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Das Höllenlied der Liebe: José Saramagos erster Roman ist posthum erschienen

Das Höllenlied der Liebe: José Saramagos erster Roman ist posthum erschienen

José Saramago war 30 Jahre alt, als er seinen ersten Roman schrieb und an einen Verlag schickte. Er war 76 und Literaturnobelpreisträger, als er 1999 das erste Mal wieder etwas davon hörte - beim Umzug hatten sie sein Manuskript gefunden.

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Jose Saramago (1922-2010) im Jahr 2009.

Quelle: dpa

Leipzig. Am Ende lässt es Saramago krachen. Ein Leben ohne Liebe ist kein Leben, sondern ein Dreckhaufen, sagt der alte Schuster, weil alles, was nicht auf Liebe gebaut ist, Hass hervorbringt. "Alle wollen ,den Menschen' retten, aber niemand kümmert sich um ,die Menschen'." Er sagt das zu Abel, dem jungen Untermieter. "Was haben Sie vor?", fragt er ihn, und Abel sagt: "Etwas ganz Einfaches: leben." Und dass er sich wünscht, dass sein Pessimismus ihn "vor bequemen, einlullenden Illusionen wie Liebe bewahrt ..." Weil der Tag dafür noch nicht gekommen ist.

Es ist das Frühjahr 1952. Jenes Jahr, in dem José Saramago an seinem ersten Roman schrieb, ein Jahr, bevor er das Manuskript an einen Verlag gab. Eine Antwort bekommt er nie, sondern 1999 den Anruf, dass man das Manuskript gefunden habe. Doch hatte ihn das Schweigen damals derart gedemütigt, ihn in eine solche Verzweiflung gestürzt, dass er nun, inzwischen Literaturnobelpreisträger, nichts mehr davon wissen will, erklärt seine Witwe, Pilar del Río, im Vorwort und nennt "Claraboia oder Wo das Licht einfällt" das "Tor zu Saramago". Es ist, "als schlösse sich nun ein Kreis. Als gäbe es den Tod nicht." Der Portugiese ist im Juni 2010 im Alter von 87 Jahren gestorben, gewürdigt als ein Autor von Weltrang, dessen Werk bestimmt ist von der Verwandlung literarischer Fiktion in soziale Phantasie, Einordnungen als ewiger Pessimist begegnet er mit Ironie: "Ich bin kein Pessimist, sondern bloß ein gut informierter Optimist". Am bekanntesten ist wohl sein Roman "Die Stadt der Blinden" (1995). "Kain" und "Die Reise des Elefanten" sind posthum erschienen. Nun also der Erstling, und es ist ein Glück, eine aufregende Begegnung.

Claraboia ist Portugiesisch für Dachfenster, für jene Luken, Gauben, Öffnungen, durch die das Licht einfällt. Bei Saramago fällt es durch die Liebe. Wo sie fehlt, wirkt alles dunkel, farblos, stumpf. Und im Lissabonner Wohnhaus, in dem er seinen Roman ansiedelt und das er als indiskreter Beobachter über die 350 Seiten lang kaum verlässt, fehlt sie eigentlich überall. Schuster Silvestre und seiner Frau Mariana im Parterre hingegen "liebten sich so zärtlich wie vor dreißig Jahren, als sie geheiratet hatten. Vielleicht war ihre Liebe jetzt sogar größer, weil sie nicht mehr von realer oder imaginärer Vollkommenheit zehrte."

Bei den anderen Mietern sieht es düster aus und leer. "Die Zeit verging langsam. Das Ticktack der Uhr schob die Stille vor sich her, wollte sie ganz vertreiben, doch die Stille setzte ihr ihre dichte, schwere Masse entgegen, in der jegliche Laute untergingen. Unablässig kämpften alle beide, der Laut mit dem Starrsinn der Verzweiflung und der Gewissheit seines Todes, die Stille mit der Verachtung der Ewigkeit." Und so geht es den Menschen auch. Da sind die Schwestern Amélia und Cândida mit Cândidas Töchtern Adriana und Isaura, die schwärmend gemeinsam Beethoven hören, doch das Wichtigste von einander nicht wissen. Nicht, dass Isaura gepeinigt ist von "Begierde ohne Objekt", dem Willen, zu begehren, und der Furcht davor, es zu wollen. Einmal nur bricht ihr lesbisches Begehren aus.

Das Rattern von Isauras Nähmaschine stört Catano Cunha, der nachts in der Zeitungssetzerei arbeitet und "vor Fett, Neuigkeiten und schlechtem Benehmen" strotzt; ihn verbindet mit seiner Frau Justina Verachtung und Hass. Wie nah Hass und Lust beieinander liegen, beschreibt der knapp 30-jährige Saramago mit faszinierender Präzision.

Das Böse, Unzufriedenheit, Schweigen, Armut und Gewalt liegen im Schatten der Salazar-Diktatur jener Jahre. Im patriarchalisch geprägten Rollenverständnis der 50er sind Anselmo, Rosália und Tochter Maria Claudia gefangen; mit einem beinahe selbstbestimmten Weg reizt Lídia, die, seitdem sie nicht mehr anschaffen geht, sich aushalten lässt von einem Liebhaber. "Sie kannte die Männer zu gut, um sie zu lieben" und muss als einzige der Bewohner nicht jeden Escudo zweimal umdrehen. Wobei Geldsorgen das geringste Problem sind für Carmen und Emílio. Über deren Glück hat sich eine Staubschicht gelegt. So unzufrieden sind sie miteinander, so ohne Trost und doch so kämpferisch, dass Sohn Henrique zwischen die Fronten gerät.

"Wir kämpfen wie die Löwen für ein Ziel und enden als Packesel. Das liegt uns im Blut", sagt Silvestre, der Schuster-Philosoph, in einem seiner Gespräche mit Abel, die immer stärker ins Zentrum drängen und um die Saramago die anderen Familien, ihren ungestillten Hunger kreisen lässt, während alle Konflikte sich zuspitzen, bis es kracht.

"Ich habe das Gefühl, dass das Leben hinter einem Vorhang lauert und sich kaputtlacht drüber, wie sehr wir uns bemühen, es kennenzulernen", sagt Abel. Saramago jedenfalls hat es gekannt und nicht ohne Witz verdichtet.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.04.2013

Janina Fleischer

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