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Dan Brown geht auf Dante Alighieris Spuren durch die Hölle

Dan Brown geht auf Dante Alighieris Spuren durch die Hölle

"Inferno" - schon der Titel von Dan Browns neuem Roman verweist auf einen der drei zentralen Orte, an die Dante reiste. Und es ist nicht weiter verwunderlich, dass der Thriller-Autor Läuterungsberg (purgatorio) für die reuige Büßer und Himmel (paradiso) zunächst außen vorlässt und sich auf die Hölle konzentriert.

Leipzig. Die birgt erstens deutlich mehr Schauerpotenzial und ist auch bei Dante sehr diesseitig und lebensprall beschrieben, während es in der Göttlichen Komödie, je näher sie der Gottesschau kommt, immer abstrakter und komplizierter wird.

Brown schickt seinem Protagonisten Langdon, der in einem Krankenhaus in blutdurchtränkten Kleidern erwacht, Visionen der grausigen Strafen, die die Verdammten in der Hölle zu erdulden haben: Feuerregen, den Dante auf Sodomiten prasseln lässt, der kochende Blutstrom der Tyrannen, Meere aus Fäkalien, die den Prassern bis zum Hals stehen... Ganz unten, im tiefsten Kreis der Hölle, im Eissee Cocytus steckt bis ans Ende aller Tage Luzifer höchstselbst fest, der nach seinem Sturz aus dem Himmel bis ins Innere der Erde durchgedonnert ist. Hier hat er Gesellschaft von "verräterischen Unholden, gefroren in Satans eisigem Griff": Brutus, Cassius und Judas, auf denen Dante Luzifer herumkauen lässt. Doch Brown erzählt die Göttliche Komödie natürlich nicht nach. Vielmehr verwendet er Motive aus der übergroßen Vorlage, um in bewährter Weise seinen im modernen Italien spielenden Religionskrimi zu würzen.

Leipzig. "Inferno" - schon der Titel von Dan Browns neuem Roman verweist auf einen der drei zentralen Orte, an die Dante reiste. Und es ist nicht weiter verwunderlich, dass der Thriller-Autor Läuterungsberg (purgatorio) für die reuige Büßer und Himmel (paradiso) zunächst außen vorlässt und sich auf die Hölle konzentriert. Die birgt erstens deutlich mehr Schauerpotenzial und ist auch bei Dante sehr diesseitig und lebensprall beschrieben.

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Dante lässt in den 100 Gesängen der Divina commedia rund 600 historische und mythologische Figuren von Kleopatra bis zum unglücklichen Liebespaar Francesca und Paolo auftreten und mit ihm und seinen Führern Vergil und Beatrice politische, moralische, ästhetische, theologische, philosophische, naturwissenschaftliche und mythologische Debatten führen. Das grandiose Werk gilt darum als Summe des mittelalterlichen Weltbildes.

Derlei allerdings ficht Brown nicht an. Er kehrt die scholastische Gelehrsamkeit forsch beiseite und durchleuchtet die Göttliche Komödie auf ihre Spannungsmomente hin. Schon auf den ersten Seiten ist zu erkennen, dass Brown christliche Morallehre und Dantes persönliche Abrechnungen nicht interessieren. Die Inschrift über dem Höllentor, "Voi ch'entrate, lasciate ogni speranza!" - Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!, ersetzt er durch der Losung seines Erzählers: "Hier muss alles Zögern zurückgelassen werden." Dieser Verdammte fügt sich also nicht in sein Schicksal, er entzieht sich einer Sühne, flieht vor unbekannten Verfolgern, ruft Vergil an, den römischen Dichter, der einst Dante durch die Hölle führte.

Schließlich stürzt er sich von einer Mauer in der Dante-Stadt Florenz - nicht ohne zuvor einen Blick in die Augen einer mysteriösen Frau zu werfen. Dies könnte eine Anspielung auf Dantes Jugendliebe Beatrice sein, die der Dichter in seiner Göttlichen Komödie zur Botschafterin jener himmlischer Liebe stilisiert, die "die Sonne und die anderen Sterne bewegt". Sie hatte bei Gott selbst die Erlaubnis für ihren einstigen Verehrer erwirkt, den Läuterungsweg schon zu Lebzeiten zu beschreiten, gab damit den Impuls für die Reise durch die drei Jenseitsreiche.

Die führt durch die neun Höllenkreise und zunehmend unwirtliche Landschaften. Auf den sieben terrassenförmigen Stufen des Purgatoriums schließlich wird je eine Todsünde geläutert, ehe dem Wanderer nach einem Bad im Lethe, dem Fluss des Vergessens, der Aufstieg ins Paradies gelingt - am Morgen des Ostersonntags.

Dieses Happy End bewog Dante zur Gattungsbezeichnung seines Opus summum: "Die Komödie aber beginnt mit dem Abstoßenden einer Sache, aber die Sache wird glücklich abgeschlossen." In diesem Sinne mischte Dante niedrig-grotesken und hohen prophetischen Stil.

Dan Brown, einer der meistgelesenen Autoren der Gegenwart, wird von manchen als Unterhaltungsschriftsteller abgetan. Doch auch Dante war bereits auf Breitenwirkung aus und verfasste seine Göttliche Komödie bewusst nicht im Latein der Gelehrten, sondern in jener florentinischen Volkssprache, die viel später zum Modell des heutigen Italienisch wurde. Mit Erfolg: So viele Leser wie er erreichte im Mittelalter sonst nur die Bibel, und noch heute kann man die Divina commedia in Italien am Kiosk kaufen.

Dan Brown hätte für seinen Langdon, der als Harvard-Spezialist für religiöse Symbole schon in den ersten Romanen geheime religiöse Botschaften entschlüsselte, kaum ein besseres Thema wählen können als die Göttliche Komödie. Denn die steckt voller Rätsel und Anspielungen. Und auch Dantes ausgeklügelte Zahlensymbolik bietet dem modernen Thriller-Autor viele Angriffspunkte für seine Verschwörungstheorien: Die Trinität wird bei Dante zum strukturgebenden Element: 14233 Terzinen verteilen sich auf drei Jenseitsreiche, denen nach dem Prolog je 33 Gesänge gewidmet sind, Zahlen, denen auch Langdon auf seiner Reise durchs Browns "Inferno" immer wieder begegnet...

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.04.2013

Nina May

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