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Das Schafott kehrt zurück

Schaubühne Lindenfels startet in Leipzig in einen umfassenden Büchner-Zyklus Das Schafott kehrt zurück

Nicht weniger „als der ganze Büchner“ steht ab Sonntag in Leipzig und Partnerstädten auf dem Programm. die Fäden laufen zusammen in der Schaubühne Lindenfalls, und den Auftakt macht am Sonntag die letzte öffentliche Hinrichtung in Leipzig.

Elisabeth Schiller-Witzmann, verantwortlich für die Ausstellungsgestaltung und David Fischbach, der Macher der Soundinstallation, mit René Reinhardt von der Schaubühne (v.l.)

Quelle: André Kempner

Leipzig. Der Blick gleitet vom vierten Stock aus über den Leipziger Marktplatz, über das Raster der Pflastersteine. Ein paar Passanten verlieren sich auf dem Geviert. Wenig los. Es findet gerade keine Hinrichtung statt. Das war mal anders: Am 27. August 1824 rollte hier der letzte Kopf, vom Scharfrichter, offenbar ein kompetenter Mann, mit einem Hieb vom Rumpf getrennt. Die Strafe für Johann Christian Woyzeck, verurteilter Mörder. Ein Fall, den Georg Büchner zur Grundlage seines weltberühmten Dramas „Woyzeck“ machte. Am Sonntag, genau 193 Jahre nach der Exekution, wird der Marktplatz erneut zum Richtplatz. Die Schaubühne Lindenfels lässt eine fiktionale Live-Übertragung der damaligen Ereignisse von David Fischbach auf einen monumentalen Nachbau des Schafotts treffen. Und damit beginnt ein Büchner-Zyklus, der das komplette Werk des Schriftstellers mit Theater, Ausstellung und Lecture-Performances erschließt. Mit Partner-Theatern, die Lebensstationen in Strasbourg und Zürich einbezieht, und schließlich mit dem „Fragment-Festival: Büchner“ wieder in Leipzig.

Bei der Vorstellung des Projekts in den Räumlichkeiten von Regiocast mit Blick über den Marktplatz, lässt René Reinhardt, künstlerischer Leiter der Schaubühne, eine Lithographie der Hinrichtungsszene an die Wand projizieren. Sie zeigt mehr als eine Exekution. Es zeigt Stadtgeschichte, es zeigt den Zeitgeist von 1824. Das Schafott auf dem bevölkerten Platz ragte vier Meter hoch auf, wurde zur Bühne für rund 5000 Schaulustige; Honoratioren, Soldaten, das einfache Volk. In der ersten Reihe sind die Mitglieder der theologischen Fakultät zu sehen, sagt Reinhardt und betont den Widerspruch: Trotz reformierter Kirche und aufgeklärter Universität habe sich die Gesellschaft nur mit solchen Schaustücken zu helfen gewusst. Eine Exekution als Spektakel, als abschreckendes Lehrstück.

Volker Rodekamp, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums, das als Kooperationspartner im Büchner-Projekt mitwirkt, verweist darauf, wie sich im Fall Woyzeck eine Zeitenwende andeutet. Die mittelalterliche Welt mit „archaischen Tötungsritualen“ sei gestoßen auf moderne Ideen nach einer gerechten Bestrafung, die die Zurechnungsfähigkeit des Täters berücksichtigt. „Unterschiedliche Ansätze standen zur Diskussion“, letztlich setzte sich „das alte Spektakel der Macht“ durch.

Viele Spuren, auch im Leben Büchners, der als politischer Flüchtling nach Frankreich ging, weisen in die Gegenwart. Und bewusst wählen die Macher den Weg in den öffentlichen Raum, um zu irritieren und Debatten in die Stadtgesellschaft zu tragen. Reinhardt wundert sich, dass noch nie zuvor der originale Platz genutzt wurde, um performativ an den Fall Woyzeck anzuschließen. In Leipzig geschieht dies nun zunächst mit dem Nachbau des Hinrichtungs-Podests und einer Sound-Installation, in der David Fischbach, Träger des Deutschen Hörbuchpreises, Fragmente aus Büchners „Woyzeck“ mit einer fiktionalen Live-Übertragung der Hinrichtung mischt.

