Figuren, die seine neueren Bilder bevölkern, tragen Kleidung des 19. Jahrhunderts, entweder gutbürgerliche Gehröcke und Zylinder oder schlichte Arbeitssachen aus der Epoche der rasenden Industrialisierung. So auch im "Rost" betitelten neuen Großformat. Der Mann mit Kinnbart und blauem Hemd ist simultan in zwei Szenen zu sehen. Einer nicht näher bestimmbaren Tätigkeit mit Hammer und Meißel folgt die Aufsockelung. Von unten her überzieht ihn die braune Rostschicht, abtötend und konservierend zugleich. Der distinguierte Herr neben ihm hat die Denkmalwerdung schon hinter sich, trotz des schweren Erscheinungsbildes entschwebt er. Braun und hart ist einiges in der Umgebung bereits geworden - ein eigenartiger Rammsporn mit Haifischzähnen ebenso wie das Modell eines Turmes. Sogar dessen entweichende Rauchwolke ist erstarrt. Sie steht wie ein Menetekel für den noch intakten Kühlturm heutiger Art in der Ferne, der durch symmetrische Begleitbauten eingerahmt wird, untypisch für solche neuere Industriearchitektur.

Auch wenn die Farbigkeit dort in optimistische Gelbtöne übergeht, hat die Dampfsäule im Kontext mit dem massenmedial verbreiteten Bildern von Fukushima doch etwas Bedrohliches. Nur eine Frau im eleganten Tanzkleid durchschreitet die ganze latent katastrophische Szenerie unberührt. Doch da gibt es noch das Kind im Zentrum. Sein Kopf steckt in einer pelzigen Verpackung, dennoch bindet es dem Haupthelden ein Band ums Handgelenk, hinterlässt eine Spur, die Möglichkeit blauen Himmels offenlassend.

Zwar ist die Ausstellung bei Eigen +Art die erste in einer Leipziger Galerie seit ganzen sieben Jahren, doch verschwunden war Neo Rauch in dieser Zeit nicht. Vor allem die große Retrospektive 2010 in Zusammenarbeit des hiesigen Bildermuseums mit der Münchner Pinakothek hat ihn seinen Bewunderern im Gedächtnis gehalten. Außerdem wurde im Vorjahr in Aschersleben, der Stadt seiner Kindheit, die dauerhafte Grafikstiftung eröffnet, und in Chemnitz hatte er in den Kunstsammlungen die erste Gemeinschaftsausstellung mit seiner Frau Rosa Loy.

Wenn ihm jetzt seine Stammgalerie Eigen+Art wieder eine Solo-Schau widmet, hat das wohl nicht viel mit kommerzieller Promotion zu tun, die der international angesehene Künstler nicht mehr nötig hat. Vielmehr ist es eine Würdigung seiner Arbeit, die sich auch durch eine enorme Produktivität auszeichnet.

Mehr als zehn Arbeiten in musealen Ausmaßen sind zu sehen, daneben aber auch einige kleinere Bilder. Nicht nur der bescheidenen Größe wegen wirken sie wie Etüden mit lockerem Pinselstrich und ohne die sonst so typische Verschränkung mehrerer Ebenen.

Ansonsten aber finden die Besucher genau jene Dichte und Rätselhaftigkeit, die sie von Rauch-Gemälden erwarten. Und immer auch ein klein wenig Gruselfaktor, wie es der Ausstellungstitel "Gespenster" unterstreicht. In "Die Fuhre", einem ungewöhnlich monochrom gehaltenen Bild, karrt ein Bediensteter rote Knochen für ein Paar heran, das aus Verkehr mit Wildtieren hervorgegangen sein muss. In "Speertanz" feiern bewaffnete Männer die Strandung einer Meerjungfrau mit vier Brüsten. "Das Treffen" schildert Kämpfe zwischen Hirschkäfern einerseits, Spielzeugautos andererseits. Viel Platz also für die Bildung individueller Mythologien.

Ob der Gespensterreigen von 2013 eine qualitativ neue Phase in Rauchs Œuvre darstellt, werden die Kunsthistoriker aus geschichtlichen Abstand beurteilen können. Konstant jedenfalls ist der Geist, von dem die Bilder getränkt sind.

Auch wenn der Künstler immer wieder ganz in der Tradition der Surrealisten jenen halbbewussten Zustand zwischen Traum und Erwachen als wichtige Quelle seiner Schöpfungen betont, wird dieser ohne Zweifel von weiter zurückliegenden scharfen und analytischen Denkbewegungen gespeist. Die Gesichte sind nicht weltfremd, der Schauder hingegen ist immer wohlig gedämpft. Die Figuren sind stets sehr geschäftig, ihr Tun bringt sie aber nicht mehr voran. Der Fortschritt hat braune Rostschichten angesetzt, die Kommunikation der Handelnden erschöpft sich in Monologen. Tief melancholisch versinkt man in Zeiten, in denen es noch eine Zukunft gab.

Möglicherweise liegt der überragende Erfolg Neo Rauchs neben der technischen Finesse darin begründet, dass er das allgemeine Unbehagen in der spätmodernen Welt sehr genau trifft, ohne Auswege aufzuzeigen, die sich als trügerische Utopien herausstellen könnten. Was wie Verfall aussieht, kann ja auch Patina sein.

iNeo Rauch: Gespenster; bis 7. Dezember, Di-So 11-18 Uhr Galerei Eigen+Art, Spinnereistr. 7

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.10.2013

Jens Kassner

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