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Kultur Das Früh- als Meisterwerk - Maria João Pires spielt Schumanns a-moll-Konzert in Leipzig
Nachrichten Kultur Das Früh- als Meisterwerk - Maria João Pires spielt Schumanns a-moll-Konzert in Leipzig
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18:24 23.05.2014
Nicht makellos, aber vollkommen: Maria João Pires spielt Schumanns a-moll-Konzert. Quelle: André Kempner

Hier und da seufzt im ausverkauften Gewandhaus wer vor Wonne. Dann bohrt Riccardo Chailly brutal crescendierend das doppelte E der Hörner ins Idyll, macht diesen Schluss zum Doppelpunkt. Streicher nehmen Anlauf - und mit triumphaler Geste bricht das Finale sich Bahn.

Heikel ist sie diese Nahtstelle. Oft wird sie zerdehnt oder mit allerlei Manierismen aufgepumpt, bisweilen verläppert sie sich harmlos. Maria João Pires aber und das Gewandhausorchester unter seinem Chef Chailly geben der Naturlyrik Gewicht, den getupften Klavierakkorden, denen die Holzbläser delikate Echos hinterherschicken, den zärtlichen Aufschwüngen, denen Chailly mit unerhörten Nebenstimmen sekundiert. .

Meist erdrücken die Außensätze das Zentrum dieses Konzertes. Doch in den Großen Concerten dieser Woche dehnt sich die Luftigkeit vom Intermezzo bis zu den Rändern aus. Von der Akkord-Kaskade des Beginns bis zum Prunk des Finales: Pires sucht und findet Schönheit nicht im Effekt, sondern in der Substanz. Sie setzt nicht aufs Virtuosen-Drama, sondern auf poetische Intimität. Das rechte Pedal nutzt sie kaum. Tut sie es doch, dann nicht, um Unzulänglichkeiten zu übertünchen, sondern im Dienste des Ausdrucks. Ergebnis ist ein ungeheuer differenziertes Legato, das jedem Ton seine Identität lässt, seine Farbe, seine Funktion im Fluss der Musik, den Chailly und Pires an keiner Stelle mit agogischen Mätzchen behindern. Ganz selbstverständlich, ganz ohne Pathos finden sich Flügel und Orchester. Pires' Spiel ist nicht makellos. Der weitestgehende Verzicht auf die Hilfe des Pedals ist halt riskant. Aber es ist vollkommen in seiner zärtlichen Durchdringung, die Chailly ans formidable Orchester weiterzureichen vermag.

Die Zukunft, die Schumann im Opus 54 nach langen Mühen fand, war für Mendelssohn und Brahms noch weit, als sie die Werke schufen, die das Klavierkonzert rahmen: die h-moll-Sinfonia des Teenagers, der Gewandhauskapellmeister und Zentralgestirn der Romantik werden sollte, die D-Dur-Serenade des Hamburgers, der auf dem Weg nach Wien die Sinfonie noch suchte. Zwei Frühwerke mithin, Musik, bei der oft ein Aber mitklingt: vielversprechende Ansätze, aber angesichts späterer Großtaten doch eher was für den Fußnotenapparat der Musikgeschichte.

13 war Mendelssohn, als er diese duftige Partitur schuf. Doch Chailly und die Gewandhausstreicher um Frank-Michael Erben nähern sich ihr nicht mit onkelhaftem Zwinkern, sie nehmen das Früh- als Meisterwerk. Das Elfenflirren, der Mittelstimmen-Zauber, die selbstbewusste Harmonik, die souverän beherrschte Form, sie sind nicht deswegen so groß, weil sie in Details vorausweisen auf den "Sommernachtstraum". Sie genügen sich selbst. Bitte mehr davon.

Dieses Mehr ist bei Brahms beschlossene Sache. Der ersten Serenade lässt Chailly in der kommenden Woche die zweite folgen, beide bringt Decca auf CD. Allerdings ist die erste Serenade eigentlich keine, sie ist eine ziemlich ausgewachsene Sinfonie. Der Brahms diesen Namen verweigerte, weil er noch allzu deutlich Beethoven hinter sich marschieren hörte. Doch indem er ihn zitiert, stellt er dem kolossalen Verfolger ein Bein und gewinnt so Vorsprung, um in seiner eigenen Zukunft Romantik und Klassizität zusammenzuzwingen.

Dieses Opus 11 präsentiert eine lichten Heiterkeit, einen Schalk, einen Witz, die später selten wurden bei Brahms. Und doch birgt es im Keim bereits, was die vier Sinfonien auszeichnet. Das allerdings wird nicht hörbar, wenn Interpreten auf der Suche nach Querverweisen wichtigtuerisch in der Partitur herumstochern, sondern nur, wenn sie sie aus sich selbst heraus ernstnehmen.

Das beginnt, wie so oft, beim Tempo. "Allegro molto" steht über dem Kopfsatz, was nicht "schnell" bedeutet, sondern "sehr schnell". Bei Chailly ist es sogar verdammt schnell. Adagio non troppo steht über dem dritten der sechs Sätze. Was "Nicht zu langsam" bedeutet und von Chailly mit "in ruhigem Fluss übersetzt" wird. Und so, verspielt voranstürmend im Kopf-, sanft strömend im langsamen Satz, rastet die Musik mit einem Male ein. Wieder streichelt Chailly verborgene Details aus dem Stimmengeflecht, lässt er das wunderbare Holz einzeln leuchten und im Satz, funkeln phänomenale Hörner, schmeicheln geschmeidige Streicher. Ergebnis ist der überraschende Befund, dass Brahms auch in eine ganz andere Zukunft hätte abbiegen, näher bei Haydn hätte bleiben können.

Drei Meisterwerke, meisterlich gespielt, dreimal rückhaltloser Jubel.

In den Großen Concerten der kommenden Woche dirigiert Riccardo Chailly neben Brahms' zweiter Serenade Mozarts Idomeneo-Ouvertüre und das B-Dur-Klavierkonzert KV 595, Solist ist Radu Lupu.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.05.2014

Peter Korfmacher

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