Anschließend ist innerhalb des hölzernen Würfels auf dem Marktplatz vom 29. August bis 10. Oktober eine Ausstellung zu erleben, die das historische Geschehen dem Dramenfragment Büchners gegenüberstellt. Gestaltet ist die mit dem Stadtgeschichtlichen Museum entworfene Ausstellung von Elisabeth Schiller-Witzmann. Außerdem erweitert Amnesty International das Konzept und blickt auf den Fall Woyzeck und die Todesstrafe aus juristischer und völkerrechtlicher Perspektive. Erinnert wird auch daran, dass die Todesstrafe zwar im August 1824 zum letzten Mal öffentlich vollzogen wurde, aber in Leipzig noch lange trauriger Alltag war. Im Rahmen einer Lecture-Performance-Reihe in Kooperation mit dem Centre of Competence for Theatre der Universität Leipzig geht das Projekt deshalb auch in die Hinrichtungsstätte der DDR (29. November).

Auftakt der Lecture-Performances ist am 23. September im Hörsaal der Anatomie der Uniklinik. Eine Kaserne (20. Dezember) steht ebenfalls auf dem Programm. Immer geht es darum, das Leben des arbeitslosen, aus Eifersucht mordenden, ehemaligen Soldaten Woyzeck von Mitgliedern des Schau-Ensembles und Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen multidisziplinär zu beleuchten.

Der ambitionierte Zyklus will auch die Lebensstationen Büchners berühren. Dafür hat sich die Schaubühne Kooperationspartner gesucht. Im Theater Winkelwiese in Zürich feiert am 17. Februar die Büchner-Novelle „Lenz“ Premiere. Ein Werk, das ebenfalls auf Tatsachen beruht und sich mit der Psychologie eines Menschen auseinandersetzt. In diesem Fall mit dem Dichter Jakob M.R. Lenz, dem man heute wohl eine schizophrene Psychose bescheinigen würde.

In Zürich, wo Büchner mit erst 23 Jahren an Typhus starb, möglicherweise von seinen Präparaten infiziert, hatte er an der Philosophischen Fakultät promoviert. In Strasbourg, wo Büchner zuvor an der medizinischen Fakultät studierte, verarbeiten die Projektpartner Dinoponera / Howl Factory Büchners „Dantons Tod“ unter dem Titel „Purge“ ab 3. April.

Die Schaubühne beschäftigt sich seit Ende 2015 mit Büchner. Man sei auf der Suche nach einem Thema gewesen, erinnert sich Ilona Schaal, Programm-Direktorin der Schaubühne. Eine E-Mail von René Reinhardt habe die Dinge ins Rollen gebracht: „Warum nicht den ganzen Büchner?“ Für Reinhardt ein „zeitloser Zeitgenosse“ und „einer, der von heute sein könnte.“ Reinhardt führt Regie, wenn das Schau-Ensemble „Fragment Woyzeck“ als Kammerspiel im Schafott-Kubus zeigen wird. Am 19. April 2018 ist Premiere. Die Zielstellung ist formuliert: „Büchners Dramenfragment als ein Kabinett der Unmündigen, als lebendiges Archiv der Woyzeck-Protagonisten.“ Dafür wandert der Holzwürfel, der zwischendurch mit der zweisprachigen Ausstellung auch in Strasbourg aufgebaut wird, zurück in den Saal der Schaubühne. Dort werden die vier Büchner-Stücke bis 5. Mai gezeigt. „Lenz“ und „Purge“ sind erneut zu sehen und „Leonce und Lena“ wird als Gastspiel eingeladen.

Woyzeck. Rekonstruktion einer Hinrichtung. Marktplatz Leipzig, Sonntag, 18 Uhr; weitere Veranstaltungen: www.schaubuehne.com

Peter Korfmacher

Ressortleiter

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Von Dimo Rieß

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