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Das Vergessen gelingt einfach nicht: Element of Crime spielten vor 1.500 Zuschauern

Das Vergessen gelingt einfach nicht: Element of Crime spielten vor 1.500 Zuschauern

Die Wolken haben am Mittwochabend mal nicht geweint, als Element of Crime auf der Parkbühne 1500 Zuschauern vor allem von schief gelaufener Liebe erzählten. Kein Wunder: Das Sprachbild ist dem kauzigen Dichterfürsten Sven Regener viel zu abgeschmackt.

Leipzig. Ein Element-of-Crime-Konzert eignet sich bezeichnender Weise nicht so gut, um die Strategien im Umgang mit Liebeskummer in die Tat umzusetzen, die Sven Regener in so vielen seiner Lieder empfiehlt. "Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist", wird er nach anderthalb Stunden als Zugabe singen, was vielleicht in Delmenhorst gelingt. Nach der niedersächsischen Kleinstadt ist das Stück benannt. Aber es funktioniert bestimmt nicht vor der Bühne im Clara-Zetkin-Park, denn hier sind sie ja alle. Die es hätte sein können. Die nicht mehr wollte. Die nicht durfte. Die es ist. "Immer da, wo du bist, bin ich nie", hat Regener kurz zuvor am Ende des regulären Sets die Unmöglichkeit beklagt, jemals ans Ziel zu gelangen.

Es ist nach einem Konzert im Januar das zweite zur Platte dieses Namens in Leipzig. Statt unter einem Hallendach tönt die wundervolle Musik, die selbst in ihren Dur-Momenten nach Moll klingt, passenderweise unter Wolken. Die besingt Regener ja auch gern, gleich am Anfang dieses Mal. "Siehst du, wie sich die Wolken zusammendrängen. Als ob es sie da oben alleine friert. Ich hab’ nicht darum gebeten, dich wiederzusehen. Wer als erster von weinenden Wolken spricht, verliert."

Lieder aus der englischen Frühphase

Zuallererst haben die fünf Musiker, nachdem sie wortlos lächelnd auf die idyllische Parkbühne geschlappt waren, aber mutig "Don’t You Ever Come Back" von 1989 gespielt, eines der englischen Lieder aus der wenig erfolgreichen Frühphase, als Regener noch längst nicht nebenbei Herr-Lehmann-Erfolgsautor war. Das Thema ist freilich selbst in der fremden Sprache das gleiche, mag der Sänger damals, hinterm Mond als Twen, auch in Liebeskummer-Fragen etwas brachialer vorgegangen sein. Ihre Katze hat er getötet, ihre Gedichte und ihre Bilder verbrannt. "You Fucked Up Your Life", wütet er bald in einem noch älteren Stück, "Don’t You Smile" von 1987.

"Uns passiert das dauernd", erklärt der Hauptakteur in einer der wenigen Ansagen, "dass ein Lied plötzlich wieder von derselben Sache handelt". Da ist gerade der Klassiker „Weißes Papier“ verklungen und wird heftig bejubelt – "alles, was du nicht magst, lobe ich mir". Das Merkwürdige ist aber nunmal – wahrscheinlich liegt darin die Faszination dieser Poesie – dass sich das Leben trotz aller Düsterkeit auf einmal leichter anfühlt. Egal, ob man sich als einer wähnt, der es hätte sein können. Der nicht mehr wollte. Der nicht durfte. Oder der es ist. "Verwirrt, träge und verliebt", wie es in "Draußen hinterm Fenster" von 1993 heißt.

"Romantik!"

Wie würde das Ganze eigentlich ohne das gelegentliche Scheppern dieses Kammermusik-Country-Ensembles aus Berlin klingen? Wie würden die wundersamen Metaphern wirken, wenn sie kein charmanter Kauz krächzen, sondern ein Tenor mit samtweicher Stimme singen würde? Oder eine Bikini-Hupfdohle mit Soul in der Stimme? Wäre eine Zeile wie "In mondlosen Nächten träum’ ich noch immer von dir", zu der Christian Komorowskis Geige lieblich säuselt, dann Kitsch? Klänge die Feststellung, dass "niemand gern allein mitten im Atlantik" sei, während Richard Pappik der Mundharmonika sehnsuchtsvolle Töne entlockt, dann hohl? Hielte man ein Bild wie das vom schlechten Gewissen, das einem „den rechten Arm auf den Rücken“ dreht, bevor Regeners Trompete schluchzt, dann für schief?

Vielleicht müssten der Tenor oder die Soul-Granate die zu Herzen gehende Stimmung auf der vorzugsweise in blaues Licht getauchten Bühne tatsächlich brechen, bevor sie allzu penetrant zu Tränen rührte. Vielleicht müssten sie alle paar Lieder die Arme zum Jubel strecken und "Romantik!" rufen wie ein Fußball-Fan den Namen seines Vereins. Regener müsste das nicht, tut es trotzdem und hat Glück, dass man ihm jede noch so unbeholfene Geste als liebenswert auslegt.

Wie ein in die Jahre gekommener Vater, der nicht weiß, wie er seinen Sohn und dessen Frau nach Kaffee und Kuchen verabschieden soll, ruft er "in diesem Sinne: tschüss" ins Publikum. Oder: "Und so ist das, macht’s gut" – nach "Kaffee und Karin", jenem Walzer vom aktuellen Album, der abermals lakonisch von der Zwecklosigkeit allen Tuns handelt. "Dass das Bier in meiner Hand alkoholfrei ist, ist Teil einer Demonstration gegen die Dramatisierung meiner Lebenssituation."

Ach Mensch, schwer zu glauben, dass einer wie Regener, der der Sprache so mächtig ist, in der Liebe nur vom Pech verfolgt scheint. Nicht einmal in Delmenhorst hat das mit dem Vergessen ja geklappt. Davon singt er im schönsten neuen Kummerlied: Wie er ein Kind beobachtet, das seinen Schuh auf ein Autodach kickt, eine Mutter, die hinfällt, als sie den Schuh bergen will, und ein weiteres Kind mit Erdbeereis, das der Mutter ein Bein gestellt hat. Alles macht ihn traurig, weil das Auto "nicht sein wahres Alter verrät" (wie sie) und das Erdbeereis plumpst und zu Dreck wird, "genau wie ich bei dir".

Bei Element of Crime wird es immer so sein, dass sie alle da sind. So wie jetzt und hier, an der Parkbühne. Die es hätte sein können. Die nicht mehr wollte. Die nicht durfte. Die es ist. Ganz egal, ob sie echt neben einem steht oder in Wirklichkeit nach Australien ausgewandert ist, zu Hause vorm Fernseher sitzt oder sehnsüchtig erwartet wird, weil sich ihr Zug verspätet. "Ganz egal, woran ich gerade denke. Am Ende denk’ ich immer nur an dich."

Mathias Wöbking

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